Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1885)
- Article
- [Rezension] / X.
- Date
- 1885-04-30
- Page
- 283 (sequence 2)
- Language
- German
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die Thatsache hervorhebt, daß die Bekenner des mosaischen Glaubens zu der außerehelichen Geburtszisfcr den geringsten Theil liefern. Er stellt diese Supcriorität freilich nicht lediglich ״auf Rechnung des jüdischen Glaubens," sondern auf die Macht der Tradition und Familiensitte. Ist diese aber nicht das Erzcugniß der jüdischen Religion? Als ein sehr wesentlicher Faktor führt er ferner die Thatsache an, daß die Juden in einer feindlichen oder unfreundlichen Umgcbung an der Verbrechensziffcr in einem geringeren Verhältnisse partizipircn. als bei einer freiem Stellung. Wir glauben, die Richtigkeit dieser Thatsache und der KriminalstaListik von 1848 bis 1872 vorausgesetzt, dafür eine andere Erklärung zu wissen. Je mehr die Juden der gewissenhaften Unterordnung aller ihrer LebenSbeziehungcn unter das NeligionSgesetz sich entschlagen, desto mehr dürste sich bei ihnen eine Abnahme der Sittlichkeit mit der Zeit bemerkbar machen. D^r Jude, welcher sich in jedem Augenblicke an das Gesetz seines Gottes erinnern läßt und ihm willig Gehorsam leistet, wird der Verlockung zür Unsittlichkeit hartnackiger und erfolgreicher Widerstand: leisten, als derjenige, welcher das ״Joch des Gesetzes" von sich abgeschüttelt hat oder niemals gewöhnt worden ist, sich unter dasselbe bedingungslos zu beugen. Daß dieses aber in der Neuzeit mehr der Fall ist, als ehedem, dürfte wohl nicht in Abrede zu nehmen sein, und wenn auch ״Tradition und Familiensitte" noch länger ihren Einfluß geltend machen, so möchte doch mit dem Versiegen der Quelle, aus welcher diese resultiren, auch dieser endlich schwinden. X. Korrespondenzen nnd Nachrichten. Deutschland. -fc Hannover, 28. April. Am heutigen Tage feierte der erste Vorsteher der hiesigen Synagogen׳- gemeinde, Herr Geheimer Sanitätsrath Dr. Cohen, seinen achtzigsten Geburtstag. Die Kollegien des Vorstandcs und der Repräsentanten hatten beschlossen, ihn in corpore zu beglückwünschen. Wegen eines Unwohlseins des Jubilars mußte dieses aber unterbleiben. Möge der Lebensabend des sich durch Hochherzigkeit und Menschenfreundlichkeit auszeichnendcn allvcrchrten edlen Greises heiter nnd glücklich sein. -a- Berlin, 27. April. Ja, sie lebt'noch, die Christlich^Soziale, und es war pure Verleumdung, daß einige Menschen so. schlecht gewesen, ihr Altersschwäche nnd Siechthum nachzusagen. Nein, munuthig und frisch, im Liebreiz ewiger Jugend erschien sie vergangenen Freitag Abend bei Keller in der Andreasstraße und entzückte nicht nur sich selbst, sondern auch die Anderen, um deren Gunst sie warb. ״Semit, Atheist nnd Sozialdemokrat," das war der Text zu der frommen Rede, die Herr Hofprediger Stöcker in dem durch seine Gegenwart geweihten Kellcr'schen Saal hielt. ״Wir führen unfern Kampf mit derselben Energie, mit derselben Wahrhaftigkeit wie bisher," verkündete er unter dem lebhaftesten Beifall seiner ihn hochvcrchrenden Gemeinde. Es war auch Unrecht von der ״jüdischen Frankfurter Zeitung", zu wähnen, die antisemitische Bewegung und ihr verdienstvoller Lenker seien matt nnd schwach geworden. Nein, eö ist noch Alles beim Alten; Herr Stöcker hat cS erwiesen, ״die- . selbe Energie, dieselbe Wahrhaftigkeit" und dieselbe Logik. These: ״nur den UnverschänUheiten und Anmaßungen des Jndenthnms gilt der heilige Kampf." Begründung: ״wir wollen den Götzen Mammon bekämpfen, gleichviel ob er einen jüdischen oder christlichen Kopf hat," aber — ״wir haben eS mit neun Zehntheilen Juden' dabei zu thun." Ausführung: darum ״freut er sich der Rüge, die die ״Nordd. Allg. Ztg." dem Juden crthcilte, der in einer Stadt eine Festrede zun! Bismark-Jnbiläum gehalten hat," darum behauptet er, die Inden seien keine Deutsche, darum bedauert er die ihnen gewährte Emanzipation! Ja, eS ist die allbekannte Wahrhaftigkeit, Ehrenftstigkeit ־ und Gottesfurcht, welche mänmglich bewundert worden, die auch an diesem schönen Freitag Abend zur Herrlichen Entfaltung kamen. So wurde denn auch nachgewiesen, daß der Atheismus jüdisch, die Sozialdemokratie semitisch sei u. s. w., u. s. w. — Am Charfreitag gab es im Spandauer Bock arge Skandalszencu, bei welcher Gelegenheit cs zu jirdenfeindlichen Kundgebungen kam. Nun berichtet die ״Krenzzeitung", daß man ihr als die ״intellektuellen" Urheber und Hauptmitwirkenden Inden bezeichnet habe, denen die .Gelegenheit, ihrem Hasse gegen altes Christliche freien Lauf zu lassen, gerade an diesem Tage allerdings besonders lockend Vorkommen nuchte." Die ״Kreuzzeitnng" ist allerdings verständig genug, daß' diese tolle Erfindüng wenig glaublich erscheint und sie fügt hinzu, daß diese Angabe an sich weniger wahrscheinlich klingen mag, dennoch aber Thatsache sein soll. Erst nachdem sie an die Spitze diese Züchtigung der bösen Inden gestellt, geht sie' mit den ״zahlreichen Christen" ins Gericht, — als ob überwiegend Inden ׳diesen Skandal gemacht, hätten! — Ich bin nicht dabei gewesen-; aberes ist notorisch, daß, wenn einzelne Juden wirklich im Bock gewesen waren, sie in der vcrschwindensten Minorität gewesen sein mußten. — Aber für alles Böse im Reiche sollen die Juden verantwortlich sein. Und da sollte die antisemitische Bewegung anfgehört haben? Neili, die ״Frankfurter Zeitung"'hat Unrecht und Herr Hosprediger Stöcker Recht.