Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1885)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1885-04-16
- Page
- 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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250 ist, die Verdächtigung, gegen welche einfach Verwahrung eingelegt worden ist, znrückzunehmen. Vor einer ״Polemit" unsererseits kann der ״Israelit" sehr ruhig sein. Wir geizen nicht nach der Ehre, mit ihm eine Lanze zu brechen, wie uns auch sein 90b oder Tadel sehr kalt lägt. Er möge sich nur in Bezug auf uns eine?־ ״präzisen Anodrucks" befleißigen, da wir nicht gewillt sind, Verdächtigungen und wahrheitswidrige Thatsachcn über uns verbreiten zu lassen. -u- Berlin, 10. April. Die ״Allg. Ev.-L. Kirch.-Ztg." berichtet: Bon dem Obcr-Hofprediger zu Dresden, weiland Ol׳, von Ammon, erzählte man seiner Zeit, er habe einmal eine eingehende Unterrcdnng nnt einem Rabbiner gehabt und am Schluß derselben gesagt: ״Herr Rabbiner, Sie verdienen, ein Ehrist zu sein," worauf dieser, die Ehre zurückgebend, erwiderte: ״Herr Ober-Hofprediger, Sic verdienen, ein Jude zu sein!" Eine ähnliche Geschichte trug sich dieser Tage in einer Stadt Südwestdeutschlands zu. Der dortige Dekan feierte sein fünfzigjähriges Amtsjnbilänm, und bei dieser Feier war außer den ״Spitzen der Behörden" auch der Vorstand der deutsch-katholischen Gemeinde und der Rabbiner anwesend. Selbstvcrständlich fehlte es beim Festmahl nicht an Trinksprüchcn, und namentlich bedienten sich der Jubilar und der Rabbiner gegenseitig mit solchen. Der Dekan seinerseits knüpfte an jenes Wort Ammons all, gab ihln aber eine andere Wendung, etwa so: Ich will nicht sagen, Herr Rabbiner, Sie verdienen ein.Ehrist zu sein: sagen auch Sic nicht zu mir: Sie verdienen ein Jude zu sein Iä) sage vielnlehr: Bleiben Sie ein Jude, und ich will ein Ehrist bleiben und lvill mich bemühen, eS immer mehr zu werden, so sind wir eins im Geist." Der ״Allg. Ev.-L. Kirch.-Ztg." scheinen die Worte des Herrn Dekan nicht nach dem Herzen gesprochen zu sein, da dieselbe ihre Verwunderung darüber ausspricht, daß ״auch hohe, sogar die höchsten Würdenträger der Kirche" zugegen waren, jedoch keiner das sagte, was der Apostel Petrus zu den Männern von Israel sagte. Apg. 4, 1 2. ־1־ Leipzig, 9. April, Also hat auch Deutschland' das Glück gehabt, den vielgenannten Herrn Nabbinowitsch bei sich zu sehen. Nachdem er in Berlin mit Vertretern der Londoner Mildmay-Mission (Wilkinson, Dixon, Adler) zusammengctroffen war, reiste re in Begleitung derselben am 17. März nach Leipzig. Die ״Allg. Ev.-L. Kirch.-Ztg." berichtet hierüber: ״Die Besprechung betraf u. A. die Untcrstütznngsbciträgc, für welche Leipzig die Haiiptsammelstellc sein soll. Ein anderer BerathungSgegcnsiand war die Begründung einer Gcmcindcschnle. Weitere Mittheilungen müssen Vorbehalten bleiben, damit das, was zuerst zur- Kunde der russischen Regierung zu bringen ift nicht vorweg die Runde durch die Zeitungen mache. Uebrigens bleibt die Stellung der Freunde, zumal der Leipziger, eine rescrvirte und znwartcnde; auch die russische Regiernng selber fordert, daß der Bewegung ihre Selbstsländigkeit verbleibe. Beruhigend war die Erklärung von Rabinowitsch, daß zwar der Sabbath nach 5. Mos. 5, 15 als Gcdächtnißtag der Ausführung ans Aegypten gefeiert werden, dem Sonntag aber auch gottesdienstlich seine Ehre als Tag des Herrn, d. i. als Gcdächtnißtag seiner Auferstehung verbleiben soll. Und obgleich er Beschneidung und Sabbath als nationale Abzeichen beibchaltcn will, wird doch die Thatsache, daß Jesus das Ende des Gesetzes ist und daß die Gerechtigkeit allein aus dem Glauben au ihn kommt, von ihm in Gedanken Zusammenhängen, welche die Rückhaltlosigkeit außer Zweifel setzen, voll und ganz anerkannt." \V. Frankfurt a. M., 13. April. Der Verein zur Ermöglichung des Schulunterrichts nnbem it re l t er isr ael i t i sch cr Kinder hat für 132 Kinder das Schulgeld im verflossenen Jahre bezahlt, außerdem für den Religionsunterricht Derjenigen gesorgt, denen durch die Schule oder Private ein solcher nicht geboten war, und viele Kinder mit Kleidungsstücken, besonders . Schuhwerk, versehen. Die Kinder, für welche das Schulgeld vom Vereine bezahlt wurden, vertheilten sich auf folgende Schulen: Israelitische Volksschule 39, Petersschnlc 3, Liebfraucnschnle 25, Annaschnle 17, Bornheimcrschnle 4, Arnsburgerschnle 13, Uhlandschule 11, Ostendschulc 19, Realschule der Israelitischen Neligionsgesellschaft 1. — An Legaten und Geschenken gingen 6660 Mark ein; die Jahresbeiträge belaufen sich ans circa 2750 Mark, also in Summa etwa 9500 Mark. Strasrburg, 13. April. Der nengewählte Rabbiner der hiesigen israelitischen Neligionsgesellschaft, Herr Philipp Deutsch, ist hier eingctrosfen. * Karlsruhe, 10. April. Die ״Nordd. Allg. Ztg." hat, wie die ״Fftr. Ztg." meldet, Anstoß daran genommen, daß bei der BiSmarckfeier in Karlsruhe ein jüdischer Professor die Festrede ge- . halten hat. Sie hätte lieber einen christlichen Mann an der Stelle gesehen. Warum bei dieser Gelegenheit die Konfession in- Betracht kommen soll, ist nicht gesagt. Der Vorwurf ist schon deshalb sehr ungerecht, weil sich die Konservativen, die sonst den Juden immer eine angeborene Neigung zur Opposition vorwerfeu. doch freuen sollten, wenn sie sich mit ihnen in der praktischen Bethätigung der Verehrung des Reichskanzlers begegnen. ES ist aber doppelt ungerecht und eine offenbare Thorheit in diesem speziellen Falle. Wer hat denn die Hauptsummen zur Bismarckspcnde geliefert? Sind cs nicht gerade jüdische Finanzmänner, die auch hierbei einen ganz besonderen Eifer und Erfolg bewiesen haben?