Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1885)
- Article
- Deutschland : Würzburg [Nachricht]
- Date
- 1885-04-30
- Page
- 285 (sequence 2)
- Language
- German
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285 und menschenfreundlich denken lernen, wie der Hirte selbst. In einem hiesigen Mädchcninstitute, das von verschiedenen Konfessionen besucht, wird in der Regel der Religionsunterricht zu gleicher Zeit crthcilt. Da trug sich nun jüngst Folgendes zu: Als nämlich der israelitische ReligionSlehrer seinen Zöglingen die Pflichten über die Nächstenliebe erklärte, daß diese ans alle Menschen ohne Unterschied der Religion sich beziehe, und daß wir in dem Menschen das Ebenbild Gottes erkennen und verehren, daher sich auch unsere Liebe gegen jeden Neben- Menschen, selbst gegen Heiden erstrecke, und als Beispiel die bekannte herrliche Geschichte des talmndischen Hillcl mit dem Heiden anführte, da ertönte Plötzlich in! Nebengemache die Tenorstimme des katholischen Geistlichen, der, sich im Unterrichte unterbrechend, an seine Zöglinge folgende Worte richtete: ״Das alte Testament neben uns müssen wir bald beseitigen." — Gemach, Herr Pastor, das werden sie wohl bleiben lassen, es ist Ihnen bis jetzt nicht gelungen und wird Ihnen auch in der Zukunft nicht ׳gelingen! — Als das alte Testament nebenan noch immer nicht versltuumtc und der menschenfreundliche Geistliche noch so manches lehr׳ reiche Wort aus demselben vernehmen mußte, da wandte er sich abermals an eine der Schülerinnen mit der Frage, welche Gesellschaft sic habe, und als er erfuhr, daß sie mit N. .gehe, die protestantisch sei, da erthcilte der fromme Mann den Befehl, sie solle weder mit Protestantennoch weniger mit Inden Gesellschaft pflegen. Nun, diesmal war er doch so׳ gütig, uns seine Liebe nicht allein zu Thcil werden zu lassen. Sich selbst verbessernd, fugte er salbungsvoll hinzu, er könne eS zwar nicht verbieten, aber sein innigster Herzenswunsch wäre, wenn derartige Gesellschaft unterbliebe. Damit nun der fromme Geistliche nicht ferner sehe, wie Juden und Katholiken mit einander Arm in Arm gehen, und damit er ferner vom ״alten Testament" nichts mehr höre-, geben wir ihm den wohlmeinenden Rath, daß er die Anstalt und mit ihr die Stadt verlasse, und - sich zu seinen lieben Kollegen: Stöcker, Heurici und -wie sie sonst heißen mögen, begebe, die ihn gewiß mit offenen Armen aufnchmcn würden. Wir wünschen ihm glückliche Reise, auf Nimmerwiedersehen! III Soinienburg (Reg.-Bez. Frankfurt), 24. April. Wie die ״Neue Ztg." berichtet, ist der Lehrer der hiesigen Synagogengemeinde, welcher russischer Unterthan ist, auSgewicscn. Es liegt gegen denselben keine andere 'Anschuldigung vor, als daß er ein jüdischer Russe ist: ES ist wahrlich für einen unbescholtenen Mann sehr hart, aus Stelle und.Brod zu kommen. Dieses Borgehen gegen die nicht naturalisirtcn Russen jüdischen Bekenntnisses soll, dem Vernehmen nach, nicht anf^einzclne Städte beschränkt bleiben. Die davon Betrofsenen sind sehr übel daran. Sic haben sich in Preußen eine Existenz, wie bescheiden auch immer, gegründet, konnten aber den Eintritt in den preußischen Staatsvcrband nicht nächst!chcn, weil die dafür nothwendige Entlassung aus dem russischen schwierig und sehr kostspielig ist. Sie verließen sich auf die Hospitalität des von ihnen als neue Heimath betrachteten Landes, dieses aber setzt ihnen unversehens den Stuhl vor die Thür. Wohin mit Weib und Kind'?? Ach, die Fabel des ewig wandernden unstäten Juden ist leider nicht so ganz Fabel! —a— Aus dem Kreise Gersfeld, 23. April. Ein von seltener Popularität und Toleranz zeugender Akt, der in der Tagcsprcsse bisher unerwähnt blieb, wurde kürzlich, wie die ״N. Wzbg. Ztg." berichtet, von dem Erbprinzen von Isenburg- Büdingen - Wächtcrsbach gelegentlich der Vermählung von dessen Tochter, der Prinzessin Gerta, mit dem Prinzen Wilhelm von Sachsen-Weimar-Eisenach geübt. Bei dem zu Ehren der Neuvermählten arrangirtcn Fest-Diner solltcn auf Wunsch des Herrn FcstgcberS neben den Trägern hoher fürstlicher' Titel und glämcnder Namen auch seine schlichten israelitischen Mitbürger von Wächtersbach und Umgebung nicht fehlen. Da aber letztere der Einladung wegen religiöser Bedenken keine Folge leisten konnten, so suchte der Herr Erbprinz ihre, wenn auch indirekte Theilnahme dadurch zu ermöglichen, daß er in der israelitischen ״Restauration Grüncbaum" in Wächtcrsbach eine große Anzahl Gedecke für sie bestellte. Die Eingeladenen fanden sich nun vollzählig ein und wurde manches Glas auf das Wohl der Ncuvermähltcn geleert. Oesterreich-U ngarn. *II* Pe^, 26. April. In der Neichstagssitzung vom 23. d. M. -kam cs gelegentlich der Oberhausreform noch einmal zu einem heftigen Rencontre mit den jndcnfeindlichcn Abgeordneten. Einer derselben, Baron AndreanSki, beantragte eine'Resolution des Inhalts, daß cs dein Ministerpräsidenten nicht erlaubt sein solle, einen Juden zum Mitgliede des Oberhauses zu kreircn und motivirte diesen Antrag damit, daß die Juden keine Patrioten waren. Darauf nahm der NeichstagSprysident das Wort und sprach: Ich kann nicht dulden, daß immer wiederum sechshundcrtfunfzigtausend Staatsbürger in solcher Weise hier verlästert werden. Diese, jüdischen Bekenntnisses, sind ebenso gute Patrioten wie der Redner. Als hierauf Rufe erschollen: ״Nein, weit bessere!" schrie AndreanSki: ״Ich leide nicht, daß man. die Juden patriotischer nennt als mich," Der Ministerpräsident Tisza aber rief kräftig dazwischen: ״Die Juden sind abc^ viel bessere Patrioten als Sie!" Unter dem lauten Tumulte, welcher jetzt folgte, wiederholte Tisza die Versicherung von dem