Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1885)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1885-05-14
- Page
- 319 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«rrö ein eigenes bescheidenes Heim zu schassen, das soll das anzustrebendc Ziel sein. Wohl wissen wir hier, daß auf dem Kontinent vielfach die weise Gepflogenheit! herrscht, den! herumirrcnden Bruder eine Schlasstätte! für eine Nacht, ein Stückchen Brod und einen Zehr- ׳ Pfennig für die Weiterreise zu gewähren, dann aber zu ihm zu sprechen: hier ist deines Bleibens nicht länger als 24 Stunden, die sind um; — marsch, weiter! Wir aber sollten nicht also sprechen. In jenen fest׳- ländischen Orten darf überhaupt Niemand sich ntebcrlaffen, der nicht Brief und Siegel darüber hat, wo er zuständig ist, und dann muß ihm auch erst die hohe Polizei die Erlaubniß erthcilen. Hier aber fragt man nicht lange. Wenn du fleißig und redlich arbeitest, sagt England zu Jedem der seine gastlichen Küsten betritt, so bist'du mir willkommen. Wir englischen Juden sollten deshalb uns wahrlich nicht von festländischer Engherzigkeit anstecken lassen, sollten jedem Bruder die Rechte bieten zum altjüdischcn FriedenSgruß und sagen: lasse dir eS wohl sein bei mir, Bruder. Hier findest dn ein? bescheidene Gaststube und wenn du den Staub von deinen Füßen geschüttelt, dann will ich dir auch die Mittel und Wege weisen, auf welchen du dir selbst eine kleine Hütte hier bauen kannst. So sprechen aber Viele nicht. Die legen bedächtig den Finger an die Nase und meinen: Ja, wenn wir hier cs zu gut machen, dann kommt uns ganz Rußland. Polen, Galizien und Rumänien auf den Hals, und das wäre doch gar zu viel. Diesen bedächtigen Männern möchten wir aber sagen: Scheidet nur von Eurem Vermögen und Eurem Verdienst gewissenhaft Maasser, den Zehent für den bedürftigen Bruder aus, sorget dafür, daß alle Eure Genossen ebenso handeln. Ihr seid ja als Juden dazu verpflichtet, dann sind die. Mittel vor- Händen und es braucht Keiner zu darben. Habt Ihr erst alle also den Zehnten den Armen regelmäßig zukommen lassen, wie es das jüdische Gesetz und die altjüdische Praxis will, und Ihr reichetnicht aus, dann könnt Ihr sagen, wir haben jetzt in London das Unsrige gcthan, du, lieber Bruder, mußt dich anderswo umsehen. So lange aber nicht in solchem Umfange die jüdische Liebespflicht geübt ist, so lange darf man von jüdischer Wohlthätigkcit nicht sprechen. Das mögen die Brüder alle wissen, und nicht engherzig an sich denken und an die Belästigung, die man durch den Armen empfindet. Jüdische Wohlthatiakeit beruht auf Maasser, auf Ausscheidung des zehnten Thcils des Vermögens und Verdienst«^ zu wohlthätigen Zwecken. Wir haben uns nur durch gewissenhafte Beobachtung dieser Pflicht, welche ehedem allgemein war, erhalten und stets die Mittel gefunden, bcm unglücklichen Bruder beizusiehen. Uud jetzt sollte diese echt jüdische Humanität gewichen sein aus unserer Mitte?? Rußland. ...v. Warschau, 6. Mai. Die sogenannte Judcnkommission läßt noch immer nichts von sich hören. Die von ihr vcranlaßte statistische Aufnahmen weisen 2 930 639 jüdische Seelen unter einer allgemeinen Bevölkerung von 25 500 000 in den den Juden geöffneten Gouvernements auf. — In Suwalk legte kürzlich eine große Fcucrsbrnnst vierzig jüdische Häuser in Asche, wodurch an hundert Familien obdachlos geworden sind. — In Lublin verstarb dieser Tage der Bischof Wnarowski, welcher stets gegen die Inden ein beson». dercs Wohlwollen bethätigt hat. Derselbe wird deshalb auch von der israelitischen Gemeinde, welche sich bei seinem imposanten Leichenbegängnisse bctheiligte, tief betrauert. * K'owno, N. Mai. In dem Prozesse wegen Ausschreitungen gegen Inden in Dombrowitzky wurden einer der Angeklagten zu Zwangsarbeit, drei zu 1 - bis 2'/2 jährigem Zuchthaus und zehn zu Gefängnißstrafen von verschiedener Dauer verurtheilt. Türkei. * KonstanLirwpel, 29. April, lieber die Vorgange in der Vorstadt von Konstautinopel wird andern Blättern Folgendes berichtet: Die polizeilichen Er- Hebungen über jüngst vorgckommcne Iudenexz esse ergaben, daß 40 von Juden bewohnte Häuser von den Exzedcnten mehr oder weniger beschädigt wurden. Bisher befinden sich 63 Personen, darunter 5 Frauenzimmer, in Haft. Die Mehrzahl der Verhafteten ist griechischkatholischen Glaubens. Infolge der polizeilichen Vorkehrungen kehren die geflüchteten Juden allmählich in ihre Häuser zurück. Der Sultan hat sich über den Vorfall sehr mißbilligend ausgesprochen und den Polizeiminister für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich gemacht. Amerika. * Panama. Es wird berichtet, daß hier etwa dreihundert Juden wohnen. Die erste Ansiedelung erfolgte von St. Thomas aus. Viele Inden stehen in den Diensten des Herrn von LessepS, andere betreiben Handelsgeschäfte. Sabbath und Feiertage sotten i!n Allgemeinen streng beobachtet werden (?), obgleich nur an den im Herbste stattsindenden Festtagen öffentlicher Gottesdienst abgehalten wird. Wie es mit der Schcchiw und anderen religiösen Institutionen einer Gemeinde steht, wird nicht mitgctheilt; wohl aber, daß ein Verein zur Hülfe in Kranlheits- und Todesfällen vorhanden ist. Dagegen aber sott für die Unterweisung in der Religion fast gar nichts geschehen.