Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-04-30
- Page
- 279 (sequence 2)
- Language
- German
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279 Gesundheit des jungen Mädchens vollständig unbegründet waren; er hätte ihm nur den erwähnten Brief Neizcnstcin's zeigen können, unter den Irene, in der ihr cigcnkhümlichen launigen Weise einen Gruß an ihren ältesten Verehrer, wie sie Herrn Justinian Lcvi zu nennen pflegte, hiuzngefügt und sich unterschrieben hatte ״Ihre kleine Irene Reizenstein, RcichSgräfin Brandcnsce in spe." So schreibt keine unglückliche Braut, der durch Höllenzwang das Jawort erpreßt werden mußte. — Doch der gutherzige Mann fürchtete den Erregten noch heftiger zu erregen; darutn erwähnte er der Zeilen nicht, die Irene ׳ihm geschrieben. Du. Lilienthal's Entschluß war jedoch gefaßt, am folgenden Tage befand er sich auf dem Wege nach B.... Sechszehntes Kapitel. Irene Reizen stein erfreute sich indessen in der That dcS besten Wohlseins und war eine recht vcrgnügte Brailt. Es hatte allerdings einiger Ueberrcdung von Seiten ihrer Eltern und Geschwister bcdürft; sic hatte wiederholt erklärt, daß sic ihrem thcucrn Alfons, der sic sich angetrant hatte nach dem Gesetze MosiS und Israels, treu bleiben werde bis in den Tod, war jedoch den Vorstellungen ihrer Augehörigen nicht unzugänglich geblieben. Sie hatte zugeben müssen, daß die jüdische Trauungsforntcl, die D1\ Lilicnthal zu ihr gesprochen, nach dem Staatsgesetze keinerlei Gültigkeit beanspruchen könnte, hatte zngeben müssen, daß die soziale Stellung einer RcichSgräfin Brandcnsce ungleich verlockender als die einer Frau .1)1׳. Lilienthal; hatte ebenfalls zugeben müssen, daß sie ihren Vater nicht zwingen könne, ihr eine Mitgift zu geben, wenn sie gegen seinen Willen eine Verbindung ciugchen würde, und daß das Einkommen eines jungen Advokaten schwerlich hinrcichen würde, die Gewohnheiten der Verwöhnten zu befriedigen. Daß die weltmännische Tournüre des noblen Kavaliers den allerdings ungleich ' schöneren Advokaten vollständig in den Hintergrund drängte, konnte sic gleichfalls nicht bestreiten. — Und jo fügte sie sich drein, sich, wie ihre Eltern es nannten, zu ihrem Glücke zwingen zu lassen. Und sehr bald betrachtete sie sich selbst als glückliche Braut. Fühlte sich doch ihre Schwester Natalie als Baronin so glücklich, wie hätte sie sich als RcichSgräfin nicht noch glücklicher preisen sollen. Daß sie, um die geplante . Verbindung eiugchcn zu können, zuvor zu einem anderen Glauben übertreten mußte, das hatte ihr jedoch weit mehr Skrupel gemacht, als man ihrem gewöhnlichen leichtfertigen Wesen nach hätte erwarten können. Das Andenken an ihre verstorbene Großmutter trat anfangs unablässig warnend vor ihr inneres Auge; doch ihre Eltern halfen ihr auch diese Skrupel überwinden. Graf Armin zeigte sich stets als aufmerksamster, zärtlichster Bräutigam, wie hätte sich seine Braut nicht beneidcnswcrth betrachten sollen? — Und so entschwanden in heiterer Weise die Tage des glücklichen Brautstandes an den herrlichen rcbcubcwachscucn Ufern des Rheins. Die Familie Neizenstcin hatte an einem der schönsten Punkte eine Privatwohnung bezogen, da sic bis nach Ircnen's Vermählung hier verweilen wollten. Der Bankier war zwar zuweilen recht ungeduldig; ihn verlangte heim zu seinen Geschäften, aber er wagte cs nicht, vor vollzogener Trauung seine Tochter außer Angen zu lassen. ״DaS Mädchen ist unberechenbar," hatte er wiederholt zu seiner Frau gesagt, ״cs bedarf der sorgfältigsten Aufsicht. Bevor ich sie nicht unter die Haube — will sagen unter die reichsgräflichc Krone gebracht habe, bin ich nicht ruhig." — Gegenüber im Hotel Belle Vue logirtc der Graf Brandcnsce. Es war in den Vormittagsstunden eines sonnig heitern Tages. Der Graf, eben im Begriff sich zu seiner Braut zu begeben, warf noch einen prüfenden Blick in den Spiegel, als ein rasches Klopfen an seiner Thür ihn veranlaßtc, sich hastig umzuwenden. Bevor er noch das einladende ״Herein" über seine Lippen gebracht, trat ein Fremder in das Zimmer. ״Habe ich die Ehre, Herrn Grafen Vrandensee —" ״DaS ist mein Nanre," fiel der Graf ungeduldig ein, ״was wünschen Sie?" ״Mein Name ist- Lilieuthal, Doktor Lilicnthal, Vrüntigain des Fräulein Irene Ncizenstein. — Ich habe vernommen, daß Sic diese Dame belästigen, sie als ihre Braut ausgcbcn. — Ich wollte mir das ein für alle Mal verbeten haben." Der Graf betrachtete den Eindringling von Kopf bis zu den Füßen, dann brach er, ohne eine Silbe zu erwidern, in ein lautes höhnisches Gelächter auS. Dr. Lilienthal, der bereits im 'Hereintreten mit .erregter leicht vibrircndcr Stimme gesprochen hatte, geriet!) durch diesen verächtlichen Empfang vollends außer Fassung. ״Ich fordere Satisfaktion," schrie er. ״Weshalb denn Satisfaktion, guter Freund?" fragte der Gras kühl. ״Ich bin Ihr guter Freund nicht und verbitte' mir eine derartige Anrede," rief Lilicnthal wild. ״׳Satisfaktion aber verlange ich, weil Sie sich erkühnt 'haben, sich als Verlobter meiner Braut zu geriren."- ״Fräulein Neizenstcin ist meine Braut," erwiderte der Graf, ״ichwüßte nicht, wcshal.b ich micht als ihr Bräutigam gcrircn sollte. Mit Zustimmung der Eltern haben wir uns verlobt." . ״Mit Zustimmung der Eltern!" ries Lilienthal hohnlachend, ״ha! ha! ha! der säubern Eltern! Aber