Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-04-30 · Heft 18 (30.4.1885) · p. 287

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 18 (30.4.1885)
Article
England : London [Nachricht]
Date
1885-04-30
Page
287 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933119--18587-2960854
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

287^ Rußland, Runtänien und anbcvcn festländischen Staaten kaum einen Begriff. Sic wissen nicht aus noch ein und besitzen nicht die Mittel, um eine Unterkunft in den armseligsten Schlafstättcn zu suchen. Aus diesen verzweifelten Nothstand gründet die MissionSgescllschaft oft ihre Hoffnung zur Gewinnung einer verlorenen Seele, und viele Elende sind zu schwach, der Verlockung Widerstand zu leisten. DaS aber muß betont werden, und zwar auf das Allernachdrücklichste, das NettungSwerk kann nicht von einem Einzelnen vollbracht werden. Preis und Anerkennung, wer nach bester Kraft in dieser Richtung gewirkt hat, aber dies Werk übersteigt eines Einzelnen materielles und geistiges Vermögen. Hier heißt eS für die Gesammthcit בקומה בי עלינו ״ הדבר הזקו ועשוWir wollen einmüthig dafür einstehen — uns Allen liegt die Pflicht ob — ermannt Euch und vollbringt cs!" Alle kleinlichen Bedenken müssen bei Seite gelassen werden! Wir haben einzustehcn für unsere unglücklichen Brüder, für Gott und sein heiliges Gesetz, für die Ehre des Jndenthums', für die Ehre des jüdischen Namens, כל ישראל ערבים! Mögen die geeigneten Männer, die קריאי הערה, die אנשי שם das Werk in die Hand nehmen und ihre Brüder ansfordcru, 'nicht lässig zn sein und nicht engherzig, und gewiß wird cS gelingen unter Gottes gnädigem Beistand! Rußland. * Die hebräische Zeitschrift ״Hazefirah" berichtet nach dem ״KawkaS" über die in den kaukasischen Provinzcn Daghestan, Tcrek und Kuban wohnenden Juden. Dieselben bilden mehrere kleinere Gemeinden und zählen etwa 500 Familien. Sie stammen von den persischen Flüchtlingen ab, welche int fünfzehnten׳ Jahrhunderte in das Daghestanische Gebiet einwandertcn. Sie bedienen sich noch jetzt der persischen Sprache und haben wenig Verkehr mit den anderen russischen Glaubensgenossen. Sie sind Nabbanitcn; an der Spitze der Gemeinden stehen Rabbiner, welche sich dem Nabbincr zn Derb ent untcrordncn. Sic genießen im Gegensätze zu ihren übrigen russischen GlaubcnSbrüdcrn völlige Gleichstellung mit den anderen LandeSbcwohnern und zeichnen sich durch Patriotismus vielfach vor ihnen ans, so daß sie von der Negierung sehr geschätzt und zn VcrtrauenSämtern benutzt werden. Rumänien. ...x. Bukarest. Was wäre aus. Rumänien anders zn berichten als gegen Juden verübte Gewalt? Freilich, wenn eS den weisen Senatoren und Tribunen recht gemacht werden sollte, so hätten die. Juden die heilige VaterlandSpflicht, für jeden Fußtritt, den Recht und Menschlichkeit hier Zu Lande empfingen, vor den Augen Enropa'S dankend zu guittiren, gleich als ob dieser Fußtritt, da nur ein Jude ihn erlitten, höchstem Rechte und weitherzigster Milde entstamnte. Sie glauben, ich scherze — nein, wirklich nicht. In der Lüge ist mau wahrhaftig sehr weit gekommen, aber mit eiserner Stirn vor dem Laude und der Welt zu erklären, daß die Juden, die mau brutal nrißhaudelt, des LandeSverrathS schuldig sind, weil der Schrei ihres Jammers iuS Ausland dringt, sie somit Rumänien in den Ruf eines unzivilisirtcn Landes bringen, das ist doch nur in einem rnmünischen Parlamente mögtich, demselben, wo ein Senator Nergeli cs wagen darf, die Regierung anszufordern, offcuknudige Thatsacheu, wie z. B. die Gcwaltthatcu in Dorbani, zur größeren Ehre des rumänischen Namens frech abzulcngnen. Der Herr Minister war freilich klüger als der heißblütige Bojar, er leugnet nicht geradezu, aber er gicbt eine solche Erklärung, daß dadurch der Glaube erweckt werden könnte, die ganze Judenverfolgung sei überhaupt nur eine Erfindung einiger böswilliger jüdischer Schreier und Skribenten, in Wirklichkeit herrschten aber in Rumänien rein paradisische Zustände. Es Hilsts nichts, ihr Herren, die ihr in Bukarest nicht für. Rumänien, sondern für Europa sprecht, man glaubt euch im Anslande nicht. Die Schaaren der durch eure Praktiken arm und elend gewordenen Israeliten, welche von den hcimathlichen Stätten vertrieben, von Land zu Land mit Weib und Kinder herumirren, um eine Heimath zu finden, zeugen wider euch in London, Paris und Amerika. Was die auswärtigen Zeitungen berichten, ist nur ein geringer Thei! dessen, was zu berichten wäre; wollte man eine Chronik der rumänischen Humauitüt und deö rninänischcn Rechtsschutzes anlcgen, so reichten Folianten nicht aus. Sie können sich im Auslande keinen Begriff von der Willkür und der Brutalität machen, unter welchen die rumänischen Juden zu leiden haben. In Dorohoi, das schon zu einer Berühntthcit geworden ist wegen der Schneidigkeit seiner Polizeiorgane, sind 50 Juden von diesen blntrünstig geschlagen worden, weil sie, bem kurz vor dem Peßachscste erlassenen Polizeiukas zuwider, an! Festtage keinen Sträniel zu tragen, zuwider gehandelt hatten. Andere wurden unbarmherzig geprügelt, weit sie sich crdreistet hatten, ans ׳dem Viktualienmarkt zn gleicher Zeit mit den übrigen Einwohnern ihre Einkäufe zu besorgen. Außerdem ist den Inden anfgegcben worden, ihre Hünsthüren grcllroth anznstreichen u. dergl. m. Aehnlichc Gewaltakte werden auch ans andern Orten gcntefbet. Wie das enden soll, weiß lein Mensch. Eine JnterventiondeS AnSlan des zn Gunsten der maLträlirten Inden hat gar keinen Nutzen. Unsere Hoffnung ist Gott.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.