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Jeschurun · 1885-03-19 · Heft 12 (19.3.1885) · p. 187

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 12 (19.3.1885)
Article
Die Ausübung des wahrhaftigen Gemiluth Chesed
Date
1885-03-19
Page
187 (sequence 2)
Language
German
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187 Seelen im Jenseits. In der an dem entseelten, seiner Auflösung in irdische Urstoffe entgegcnschenden Leichnam geübten LiebeShandlung bekennen wir die Wahrheit der Unsterblichkeit der Seele und erheben uns selbst über das Irdische und Hinfällige. Bei keiner Pflicht- Übung tritt uns also die Dignität des göttlichen Menschenwesens nahe, wie gerade bei dieser, in keiner fühlen lvir unS so über das Vergängliche erhaben, wie gerade in dieser. Der Mensch, der sich von dem Geiste dieses גמילות הפד durchdringcn läßt, der wirkt hicnieden für das ewige Jenseits, der fühlt sich schon im DicSscitS unsterblich, der weiß, daß nicht im Irdischen sein wahrhaftes Wesen wurzelt, daß eS vielmehr der Ewigkeit angehört, der erkennt in dem DiesscitS nur die Vorhalle zum Jenseits und kostet schon hier vorahnend die Seligkeit, die dort seiner wartet. Für ihn hat der Tod keine Schrecken; wie sich ihm daS hicnidigc Leben durch das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung, die auf keinen Lohn und keine Ancrkennung Anspruch erhebt, in glücklicher Heiterkeit vollzieht, also geht er freudig in daS Jenseits ein und gicbt der Erde willig zurück, was sic ihm an Irdischem geboten. Die Stätte des TodcS ist ihm in Wahrheit בית החיים die Stätte des Lebens, wie ihm jeder Raum, in welchemer in solchem מילות הבד) Geist gelebt, ZN einem שער השמים*, zu einer Pforte des Himmels geworden. Aus diesem Bewußtsein erblühte die Uebung des ächten Gemiluth-Ehcscd im jüdischen Kreise, und überall vereinigten sich von diesem Geiste erfüllte wackere Männer und Frauen zu einer הברה קדיישא und zu einer הברת (ישים, NM in heiliger Gesinnung die מצוה des גמילות הסד של אמת zu erfüllen. Nicht Micthlinge nahten sich dem Lager des Entschlafenen, um die letzten schweren Liebesdienste ihm zu erweisen. Fromme Hände waren um ihn geschäftig bei. der מהרה, fromme Schwcsterhände bereiteten ihm die letzte Gewandung, fromme Bruderhände ihm die GrabcSslätte. Und so ist eS auch noch wohl in sehr vielen jüdischen Kreisen, die dadurch sich als die Erben dcS abrahamitischen Geistes erweisen. Leider ist eS aber auch in manchen Gemeinden hiermit anders geworden, und die Klage ist nur allzu gerechtfertigt, daß sich daselbst immer wenigere Männer und Frauen finden, welche sich dem Dienste des Gemiluth-Ehcsed zu widmen bereit sind. Ja. der Orte sind auch nicht wenige, in denen dieser ganz Söldlingen überantwortet werden mußte, weil eben fast kein Einziger nlehr vorhanden ist, der sich als achter AbrahamSsohn bewährt. Mit dem Schwinden dcS altjüdischen Geistes und Lebens ist auch diese jüdische Pflichtübung geschwunden, und was ehedem und anderswo noch jetzt als höchste .מצוד gilt, wird als nicht zeitgemäß und der Bildung und Aufklärung der Gegemvart nicht entsprechend mißachtet. Möchte doch überall diese Mizwa in Ehre gehalten werden und wo vernachlässigt wieder zu Ehren gebracht werden. Die Ehewroth sind die Zierden der Gemeinden, sic verleihen ihnen eine Weihe und Heiligkeit, von welchen man außerhalb derselben kaum eine Ahnung hat. Hierzu vielleicht eine Anregung gegeben zu haben, ist der Zweck dieser Zeilen; möchte er doch nicht ganz verfehlt sein! KorrcsMdcllzeil imd Aiillirilhtcu. Deutschland. -a- Berlin, 11. März. Wo der blinde Haß die Herrschaft gewinnt, beginnt die Gemeinheit sich breit zu machen. :Nichts, selbst daS Erhabenste und Heiligste wird von den Antisemiten verschont, mit dem eklen Geifer des Hasses besudelt 311 werden. Alles ziehen sie herunter in den Staub, es sich gleichstcllcnd — denn daS ist dasselbe.. Zum Geburtstage der Königin Luise wurde gestern Abend ein patriotisches Fest vom fünften Wahlkreise der christlich sozialen Partei in der Tonhalle veranstaltet. Unter Anderen hielt auch der Abgeordnete Er einer eine längere Ansprache. Der Redner freut sich über die erweiterte Macht Deutschlands und beklagt dann, die inneren Verhältnisse besprechend, die ׳Neigung der Frauen, durch ihre Einkaufe unsere politischen- und sozialen Gegner zu stärken. Die Lösung der sozialen Frage, soweit sie ErzichungS- und Judensragc sei, liegt zuni großen Thei! in den Händen der deutschen Frauen. Mit einem begeistert aufgeuomineneu Hoch auf daS herrliche deutsche Vaterland schloß der Abg. Eremer. Und solches ist gesprochen zu Ehren der erhabenen Königin Luise. Wahrlich, wenn wir voll Bewunderung zu der hehren Frauengestalt auf dem preußischen Königsthrone aufblickcn, wenn wir der Milde, der EngclSgütc, dem hohen Geiste der besten Frau Deutschlands die höchste Verehrung zollen — und aus vollent Herzen, mit innigster Ucbcrzcugung thun wir dieses — so erscheinen uns jene Worte dcS gewöhnlichsten, blinden HasicS, gesprochen bei der Geburtstagsfeier der erhabenen Fürstin, wie eine Beschimpfung und Befleckung ihres reinen Herzens. Wahrlich, nicht nach dem Sinne der hehren Königin Luise hat Eremer geredet. Bei dieser Feier haben die Manen der hohen Entschlafenen nicht gewaltet, sie würden den kecken Sprecher gewarnt und gehindert haben, solche Worte zu reden, Worte, welche der Milde und Güte der Königin nicht entsprochen haben können. Das reine Bild der hehren Fürstin versuchte der anti-

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