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Jeschurun · 1885-05-19 · Heft 21 (19.5.1885) · p. 324

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 21 (19.5.1885)
Article
Fanatismus
Date
1885-05-19
Page
324 (sequence 2)
Language
German
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324, schreitenden Intoleranz überzeugt. Wer aber verdient hier in Wahrheit daß Prädikat fanatisch und intolerant? A., B. und E. haben lediglich ihrer gewissenhaften Ueberzeugung durch Wort und That Ausdruck derliehen. Freilich war diese nicht nach dem Geschmack der Uebrigcn. Aber kein Mensch wird leugnen können, daß sie das Recht hatten, ihre Meinnng zu äußern und in ihrer Behausung zu Gott nach ihrer Weise zu flehen. Das Kriterium. deS Fanatismus dürfte aber ohne Zweifel darin zu finden sein, wenn man seinen Nebenmenschen nicht die ihnen zusagende Meinung gönnt und cS als ein Attentat betrachtet, wenn sic bei derselben beharren. Demnach macht sich die Mehrheit des Vergehens des Fanatismus gegen A., B. und C. schuldig. Die gegen diese gewendete Anklage fällt in allen Maßen aus die Ankläger zurück, welche die Unschuldigen eines Fehls zeihen, dessen sich die Gemeinde- Majorität schuldig gemacht, und zwar gerade durch diese Anklage und Verunglimpfung. So ließen sich die Fälle bis ins Unzählige vermehren, in welchen innerhalb des Gemcindelebens von Seiten der Reformer Fanatismus geübt wird und die von diesen getroffenen Orthodoxen dessen fälschlich ge> ziehen werden. Ist es aber im gewöhnlichen Privatleben anders? N. N. empfängt von seinem Freunde 3t\ eine Einladung zur Beriß-Milofeicr seines Sohnes. Nun weiß der Eingeladene, daß sein Freund und seine Gattin eS mit der Beobachtung der Spcisegcsetze nicht sehr genau nehmen. Sie machen gar kein Hehl daraus, daß sie ״außerhalb ihres Hauses" dieselben nicht berücksichtigen. ..Unser Haushalt aber ist ganz koscher," versichern sie stets mit vieler Emphase. N. N. nimmt aber doch Anstand, der Einladung Folge zu leisten, und da er ein offener ehrlicher Mann ist, so macht er seinem Freunde auch kein Hehl aus dem Grunde der dankenden Ablehnung. Da braust aber Herr X. gewaltig auf: ..Daß Sie ein solcher Fanatiker sind, hätte ich aber doch nicht gedacht!" Ist aber dieser Vorwurf gerechtfertigt, ist es fanatisch, wenn N. N. die Einladung ansschlägt? Sicherlich nicht. Er verfolgt damit seinen Freund in keiner Weise, er zeiht ihn keines ungerechtfertigten Fehls, er schmäht ihn nicht. Er thut weiter nichts, als wozu er durchaus berechtigt ist, und was auch ganz ver« nünstig erscheint. Ihm sind die Spcisegcsetze heilig und thcuer, er bringt für deren Beobachtung die schwersten Opfer, er darf nur dort speisen, wo er der gleichen gewissenhaften Rücksicht auf diese Gesetze gewiß sein kann. Da aber sein Freund und dessen Gattin zugestandenermaßen in diesem Punkte nicht so denken wie er, so kann er die gleiche Sorge für daS Kaschruh bei ihnen nicht vorausfetzen und muß deshalb die Eintadung ablchnem Sein Freund N. aber, der dieses als Fanatismus verschreit, der ist in Wirklichkeit sanatisch und intolerant. (Schluß folgt.) AM dcil Kulissm des Alrljsemtisiiuls. Aus der ״N. f. Pr." (Schluß.) Es ist leicht zu crmcffcn, wie viel Vertrauen einer wissenschaftlichen Autorität zukommt, welche, wie dieses schriftliche Geständniß beweist, erst nach Publikation einer großen Anzahl von angeblich aus den Quellen geschöpften Schriften über den Talmud eS unternimmt, in die Sprache dieses Werkes sich cinweihen zu lassen, und noch dazu mit einem so entschiedenen Mißerfolge. Indessen könnte immerhin die Glaubwürdigkeit der in diesem Briefe von Brimannus gemachten Mittheilung in 31׳un[d gezogen werden, nachdem Proseffor Rohling, in einer beträchtlichen Anzahl von Broschüren und Zeitungsartikeln Belegstellen aus den hebräischen Schriften mit Hinweisung auf die Quellen angeführt hat, die ihrerseits wieder zitirt und die Zitate wieder verwcrthet worden sind. Allein die wisstnschaftliche Kompetcnz des Professors Rohling wird hierdurch nicht zum ersten Male bestritten. Seit mehr als Jahresfrift schwebt zwischen Rohling und dem ehemaligen Abgeordneten 1)1׳. Bloch ein Ehrcnbelcidigungsprozeß, dessen Gegenstand gleichfalls die Frage ist, ob Professor Rohling selbst die von ihm benützten Zitate ans den Quellen geschöpft habe und zu schöpfen im Stande war. Daß nun Brimannus mit Rohling, in Beziehnng, und zwar in naher Beziehung stand, daß diese von einem Verhältnisse herrührte, welches wenigstens dem in dem obigen Schreiben des Brimannus angedeuteten sehr ähnlich sein muß, das geht aus einem Briefe hervor, den Rohling selbst an Brimannus geschrieben hat. Dieser Brief bezieht sich auf den Prozeß gegen Di׳. Bloch, und auch dieser Brief von der Hand Professor Rohling's befindet sich im Besitze des Dr. Elbogcn, der ihn von Brimannus erhalten und uns in das Original Einsicht gewährt hat. Der Brief lautet: Ohne Datum. ״Mein Lieber! Di׳. Pattai*) ist hier und sagt, daß gegen Bloch vor Gericht der Beweis der Wahrheit geführt werden muß, und wie ist das möglich, wenn Sie mm fortgehen? Sie müssen mit nach Wien. Der Prozeß wird im Januar oder Februar sein. Wollen Sie also nicht bis Ostern ganz hier bleiben? Ich ver- *) BerLheidiaer Professor Rohling'-.

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