Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1885)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1885-05-14
- Page
- 316 (sequence 2)
- Language
- German
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316 Nur leider kann man Professor Strack nicht zu ״den Taugenichtsen der Judenpresse" zählen. Was aber dann? Nichts einfacher als dieses für einen genialen Mann. Man wiederholt mehrmals dieselbe Geschichte, beruft sich nochmals auf den ״gelehrten Talmudisten," der ihn also jedenfalls mit Lügen bedient haben muß, aber ist im Ucbrigen so rücksichtsvoll, den Namen dieses fantvscn Gewährsmanns ganz geheim zu halten, damit ihm ja kein Schaden zugesügt werden kann. Dann geht man auf eine Statistik der Meineide über, nicht welche Juden, sondern welche überhaupt geschworen worden sind. Man wärmt wieder den alten Kohl von dem christlichen Eidestcistcr und dem jüdischen Richter als Eidesabnehmer auf. und — ja, jetzt kommt das Große — läßt dann einen Inden, einen veritablen, leibhaftigen Juden, Dr. M ay mit Namen, auftreten, welcher gegen Professor Strack polemisirt und die Juden schlecht macht und Unwahrheiten über Talmud, Kol- Nidrc u. s. w. auftischt, so daß Herr Hofprediger Stöcker sich bei ihm bedankt und zwar dafür, ״daß er bewiesen hat, wie eS nicht nur nicht unmöglich ist, daß ein jüdischer Talmndist sich gegen den ״Kol-Nidrc" auüspricht, sondern, daß er es selbst gethan hat." Ist das nicht großartig? Professor Strack geschlagen von einem jüdischen Bundesgenossen Stöckers! Sollte dieser obskure Di׳. May vielleicht auch der famose ״gelehrte Tal- Mttdist" des Herrn Stöcker sein? || Bad Nauheim, l. Mai. Der hiesige Unterstützungsverein für ar!ne jüdische Kurbedürftige erhielt, wie das ״Frft. Journ." meldet, in der Saison 1884 ca. 1100 viL an Geschenken, woraus sieben Männer und zwei Frauen mit!93 Bädern und 261 Ver׳ pflegnngstagcn unterstützt wurden. Dieselben erhielten freie Bäder, Wohnung, Kost, Medikament n. s. w. und wurden unentgeltlich von den Herren Dr׳. Groedel und Dr. Schott behandelt. Auch hat der Verein einen Fahrstuhl für Gelähmte angeschafft. Leider mußte ein großer Theil der cingereichten Gesuche der beschränkten Mittel wegen unberücksichtigt bleiben. B. Bonn. Sie haben in jüngster Nummer die Mittheilung der ״Münchener Allgemeinen Zeitung" aus Petersburg über den Ucbertritt des Gründers der Sekte ״Neu-Jsrael" zur russisch-orthodoxen Kirche gebracht. Hierzu bemerkt nun die ״N. Ev. K.-Ztg.", daß sich diese Nachricht auf Josef Rabbinowitz nicht beziehen kann. ״Dieser hat (wie bereits gemeldet) am 24. März 'in Berlin durch Professor Mead aus Andover die Taufe empfangen auf ein Glaubensbckenntniß hin, das uns gedruckt vorliegt (״Glaubensbckenntniß der Israeliten des Neuen Testaments") und das sich jedenfällst nicht ״auf den Boden eines freisinnigen Proteltantismus" stellt. Ucbrigens erweist es sich in Kischincw als ein Uebelstand, daß eS dort jetzt zwei Strömungen aus dem Judenthum nach dem Christenthum hin giebt, eine durch FaltinS Vermittlung in die bestehende evangelische Kirche einmündende, und jene von Rabbinowitz, der nun allsabbathlich Gottesdienst hält, repräsenürtc, national-judenchristliche. .Es wird nicht leicht sein, diese Parallelen in friedlichem Nebeneinander zu erhalten." Ich glaube, daß uns dieses Alles im Grunde ziemlich gleich sein kann. Was wir von dem Herrn Rabbinowitz zu halten haben, das ist davon unabhängig, ob er zur protestantischen oder griechischcn Kirche übergetreten ist. -6- Nlui, Mai. Der nachstehende Bericht dürfte sowohl in mancher Hinsicht ein allgemeines Interesse haben, als auch besonders von den Israeliten Württembergs freudig begrüßt werden. Bei dem Privatgottesdienst des hiesigen Herrn Isaak Sternberger wurde der hohe Geburtstag unseres vielgeliebten Königs ebenfalls wie im ganzen Lande gefeiert. Es wurden geeignete Psalmen respondirt und ein dazu besonders vclsaßtes Gebet vorgctragen, welches die innigsten herzlichsten Segenswünsche für die baldige und dauernde Wiedergenesung Sr. Majestät zum Himmel sandte. Herr Sterubcrger hatte schon bei der Abreise des Königs nach Nizza neben dem für Samstag vorgeschriebenen Gebete noch ein weiteres hinzugefügt, daß Gott Sr. Majestät unfern in Ehrfurcht geliebten König bald wieder gesund zurücksühren, und an der Seite Allerhöchst deren Gemahlin unserer geliebter. Landesmutter noch viele Jahre leben lassen möge, lieber diese prunklose aber herzliche Feier wurde an dem in Nizza mit seiner Gemahlin weilenden Könige von Herrn Sternberger selbst berichtet, und zugleich ganz ausdrücklich betont, daß er aus rituellen Beweggründen die Synagoge nicht besuchen könne und deshalb genöthigt sei, in seinem Hause Gottesdienst abzuhalten. Dieser Bericht ist von Sr. Majestät gnädigst ausgenommen worden. AuS dem Kabinct Sr. Majestät des Königs empfing Herr Sterubcrger ein überaus huldvolles Dankschreiben, in welchem Sr. Majestät für die dargebrachten' guten Wünsche gnädigst danken läßt. Zur nicht geringen Befriedigung sei hieraus konstatirt, daß unser vielgeliebter König allen seinen Untcrthanen die gleiche Huld zu Theil werden läßt und ihm auch die geringste Minorität werth und theuer ist. Oesterreich-Ungarn. 6-. Wien, 10. Mai. Aus Budapest meldet man mir den Austritt Jstoczy'S aus der Antisemiten- Partei. Im Klub herrscht große Aufregung. Mit Jstoczy scheiden unzweifelhaft auch seine intimeren Freunde. Dieser Zwiespalt bedeutet die Auflösung der Partei. Die Veranlassung des Zwistes sind Verluste, welche ein vor Kurzem eingegangenes AntisemiLenblatt