Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1885)
- Article
- Deutschland : Karlsruhe [Nachricht]
- Date
- 1885-04-16
- Page
- 251 (sequence 2)
- Language
- German
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251 Wenn man an den jüdischen Geldspenden keinen Anstoß genommen hat, so sollte man an der idealen Redespende doch erst recht kernen nehmen. Es ist aber i immerhin lehrreich, daß sich der Antisemitismus bei dieser Gelegenheit wieder einmal bemerkbar macht. (5$ geht dieser edlen Richtung nämlich seit längerer Zeit nicht mehr sehr gut. Sie ist ofsizictl bedeutend eingeschränkt und in den Hintergrund gedrängt worden und wagt aus direkte Unterstützung der maßgebenden Persönlichkeiten, auf die sie früher gerechnet hatte, längst nicht mehr zu hoffen. Die Zeiten des wüsten Auftretens der Herren Henrici, Förster, Liebermann und Genossen sind vorüber; auch die Herren Stöcker. Wagner und Cremcr sind gemäßigter geworden, und die antisemitischen Rohheiten haben sich aus den angeseheneren konservativen Blättern in die konservative Winkclpresse geflüchtet. Die Gründe dafür liegen nicht etwa in dem Erwachen einer besseren Einsicht und in der Ueberzengung von der Verwerflichkeit der autisemitischen Agitation, sondern in praktischen Erwägungen. Man hat sich überzeugt, daß die antisemitischen Rohheilen praktisch namentlich bei den Wahlen den NegierungSparteien nichts genützt, sondern mehr geschadet haben. Man rechnet ans bessere Erfolge, wenn man jetzt unter der Firma der s. g. anständigen Konservativen anftritt. Dann aber — und hier liegt der Humor der Sache — wagt man nicht mehr, gewissen sehr cinstnßreichen Finanzkreisen durch antisemitische Rohheiten vor den Kopf zu stoßen, weil man ihre Mitwirkung zu den Zwecken, die in erster Reihe für ״national" gelten, nicht entbehren kann. Wer das den Stöcker und Wagner, den Henrici und Förster vor drei Jahren gesagt hätte! Judenthum und ״nationale Politik" sind nach ihrer Meinung unversöhnliche Gegen- . sätze. Was ist wohl ״nationaler" gewesen, wie die Bismarckfeier! Und das ״Nationalste" an ihr war doch die große Geldsammlung und der Gutsankauf, bei dem nationale Gesinnung und ideale Dankbarkeit so .glücklich konkarrirten. Wäre diese nationale That ohne die Mitwirkung gewisser ׳jüdischer Bankhäuser wohl zu Stande gekommen, die der verstorbene Abgeordnete von Ludwig noch vor wenigen Jahren unter direkter Nennung ihrer Namen zum Gaudium der Konservativen in offener Parlamcnrssitzung injnrirtc- Der Brave' würde sich in seinem Grabe mndrehcn, wenn er wüßte, daß die ihm verhaßten Finanzbarone bei dieser Gelegenheit eine Rolle gespielt haben, und daß die Namen seiner Freunde Stöcker und Wagner gar nicht׳ genannt .worden sind. Giebt es etwas ״Nationaleres" als dir RslsAiZtpslirik? Sie ist jo ..national", daß man sie in ihren Anfängen am liebsten nur von Leuten mit blonden Haaren und blauen Augen hätte ausführen lasten, mh hrE rekurrirt sie in der Hauptsache auf die Hülfe der verhaßten Börse. Wenn das Unternehmen des Herrn Lüderitz, auf welches man als die erste kolonialpolitische That stolz war, schließlich vor dem Fiasko bewahrt wird, so trage»! hervorragende Finauzmänner,. die der Antisemitismus noch vor wenigen Jahren mit Vorliebe zu besudeln liebte, das wesentlichste Verdienst dabei. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß Herr Stöcker und seine Jünger sich Zurückhaltung auferlegen müssen, nicht gern, sondern der Roth gehorchend. Sie sehen mit wachsender NUßstimmung die unentbehrliche Mitwirkung ihrer verhaßten Gegner bei einer Politik, deren nationalen Karaktcr sie ganz besonders betonen, haben aber doch nicht den Mnth, osten gegen die Mitwirkung zu protestiren. Die Vörsensteucrsrage bildet für sic den Maßstab der Intimität, die zwischen den maßgebenden Persönlichkeiten und den hervorragenden Finanzmünnern besteht, welche sic bisher immer als das ״jüdische Großkapital" zu verdächtigen liebten. Sic sehen daher mit ganz besondcrer Spannung der Entscheidung der Regierung über die Vorschläge der Vörsenstener-Kommission entgegen, deren Annahme im Reichstage wohl bald ersolgt sein wird. * Kastrop (Westfalen), 7. April. Große Sensation, so schreibt die ״F. Ztg.", erregt hiersclbst die a!n Eharfreitag aus Requisition der Essener Staatsanwaltschaft erfolgte Verhaftung des Nähmaschinensabrikanten Porsch hiersclbst, der sich des begründeten Verdachts der Falschmünzerei schuldig gemacht. Die Polizei fand bei der Haussuchung mehrere Formen, Prägestöcke 11. s. w. Was der Sache -einen karaktcristischen Anstrich verleiht, ist die Thatsache, daß der Verhaftete ein ganz gewaltiger Antisemit vor dem Herrn und Vizepräsident des hiesigen sogenannten' ״Deutschpatriotischen Neformvereins" war. B. Würzburg, 10. April. Soeben lehre ich von einer Feierlichkeit zurück, die zwar in ihrer Weise einfach, aber dennoch auf jeden Besucher, besonders auf den jüdischen, einen mächtigen Eindruck gemacht. Es war weniger die Feier selbst als das Objekt, um das sie veranstaltet wurde. Ich meine nämlich die Feierlichteil bei der Uebcrunhme des in seinem Innern seinem neuen Zwecke adoptirten Anwesens der neuen israeliti- Kranken- und Pfründneranstalt, zu welcher sich eine große Anzahl Gcmeindeangchöeigcr, sowie Vertreter der Königt. Kreisregiernng und des Julinöspitals (der hochlöbliche Magistrat, der ebenfalls geladen, war nicht vertreten) eingesnnden hatten. Nachdem der Vorstand vom Komitee das Auditorium begrüßt und -allen edlen llNcnschensreunden, die das Unternehmen unterstützt haben, seinen Dank ausgesprochen hatte, erstattete der Schriftführer der Verwaltung Bericht über Zweck, geschichtliche Entwickelung, sowie Mittel des Unternehmens,