Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1885)
- Article
- Der Gottesruf an Israel
- Date
- 1885-05-19
- Page
- 326 (sequence 2)
- Language
- German
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Kennst du die Stimme, die dich einst gerufen, Die dir verkündete das Freiheitswort, Kennst du den Arm, der machtvoll dich errettet, Kennst du den Schützer, deinen treuen Hort? Zu einem Volk hat er dich da geschaffen, Gab dir den Körper, da du körperlos, Da du gcfügeS Spielzeug der Despoten, Voll Schwäche wärest, obwohl du riesengroß. Doch warst ein Leib du nur, noch ohne Seele, Ein Volkes k ö rp er ohne Volkes g ei st, Ohn' Zweck und Ziel, selbst blind, von Gott geleitet, Kanntest du noch nicht, was Gotteöfreiheit heißt. Da tönt' das Donnecwort aus Horebs Höhen, Wie zündend Blitze wurd' es hell in dir. Die Zukunft leuchtet, die Verheißung winket, ״Mit That und Geist sei Thorah mein Panier!" Die Völker staunten, die Nationen bebten, Hoch aufgericht' schritt Israel hindurch, — hjp flphrp tragend in bcn Armen, Die Zinnen Zions, Gottes hehre Burg. Und ist auch jetzt von dort die Lehr' geschwunden, Ist Israel auch seinem Gotte fern, Noch lebt der Gott, der einst sie ihm gegeben. Noch winket dir der goldne Hoffnungsstern. Auf denn, mein Volk, ans deinem Sklavenschlummer, — Horch! die Posaune ruft: erwacht, erwacht! Streif ab die Fesseln finsterer Gewalten, Zur Freiheit tönt der Gottesruf mit Macht! MsMsmus und IudenLßum. Bon Friedrich Nott. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Ob er kommen würde? — Doch wie konnte er ihn weiter hier erwarten, hier wußte er keine Gelegenheit, sein Brdd zu verdienen. Und er hatte bereits seit Wochen ausschließlich nur von Vrod gelebt. Anfangs hatte er zwar täglich in der jüdischen Nestauration die Mittagsmahlzeit eingenommen, doch, dadurch drohte sein Vermögen allzu rasch zu schwinden, dann hatte er sich darauf beschränkt, nur die Haupt׳ Mahlzeiten am Sabbath dort zu genießen, doch auch dieses hatte er bald aufgeben müsien. — ES war Abend, der letzte Zug war eben äugelangt. Wiederum hatte der junge Mann alle Angekommenen mit beinahe angstvoller Aufmerksamkeit betrachtet, und wiederum hatte er den nicht getroffen, den er von Tag zu Tag mit immer größerer Sehn- 326^ sucht erwartete. — Abgespannt, müde, das Haupt auf die Brust gesenkt, entfernte er sich langsam vom Bahn- Hof, wollte langsam seiner ärmlichen Wohnung zuschreiten. Da legte sich plötzlich eine Hand aus seine Schulter, eine freundliche Stimme redete ihn an. ״Guten Abend, Herr Person, wie geht es Ihnen denn? wir haben schon lange nicht das Vergnügen gehabt. Sie bei uns zu sehen." Es war der Besitzer der erwähnten Restauration, in der der junge Mann anfangs zu speisen pflegte. Höflich erwiderte er die Anrede; doch seine Stimme war so matt, daß der Andere besorgt auf ihn blickte. ״Sie scheinen sich nicht wohl zu fühlen, lieber Freund." ״O doch — ich fühle ntich ganz wohl." Herr Meier schüttelte den Kopf. ״Ihre Stimme, Ihre Haltung, Ihr ganzes Wesen widerspricht der Versicherung Ihres Wohlbefindens. Oder ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren?" ״Ich erwarte meinen Vater." entgcgnete der junge Mann mit gepreßter Stimme, ״schon seit Wochen von Tag zu Tag, von Zug zu Zug, und immer vergebens." ״Und Ihr Vater hat Ihnen nicht geschrieben, warum er nicht kommt?" Der junge Mann schüttelte seufzend das Haupt. * ״Ach so, dann versteh' ich freilich Ihr trübes Aussehen. Aber, bester Freund, Sie müssen sich das nicht so zu Herzen nehmen. Durch zehnerlei Angelegcnheiten kann Ihr Vater am Kommen verhindert worden sein; und daß er's Ihnen nicht schreibt — du lieber Gott! wie viele Briefe gehen so'n Jahr hindurch verloren. — Wo speisen Sie. denn jetzt?" fuhr der frenndliche Mann fort, indem er langsam an der Seite des Andern weiter schritt, ״bei Kohn? haben vielleicht einen Freund, der dort speist? — Brauchen sich nicht zu gcniren," fuhr er gutmüthig fort, als er sah, daß der junge Mann die Lippen auseinander preßte, und daß sein bleiches Gesicht sich für einen Moment mit dunkler Gluth überzog, ״brauchen sich nicht zu gcniren, ich nehme es Keinem übel, der der Gesellschaft halber auch einmal bei Andern speist, des besseren Essens wegen thut eS Keiner, denn in dieser Beziehung nehme ich cS niit Jedem auf. — Speisen bei Kohn oder bei Levi?" Der junge Mann preßte abermals die Lippen auf einander, und abermals stieg auf einen Moment das Blut ihm ins Angesicht; endlich sprach er, aber seine Stimme war seltsam belegt. ״Ich speise in keiner Restauration." ״In keiner Restauration?" fragte Herr Meier verwundert, ״aber wo denn sonst?" ״In meiner Wohnung," entgcgnete der junge Mann gepreßt.