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Jeschurun · 1885-03-19 · Heft 12 (19.3.1885) · p. 190

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 12 (19.3.1885)
Article
Österreich-Ungarn : Graz [Nachricht]
Date
1885-03-19
Page
190 (sequence 2)
Language
German
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190 Jahre 1883 für die Zwecke der antisemitischen Agitation eine Hetzschrift unter dem Titel ״Der Iudcnspicgcl" veröffentlicht hat. BrimanuS, welcher als Sohn jüdischer Eltern in Galizien geboren wurde und eigentlich Aaron Brie mann heißt, hatte sich den Titel eines ״Doktors der llcinasiarischcn Universität Gallipoli" bcigelegt und verschiedenen Personen gegenüber angegeben, daß er Dozent an den Hochschulen zu Innsbruck, Graz und Wien sei. Bald hatte er sich auch für den Lohn eines mehrfachen Millionärs, bald für den selbstständigen Besitzer eines großen Vermögens anSgcgebcn. Er verlobte sich an verschiedenen Orten mit mehreren Bräuten,, obwohl er in seiner Heimat!) Weib und Kind besitzt. Er war zuerst strcngorthodoxer RabbinatSkandidat. In Berlin ist er vor niehrcren Jahren zum Protestantismus und in Paderborn uicht lange darauf zum Katholizismus übergetreten. Nach längerer Abwesenheit erschien er im vorigen Jahre wieder in Oesterreich und rühmte sich der Bekanntschaft und Gunst hoher kirchlicher Funktionäre. Er trat auch in intime Beziehungen mit einem durch seine antisemitischen Publikationen bekannt gewordenen Professor des BibclsrndiumS au einer österreichischen Universität (Rohling). Seiner auSgcbreitcten und rührigen Thätigkeit ist nun in Folge einer Anzahl von Anzeigen wegen Betrügereien und Schwindeleien ein Ende gesetzt worden. Er sott, wie cS heißt, an daS hiesige Landcsgericht cingeliefcrt werden. ' Die ״N. Fr. Pr." bringt noch Folgendes über den Fall: Wir. haben im Abcndblattc von der Verhaftung dcS interessanten Herrn Aron Bricmann berichtet, welcher sich den Namen Di׳. BrimaunS beilegte und als ..Di׳. Justus״ durch Broschüren antiscmitischcit Charakters von sich sprechen machte. Die Nachricht von dieser Verhaftung dürste in Deutschland in zahlreichen Kreisen keine besondere Ucberraschung, wohl aber das Gefühl der Gcnugthuung darüber hervorrufen, daß Briemann'S gemeingefährliche Thätigkeit endlich ein Ende gemacht würde. In der MaSke eines gelehrten und frommen ManncS trat er auf, um diejenigen, die ihm in die Falle gingen, leichter betrügen zu können. 'Wir entnehmen einem uns zur Verfügung gestellten Briese, welchen ein Gelehrter in Wien am (5. Januar d. I. von dem Rabbiner Di׳. Hildesheimer in Berlin erkalten hat, FolgendcS: ״Vor fünf Jahren kam der galizischc Jude Aron Bricmann nach dem Haag. Dort wußte er sich durch verstellte Frömmigkeit insbesondere bei zwei frommen Familien so beliebt zu machen, daß diese ihn wie einen Heiligen verehrten. Diese Verehrung ging so weit, daß die Mitglieder dieser Familien, welche bei ihm Unterricht im Talmud nahmen, bei der jedesmaligen Nennung seines Namens sich erhoben. Vor vier Jahren gab Bricmann ein hebräisches Real- Lexikon heraus, dessen Kosten seine Schüler bestritten, welche übrigens ihn unb seine in Galizien lebende Familie unterstützten. Vor drei Jahren kam Bricmann zu mir und wurde, da ich so viel Schönes von ihm gehört, mit den höchsten Ehren empfangen. Er erzählte, daß er von Wien komme, wo er einen Posten als Rabbiner erhalten sollte, und wieder nach dem Haag znrückreise. Dabei lieh er sich 25 Mark, welche ihm angeblich zum Reisegclde fehlten, aus. Diese Erzählung war jedoch erlogen. Er war vielmehr in Berlin gewesen nnd zum Protestantismus übergetreten. Neun Monate später erhielt ich von seinem Schwiegervatcr einen erschütternden Brief, in welchem dieser Herr ersuchte, ihm Auskunft über seinen ״Schwiegersohn, den Rabbiner", zu geben, von welchem Weib nnd Kinder schon so lange Zeit ohne jede Nachricht seien. Als der Schwiegervater erfuhr daß Bricmann sich habe laufen lassen, drang er auf die Scheidung desselben von seiner Tochter. Bricmann war aber verschwunden. Es wurden Recherchen nach ihm bei Paulus Cassel, beim protestantischen Oberprcdigcr Bauer und beim protestantischen׳ Prediger de la Roi, der den Ucbcrtritt Briemann'S vermittelt unb znm Abschlüsse gebracht hatte, angestellt. Der Letztere erzähltc, daß Bricmann ״zur Fortsetzung seiner Studien" a,u einem Pfarrer im Sächsischen dirigirt worden sei. DaS war jedoch nicht der Fall. Inzwischen wurde bekannt, daß Dl׳. Bricmann mit Di׳. IustuS identisch sei. Wir haben ihn bis heule nicht gefunden." DaS ist nicht zu verwundern; denn Bricmann verschwand bald von dem Schauplätze seiner protestantischen Thätigkeit nnd trat zum Katholizismus über. Er verfaßte unter dem Pseudonym Di׳. IustuS den berüchtigten ״Judenspicgcl", eine Zusammenstellung angeblich christcnfcindlicher Stellen im Talmud. Interessant für die ״Brauchbarkeit" Briemann'S ist folgende Thatsachc: Eine' preußische Zeitung war wegen dcS Abdruckes von Stellen aus dem ,,Indenspiegel" von der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten RcligiouS-Genossenschaften in Anklageznstand versetzt worden. Bei dem Prozesse, welcher dem Blatte gemacht wurde, fungirtc der Professor der orientalischen Sprachen au der Universität Münster als Sachverständiger. Nachträglich verfaßte er eine vbjektive Beleuchtung des ״JndenspiegelS״. An dieser ״objektiven Beleuchtung" eines von ihm selbst verfaßten Werkes hat nun Bricmann selbst mitgearbeitet. Wir haben schon erzählt, daß er in Oesterreich zu einigen hohen kirchlichen Funktionären in intimere Be- Ziehungen trat. Er hatte sich hoher Protektion zu erfreuen; so sollte in Innsbruck eine von ihm zu ver- : fassende Nebersetzung deS Talmud unter hoher Aegide

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