Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1885)
- Article
- Deutschland : Kassel [Nachricht]
- Date
- 1885-04-23
- Page
- 267 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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heißt eS wörtlich, ״war eS mir sowohl in meinen Predigten, als beim Konsirmandenunterricht hanptsächlich darum zu thun, das Geistige des JndenthumS möglichst hervorznhcben, eine oernünftige Religiosität und religiöse Vernünftigkeit anzuregen und zu bewirken, Leben und Lehre in Uebereinstimmung zu bringen und der falschen Vorstellung, daß in dem Aeußerlichcn allein schon jüdische Frömmigkeit bestehe, entgegcnzutretcn." Wir nehmen diesen Abschiedsgrüß mit der Erklärung hin, daß in einem gewissen Sinne derselbe das Programm der vergangenen dreiunddreißigjährigen Rabbinatsleitung enthält. Ob es aber ein rühmliches Zeugniß für die letztere ablegt, dürfte wohl zu bestreiten sein. Diejenigen Bestrebungen, welche auf eine gewissenhafte Befolgung des ganzen jüdischen Neligionsgesctzes gerichtet waren, fanden, gelinde gesagt, wenig Förderung, und wenn durch diese Hintenanhaltung die Ein heit der Gemeinde künstlich äußerlich allerdings erhalten wurde, so mag sich der Unwissende auch dem Glauben hingebcn, daß auch eine innere Einheitlichkeit konservirt worden ist. Es zeugt aber keineswegS von einer tiefen Einsicht, wenn der scheidende Rabbiner mit Befriedigung auf die Erhaltung einer vermeintlichen inneren Einheitlichkeit als auf sein Werk hinblickt, die nur da vorhanden ist, wo die ganze Gemeinde der Reform zum Opfer gefallen ist. Wir protestiren aber ganz entschieden gegen die verschämte Snpponirung, als ob es hier weite jüdische Kreise gäbe, in welchen die von ihm gekennzeichnete ״falsche Vorstcllung״ heimisch wäre. Das ואהבת את ד׳ אלוקיך בבל לבבך ובבל נפשך ist zu keiner Zeit in jüdischen Kreisen fremd ^gewesen. Wohl aber hat in neuerer Zeit eine rabbinatliche Wirksamkeit dem Wahn Vorschub geleistet, daß mit ״jüdischer Frömmigkeit" Mißachtung jüdischer Rcligionsgesetze vereinbarlich sein könne. -Ir. Karlsruhe, 17. April. (Ungern verspätet.) Wenn ich auch im Allgemeinen dem Sprüchworte: ״Glücklich lebt der, der sich zu verbergen versteht," meinen Beifall zolle, so macht das Schulleben eine Ausnahme davon. 3st doch ohnehin dasselbe, besonders das jüdische, selten von dem aufmunternden Danke bcgleitet, den es verdient, wiewohl gerade es ein so wichtiger Faktor deS jüdischen Gemcindelebens ist. Darum kann ich eS nicht unterlassen, hiermit öffentlich meiner Freude über die an den verflossenen Halbsciertagen des Peßachscstes stattgefundene ReligionLprüfung in der Schule der israelitischen Religionsgesellschaft Ausdruck zu verleihen, indem ich fest überzeugt bin, hiermit ganz im Sinne der.zahlreichen, von reger und freudiger Theilnahme beseelt'en Zuhörer zu handeln. Die Schüler und Schülerinnen, etwa 40 im Alter von 6 bis 15 Jahren, entwickelten nicht allein eine recht schöne Kmntniß des JudenthumS, sondern auch, was - die Hauptsache ist, ein freudiges Bekenntniß desselben. Schüler von 12 bis 14 Jahren trugen Talmud- und Mischnahstücke mit ziemlicher Sicherheit gewandt vor; 9- bis 11jährige bekundeten ein großes בקיאות im חומש und den נביאים ראשונים, verbunden mit den wichtigsten Regeln der hebräischen Granunarik. 7- bis 9 jährige Knaben und Mädchen trugen Gebete und PenLateuchstücke recht schön und uttt tiefem Verstäudniß vor, während 6- bis 7 jährige recht gut lasen und שמע und andere kleine Gebete sicher übersetzten. Am Schlüsse trugen Schülerinnen verschiedenen Alters Gedichte biblischen und talmudischen Inhaltes mit religiöser Warme zur allgemeinen Zufriedenheit der Zuhörer vor. * Danzig, 12. April. Die ״Danz. Ztg." meldet: Die so viel Aufsehen erregende, geheimnißvolle Skurczer Mord-Angelegenheit wird am 22. April und an den folgenden Tagen vor dem hiesigen Schwurgerichte zur Verhandlung gelangen. Der Thäterschaft angeklagt ist auf Grund der vorliegenden Verdachtsmomente bekanntlich der Flcischermeister Berent aus Skurcz. Da in dieser Prozeßsachc ungefähr 80 Zeugen zu vernehmen sind, wird die Verhandlung voraussichtlich den ganzen Rest der betreffenden Woche einnehmen. Oesterreich-Ungarn. *II* Pest, 15. April. Der die Reform des Ober- Hanfes betreffende GcsctzeSentwurs wurde gestern Abend im Klub der liberalen Partei besprochen. Nach einigen empfehlenden Bemerkungen des Referenten nahm Ministerpräsident Tisza zu einer längeren Rede das Wort, in welcher er auch, auf die Kreirung eines Bertreterö der jüdischen Konfession zu sprechen karn. Tisza bedauerte lebhaft ׳die Ablehnung der Vertretung und stellte in Aussicht, daß die Regierung im Wege der Ernennung dafür Sorge tragen werde^ daß ein Jude in das Oberhaus gelange. Nachdem Anton Zichy den höchst eigcnthümlichen Antrag gestellt, die Regierung möge schleunigst eine Organisation der jüdischen Konfession herbeiführen, gab der jüdische Deputirte Franz Chor in im Namen der Abgeordneten jüdischer Konfession die Erklärung ab, daß sie die Versicherungen Tiöza's bezüglich der Ernennung eines jüdischen Mitgliedes dankend entgegennehmen, weit dies immerhin ein Zeichen sei. daß die Regierung mit der Ausführung deS Gesetzes Ernst mache, welches die Gleichberechtigung der Juden feststeüe. Allein Jedermann werdcbegreifen, welch ein großer Unterschied es sei, ob die jüdische Konfession als solche will jede andere im Oberhause vertreten sein müsse, oder' ob die Negierung auS eigenem Wohlwollen den einen oder anderen Ungehörigen dieser Konfession ernenne. Dieser Ernannte werde dort seine persönlichen Verdienste vertreten; aber als Vertreter der jüdischen Konfession könne man ihn nicht - betrachten.