Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1885)
- Article
- Traumbilder
- Date
- 1885-03-19
- Page
- 181 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933114-2960339--18218-2960386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
181 ein anderes Bild. Statt des Waldes ist rings öde Haide — nur hier und da mit Bäumen besetzt — saust nur noch Gestrüpp und Gebüsch - mächtige Baumricsen liegen hingestreckt am Boden — dieselben, welche ich vorhin gesehen - Denkmäler, Trümmer vergangener Zeiten. Doch siehe! Die Stelle, an welcher der herrliche Baum gestanden, ist nicht leer und verlassen. (5s ragt ein Stamm empor, aber von anderer (gestalt. Der Stamm ist dichter, seine Acstestragcn Früchte und Blätter, wie jener, aber viele Früchte sind faul, viele Blätter sind welk. Um den Baum liegen rings am Boden schon abgcfallcnc Blätter und Früchte, und andere drohen diesen zu folgen. Auch sind die Zweige nicht mehr himntelanstrebend, sondern weithin verbreiten sic sich, Schatten werfend. Ist cs derselbe Baum, welchen ich int ersten Bilde gesehen? Ja, er ist cs! Denn schau, feine Wurzeln ragen noch hinein in den köstlichen Duell, welcher ebenso rein und klar, frisch unb ungetrübt rieselt und rauscht, wie vorhin. Doch scheint nicht mehr die Sonne hell und golden am heiteren Himmel. Grau und finster, von schweren Wollen bedeckt ist das Firmament. Stürme heulen über die Haide dahin — sic nmbranscn den Baum, ihn erschütternd von der Krone bis zur Wurzel. Aber er bebt nur — er stürzt nicht. Doch was sehe ich? (5r wird morsch, er fängt an abznstcrben! Auch rauscht der Quell nicht mehr so laut, mit so starkem Gefälle, wie vorhin. Siehe! Die Wurzeln haben sich aus dem Wasser gehoben — vielleicht durch den Anprall der Stürme gegen den Stamm — auch die Krone hat sich geneigt — daS ist der Grund! D.as Leben, die Kraft, welche der Quell spendet, ist dem Baum genommen — sein Verderben — er wird morscher und fauler — er stirbt ab — er wankt.- Das Bild verschwindet mir wieder — cs wird wieder Nacht vor meinen Augen. — — — Da — es wird wieder Heller — immer Heller — ein drittes Bild. Rings sind lachende Gärten, blumige Augen — der Himmel ist herrlich blau von den Strahlen der goldenen Sonne erleuchtet — alles athmet' Frieden und Ruhe. — Schau, ein mächtiger, riesiger Baum ragt herrlich in die blauen Lüfte hinein, — seine mächtigen Zweige' tragen goldige Früchte und große, saftiggrüne Blätter — die Böge! singen auf seinen Acsten — ein kühler Windzug rauscht sanft durch seine Krone — und flüsternd breiten sich die Blätter aus, den Sonnenstrahlen sich zuznwendcn. Und um feine Wurzeln rieselt ein frischer Quell — tief ragen sie in das Wasser hinein, aus ihm Leben und Kraft schöpfend. Und rings umher stehen frische, junge, lebenskräftige Bäume — aber nicht so riesig, nicht so altehrwürdig wie jener — aber von demselben Holze, mit gleichen Früchten und Blättern. Und siehe! Der Quell, zu einem silberklaren Bach geworden, bespült auch ihre Wurzeln, ihnen Kraft und Leben spendend; das sind die Schößlinge des gewaltigen Stamutes. Hub mit diesem zusammen bilden sie einen lieblichen Hain, und ihre Zweige wachsen himmclanstrebcnd zu einem Herrlichen Laubdachc zusammen. Der Baum, sowie seine kräftigen Schößlinge werden bestehen, sie werden nicht wanken - ihre Stärke ist zu gewaltig — ihre Wurzeln ragen zu tief in'S Wasser hinein — sic können nicht wieder ans demselben erhoben werden. In dem lieblichen Haine ist Ruhe, ist Frieden und Glückich erwache. Aber mein Herz ist nicht mehr beschwert von Kummer, von Sorgen — die Ruhe habe ich gc< futtden, da ich das Bild des Wimderbainiies gesehen. Ich weiß, was mir die Ruhe gicbt — ich blicke getrost in die Zukunft und zage nicht. Nihilismus und Indenthum. Bon Friedrich N o t 1. (.,Ul.: :Hechte vor behalte» ) (Fortsetzung.) ״Was thut er?" fragte der Andere verwundert. 5)״r sitzt — heißt das, er ist in Trauer um seine brave Mutter, ihr Andenken sei gesegnet." ״Wollten Sie die Gefälligkeit haben, mir zu sagen, wo ich ihn treffe; ich muß mit ihm sprechen." Der Alte blickte ihn mit einem gewissen Mißtrauen an. ״Ich weiß nicht, ob das jetzt geht — die Herren machen diese Woche keine Geschäfte. Wenn Sie aber vielleicht zu Herrn Noscnfeld wollen —" ״Nein, nein, ich muß Herrn Ignaz LewinSki selbst sprechen. Wollen Sie ihm diese Karte übergeben," und er kritzelte hastig mit dem Bleistift einige Worte auf dieselbe. Der Alte nahm sie und richtete prüfend seinen Blick daraus, obgleich er weder den Namen noch die hinzligefügten Worte zu entziffern vermochte; zögernden Schrittes begab er sich in das Zimntcr seines Herrn. Gleich daraus erschien dieser im Korridor, mit ausgestreckter Hand dem Fremden cntgegeneilend, dann begaben sich beide wieder zurück in sein Zimmer. Der alte Jo.nkel ließ fick) wieder nieder auf die Holzbank ׳ nnd grüßte die Komnienden und Gehenden. Eben trat Alexander ans dcnt Familienzimmer. ״Weißt Du nicht, Jankel, wo mein Schwager sich befindet?" ״Der Herr Jznaz? der ist in seinem Zimmer. Aber Sie treffen ihn nicht allein," fügte er hin;»', als er sah, daß Alexander sich dorthin wenden wollte, ״es ist Jemand bei ihm."