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Jeschurun · 1885-04-16 · Heft 16 (16.4.1885) · p. 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 16 (16.4.1885)
Article
Österreich-Ungarn : Prag [Nachricht]
Date
1885-04-16
Page
253 (sequence 2)
Language
German
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253 Abends erschienen aber bei Ball drei Polizisten, um nach dem Zungen — natürlich vergebens — zu suchen. Indessen hatte sich die Nachricht, die Juden hätten ein Christenkind abgeschlachtet, mit Blitzesschnelle im Orte verbreitet. Oie Erregung der Einwohner war keine geringe, und legte sich auch dann noch nicht, als das Bürschchen zurückkehrte und mit angstzitternder Stimme erzählte, daß ihn Ball in eine Holzlage geführt, hier eingesperrt und ihm mit dem Abschlachten gedroht habe! Der Pöbel wollte sich nicht beruhigen, und es ist nur einigen gemäßigten Elementen zu danken, daß es nicht zu thätlichen Ausschreitungen kam. Am nächsten Tage kam der Junge in Begleitung seiner Mutter zu dem Haderuhändler, itm ihm Abbitte zu leisten und das Tags vorher erzählte Märchen zu widerrufen. Mit Bestimmtheit gab er an, daß ihn! dasselbe eiugelernt und er zu der ganzen Geschichte anaeslsitet worden sei, doch weigert er sich auf das Entschiedenste, den Anstifter zu nennen. Die strafgcrichtliche Untersuchung istim Gange. A. Preflburg, 9. April. Vor etwa Jahren wurde der hierorts allbekannte und geachtete Arzt .1)1׳. N u pprecht von dem antisemitischen Abgeordneten von Symonhi auf offener Straße thätlich insultirt. Den Anlaß zu dieser Insulte gab ein Zwiegespräch zwischen beiden Personen. Symouyi mißbilligte es nämlich, daß Di׳. Rupprccht ein offenes, sozusagen philosemitisches Benehmen schon bei mancher Gelegenheil au den Tag legte. Hierfür wollte ihn S. auch exemplarisch bestrafen. Er erhob gegen N. seinen Stock, mit welchem er ihm einen Streich versetzte, daß letzterem -Hut. und Perrücke zur Erde fiel. Am folgenden Tage ließ sich zwar Sin seinem Blatte ״Westuug. Grenzboten" durch seinen sogenannten Setzer-Franz! entschuldigen, daß er anS dem Donaubadc kam und 'sehr aufgeregt war. Dies geuirte R. sehr wenig, und er erhob die Anklage. — Nach vorheriger Aufhebung der Immunität seitens des Abgeordnetenhauses fand am H. d. Mts. vor den Schranken des Preßburger Königl. Gerichtshofes die Schlnßverbandluug statt und wurde Symouyi zu einer Geldstrafe von 60 fl. und Tragung der Prozeßkosten von 00 fl. vcrnrthcilt, wogegen jedoch Di׳. Rupprccht appellirte. *||* Pest, 10. April. Vor der Wirthschafts- Kommission der Landesausstellung wurde dieser Tage über folgendes Gesuch verhandelt: Gelegentlich der Landesausstellung, welche hier ° stattfiuden wird, will cin Herr Grünberger im Stadtwäldchen auf dem sogenannten ״Fencrwerksplatz" in der Nähe des Thiergartens ein -.^-Gasthaus errichten und hat deshalb bei obiger Kommission cin Gesuch um Erlaubniß eingereicht.׳ Nun erhob dagegen cin Herr Bröselmaier Protest, welcher in eben jener Gegend ein Gasthaus hat und starke Konkurrenz befürchtete. Jedoch gab der Referent in dieser Sache folgendes Gutachten ab: ״In der Nähe des ״Feuerwerkplatzes״ haben zahlreiche jüdische Bürger, welche gewissenhafte Steuerzahler sind, während der Aussielluugszcit ihre Verkaufsläden. Diese können sich doch nicht aus der Stadt ihre Kost holen. Es wäre daher ein Unrecht, wollte man diese jüdischen Steuerzahler, blos dem Herrn Bröselmaier znlicb, in die Zivangslagc versetzen, seine 7!2-.2-Kost zu genießen!" — Im Sinne dieses Gutachtens wurde denn auch -Herrn Grünberger die Errichtung eines jüdischen Gast- Hauses auf dem ״Feucrwerksplatze" einstimmig bewilligt. 8. R Ans Ungarn, 9. April. In höchsten Ehren, mit Glacehandschuhen, wurde der jüdischen Vertretung im Oberhause die Thüre gewiesen. Ein inniges Beileid, ein warmer Nachruf wurde ihr, dem unserer Oberhansopposition geschlachteten Sühnopfer, zu Theil in der jüngsten Einundzwanziger-Konimissionssitzung des Abgeordnetenhauses. Jokai bedauert tief die Streichung der jüdischen Vertretung, denn jener Sitz wäre nicht der Sitz des jüdischen Rabbiners, sondern der Sitz der Proklamirung der Gleichberechtigung gewesen. Ministerpräsident Tisza erklärte, daß jetzt keine Aussicht vorhanden sei, die jüdische Vertretung im Oberhause durchzubriugcu, jedoch um das Prinzip zu wahren, erkläre er entschieden,, daß unter den Ernannten, möge deren Zahl noch so beschränkt sein, die Juden jedenfalls vertreten sein werden. Nachdem noch Jokai, Joseph Terencz. Bischof der Unitaricr, Graf Ludwig Esaky, Graf Virsolyi ihr tiefes Bedauern über die Streichung diese- Paragraphen ausgedrückt, wurde der Kompromißentwnrf angenommen. -r- Krakau, 10. April. Pater Eberhard veröffeutlicht heute abermals ein angeblich von Rachel Stieglitz hcrrührendes Schreiben ohne Angabe des Ausenthaltes derselben, worin sie den genannten Vater in Schutz nimmt und bedauert, daß demselben von Seite ihrer Eltern ungerechte Vorwürfe gemacht werden. Sie leugnet, einen Brief in hebräischer Schrift an ihre Eltern geschrieben zu haben, und behauptet, die Elternhätten sie erbarmungslos geschlagen, als sie erst sieben Jahre alt war, weil sie schon damals verstohlenerwrise katholische Gebete verrichtet habe. Sie wolle zu ihren Eltern zurückkehrcn und sei bereit, dem Gerichte Alles mündlich mitzutheilen. Schließlich bittet sie in dem Schreiben um Veröffentlichung.desselben. — Daß diese Angaben des Paters erdichtet sind, liegt auf der Hand. Oder es müßten denn die Herren Geistlichen auf das Kind schon in dessen siebten Jahre ihren-Einfluß ausgeübt haben. Doch ist dieses bei einem siebenjährigen Kinde sehr unwahrscheinlich. Die Seelensänger hätten bei größerem Einfluß sonst sicher damals

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