Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1885)
- Article
- Türkei : Konstantinopel [Nachricht]
- Date
- 1885-05-07
- Page
- 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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302 ein Schreiben, in welchem er ihm um die Geltendmachung seines Einflusses auf den griechischen Pöbel zur Verhütung neuer Exzesse ersuchte. Das würdige Oberhaupt der griechischen Kirche kam dieser Aufforderung bereitwilligst nach. Zugleich erließ die Polizeibehörde eine ernste Strafandrohung gegen jeglichen Versuch einer abermaligen Ruhestörung und eine Bekanntmachung, in welcher die Juden Lnfgefordert wurden, in ausgedehntestem Maße von dem Rechte der Selbstverthcidigung Gebrauch zu machen. Gegen 265 Ausrührer ist die Untersuchung im Gange. Der Chacham Baschi hat in einer Audienz bei dem Sadri-Asam (Minister) für das energische Auftreten der Behörden seinen Dank ausgesprochen und zugleich um eine milde Behandlung der Gefangenen bezw. der Angeklagten gebeten, weil eine zu große Strenge leicht größere Erbitterung Hervorrufen könnte. Er hat auch in allen Synagogen vor einer zu lauten Acußerung der Freude über die glücklich abgewendete Gefahr warnen lassen, um den Pöbel nicht zu reizen. Wegen dieser weisen Haltung hat der Patriarch ^dem Chacham Baschi seinen Dank in Herz-. u)stcr Weise ausgedrückt. — Wie ernst es den Behörden mit dem Schutze der Juden ist, bezeugt die Thatsache, daß ein Grieche, welcher vorgestern einem Juden aus der Straße eine Ohrfeige versetzte, zu vier Monaten Gefänguiß vcrurtheilt wurde Australien \\\ Die Gemeinde in Syd ney befindet sich äugenblicklich in einer großen Aufregung. Soll der Almcmor auö der Synagoge entfernt werden oder nicht? daß ist die Frage, um welche sich das allgemeine Tagesgcsprach in jüdischen Kreisen bewegt. Die Einen betonen die Zweckmäßigkeit und Notywcndigkcit der Neuerung, die Andern bestreiten sie. Die verschiedensten Ansichten suchen sich Geltung zu machen; der ästhetische, akustische, praktische Standpunkt, und noch manches Andere, wird mit vielem Eifer vertreten. Der zu Melbourne erscheinende ״Jcwish Herald" bemerkt aber mit Recht, daß bis jetzt unter allen Stimmen, die sich über die beabsichtigte Neuerung so laut vernehmen ließen, keine einzige die kleine Frage vernehmen ließ: Ist sie denn auch gesetzmäßig? ist die beabsichtigte Veränderung in Ncbereinstimmung mit dem ]די? Hat denn überhaupt unser Gottesdienst jede Eigcnthümlichkeil anszugebcn und betteln zu gehen bei anderen? Ordnung und Anstand ziemen sich wahrlich für das Gotteshaus, aber was Ordnung und Anstand sei, die Frage darf nicht entschieden werden unter Ausgabe der Grundsätze, welche seit undenklichen Zeiten in Israel heilig gehalten werden. Derselbe gicdt den wohlgemeinte» Rath, die Frage zunächst bem Oberrabbincr von England zur Entscheidung vom Standpunkte der Gesetzmäßigkeit vorzulegen, und erst nachdem dessen Spruch erfolgt sein wird, weiter zu berathen über Zweckmäßigkeit, Akustik rc. rc. Amerika. R. Newyork, April. Wenn unsere Führer nur Augen hätten zu sehen und Ohren zu hören, — doch nein, nicht unsere Führer, die sehen und hören wohl — unsere Männer und Frauen müßten Einsicht gewinncn in die Erscheinungen des Tages, und in ihren Herzen müßte ein Fünkchen der alten Liebe und Opfersähigkeit, des alten Ernstes unb der alten Treue der Ahnen noch leben — dann würden sie erschrecken ob des Weges, den sie wandeln und sie würden — vielleicht — Halt machen und zur Besinnung kommen. Wohin führt die Bahn der Reform, die wir so lange gezogen? Zur absurdesten Narrheit, zum vollendetsten Nihilismus. Ein hartes Wort, aber lvahr. Da ist jetzt die erleuchtete Mnstergemeinde ״Sinai-Eongregation" in Chicago von ihrem abgehendeu Präsidenten, Herrn B. Löwenthal, mit einem gewichtigen, inhaltsvollen Scheidcgruß bedacht worden, über welchen allerdings viel gelacht und gespottet wird, aber wahrlich mit Unrecht. Der würdige Gcntlcntan zieht nur die Konsequenzen der Prinzipien, auf welchen überhaupt die große Mehrzahl der hierländischen Gemeinden beruht. Er spricht zu seiner Gemeinde: wohl haben wir Reformen eingeführt, wohl dem alten Judenthum theilweise Valet gesagt, aber wir sind auf halben Wegen stehen geblieben. Verbannen wir alles Hebräische aus unserer Liturgie. Chinesische Betmaschineu sind gerade so vernünftig wie unsere hebräischen Gebete. Die Deschneidung ist ein Ueberrcst alter Barbarei — fort mit ihr. Der Glanbe, daß eS besonders ausgezeichnete Tage giebt, ist ein Irrwahn; also verlegen wir alle Feiertage auf einen Sonntag, nicht den Sabbath allein. Leute, seid doch vernünftig und handelt logisch. Thut Ihr dieses, so marschiert Ihr und die Sinai-Eongrcgation an der Spitze der Zivilisation und Aufklärung. Also frisch ans Werk, ohne Zaudern und Zagen! — Hat der Mann nicht Recht? Ist er nicht viel konsequenter als die Wise, Adler, Hirsch, Landsberg n. s. w. u. s. w.?? — Da versammclteu sich dieser Tage wiederum, — vor einem halben Jahre war hier der Versammlungsort — zu Philadelphia eine Anzahl Rabbiner und gründeten eine ״Jewlsh Ministers' Association", thaten recht kollcgialisch und fromm und wollten unsere Zustände bessern. Ach, Ihr lieben Herren, Ihr bessert nichts! Ihr seid zum größten Theil gar nicht die rechten Männer, um für Gott und das Judenthum einzustehen, so daß ihr vor allen Dingen an Euch selbst zu allererst die bessernde Hand anlegen müßtet, um Euer Handeln und Denken und Fühlen