Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1885)
- Article
- Die Sabbathianer
- Date
- 1885-05-14
- Page
- 308 (sequence 2)
- Language
- German
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'׳808 sie mktfcnueife bei Rechtsgelehrten eingeholt hatten, wußten sie, daß diese Drohungen nichts als bramarbasircnde Redensarten wären, welchen nicht die geringste Bedeutung beiaelegt zu werden brauchte. ״Wir wissen sehr wohl," so schloß der Domherr seine Rede, ״daß ihr in cncrn Gebeten, welche ihr so peinlich geheim zu halten bestrebt seid, darum flehet, daß Gott Pest und Roth über die Christen schicke und sie von der Oberfläche der Erde vertilge. Ihr beschimpft und befubclfc in cum» heidnischen Gebeten die heilige Kirche, warum würdet ihr denn sonst euere Gebetbücher so sorgfältig geheim halten? Aber wartet, wir werden den Arm des Gesetzes wider euch wachrufen, und ihr werdet für eure Schmähungen schwer büßen." Da erhob sich der Greis erregt von seinem Sitze und ries in sichtlicher Entrüstung: ״Wir haben es ruhig angehört, Herr, wie Ihr uns geschimpft und gedroht habt, wir erdulden gerne das Schlimmste für unfern Glauben, sowie unsere jüdischen Brüder sich für ihn martern und verbrennen haben lassen, wir werden cs aber nie stillschweigend zugeben, daß unsere heiligen Gebete durch solche falsche Beschuldigungen verunglimpft werden. Denn es ist Lug und Trug, was Ihr da von unseren Gebeten gesagt habt. Wir beten zum Gott des Himmels und der Erde, daß er uns bald seinen Erlöser senden möge, aber von Flüchen und Verdammungen gegen die Christen steht nichts darin. Wir haben unsere Gebetbücher nur banint so sorgfältig verheimlicht, damit wir sic vor Entweihung und uns vor Verfolgungen bewahren. Hier habt Ihr eins vou unseren Gebetbüchern," — er nahm ein Gebetbuch ans der Tasche und übergab cS dem Domherrn — ״untersucht cs genau und wenn cs nur eine Silbe von dem enthält, dessen Ihr es anklagt, ss werden wir wieder Christen, und Ihr könnt mit uns thun, was Euch gefällt." Darauf erhoben sich Alle und verließen die Gemeindestube. Den Geistlichen blieb nichts Anderes übrig, als unverrichteter Sache wieder abzuzichen. Unterdessen ließ sich auch der Pester Prcdiger D1\ Kohn ein solches Gebetbuch kommen und unterbreitete es dem Minister, wahrscheinlich um für den voraussichtlichen Fall, daß die Angelegenheit vor die Regierung!ommett würde, hierdurch allen BornrtheUcn und etwaigen falschen Beschuldigungen vorzubeugen. Und eS kam auch so. Auf Veranlassung der Geistlichkeit ließ die abmimfiraaoe Behörde einen ziemlich ungünstigen Bericht ׳über den sensationellen Fall an das Knltusministcrilim abgchen, mit dem Ansuchen um diesbezügliche Instruktion. Mit Bangen sah man der Herablangung des Ministcrialbescheidcs entgegen. Endlich kam der Ministerialenaß und rechtfertigte glänzend das Vertrauen, welches die Konvertiten gleich von Anbeginn in den erleuchteten Geist des Baron Eotvös setzten. In dem Reskripte hieß es, man möge den Leuten unbehelligt ihre ״Kaprize" gewähren, man solle ihrem Wunsche willfahren und sie aus den katholischen Malrikeln streichen; man habe nicht das Recht, sie zu zwingen, sich einen katholischen Seelsorger zu halten und zur Aufrcchthaltung der Kirche beizntragen. Man kann sich vorstellcn, was für einen Jubel die Bekannt- Werbung dieser Verordnung hervorrief. ES wurde abermals eine Deputation abgescndet, um dem edlen und hochherzigen Minister zu danken und um mit maßgebenden Persönlichkeiten über die Art der Konstitnirung zur jüdischen Gemeinde Rücksprache zu halten. Man war über diesen Punkt bald einig. Die Pester Kultusgcmeiudc schenkte ihnen zwei Sifrc-Thora, und für einen zu erbauenden Tempel wurde im ganzen Lande eine Kollekte veranstaltet. Bald war das nöthigc!Geld betfammen, und in kurzer Zeit erhob sich in dem Dorfe eine sehr nette Synagoge. ES wurden einige Neligionstehrer angestcllt, welche Alt und Jung. Männer und Frauen in der hebräischen Sprache und in den GlanbenSsatznngeu unterrichteten. Zwei Jünglinge, von denen einer mein Gewährömann war, gingen sogar nach Prcßburg, um sich dort eine gründliche Kenntniß der jüdischen Religion zu verschaffen. Man kam! sich denken, welche Sen-׳ fation die schmucken, ungarischen Bursche in ihrer nationalen Kleidung auf dem Parkett der Schinr-Stube Hervorriesen. Sie fanden liebevolle Aufnahme und Förderung bei dem seit damals verstorbenen seligen Rabbi Fischmann. Sie blieben einige Jahre in Preßbürg und lebten in regem Verkehr mit vielen der alfölder Bachurini. Heute besitzt die kleine Gemeinde bereits alle nöthigen rituellen Einrichtungen. Sie hat einen Nabbinatsvcrweser, eine gut besuchte jüdische Schule, und Alle ohne Ausnahme lesen und verstehen heute schon Hebräisch. Dabei haben sie aber ihre alte Lebensweise und manche ihrer schönen Gebräuche, welche n'.it dem Judenthnme nicht in Widerspruch stehen, beibehalten. Sic bearbeiten nach wie vor ihre Felder, kleiden sich so wie die übrigen Szekler, mit einem Wort, sie sind Bauern geblieben, was sie aber nicht hindert, treue Söhne und Töchter des JudcnthumS zu sein. Sie besitzen einige wohlthätige Vereine, darunter auch eine Chewrah-Kadischa, deren gegenwärtiger Vorsicher der biedere Kowatsch Daniel ist, welcher, wie mein Gewährsmann nur mittheilte, trotz seines hohen Alters sich noch immer des besten Befindens erfreut. — Gottes Segen walte über den wackeren Menschen!