Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-03-12 · Heft 11 (12.3.1885) · p. 173

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 11 (12.3.1885)
Article
Österreich-Ungarn : Prag [Nachricht]
Date
1885-03-12
Page
173 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933113--18184-2960311
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

mit deren Interessen eins fühlte und' zur czechischcn Fahne schwört, wird von den Deutschen nicht als Ezeche, sondern als Jude angefcindct. Geht er aber mit den Deutschen, dann verfällt er dem Fehmgcricht der Ezcchen, als Jude; nicht der Deutsche wird an den Pranger gestellt, sondern der Jude und natürlich ״die Juden." Er hat also nur die Wahl zwischen der Scylla dcS Czechenhasses und der Charibdis des Deutschcugrimmes. Ich glaube, daß den! Juden das gleiche Recht zusieht, wie den übrigen Genossen des Staats, sich derjenigen politischen Partei anzuschließen, zu welcher er sich hiugezogcn fühlt. Als Jude ist er weder Deutscher noch Ezeche, als österreichischer Staatsbürger bewegt er sich im öffentlichen politischen Leben. W. Prag, 5. März. Den hiesigen Nabbin alsjüugern gestaltete sich der diesjährige Purim zu einem wahren Jubelfeste. Sic, die meist hier fremd, ohne Familie, ein einsames und wenig freudenreiches Leben führen, wurden sämmtlich durch eine Einladung des Herrn MoseS Lasch erfreut, welcher ihnen ein solennes Bankett bereitete. In heiterster und fröhlichstcr Stimmung verlief dasselbe und wird allen Thcilnchmern noch lange unvergeßlich bleiben. Der würdige Gastgeber und sein Haus boten Alles, auf, .um durch Liebenswürdigkeit das Fest zu einem wahren Purimfeste zu gestalten. -v- Pres)bürg, 25. Februar. Frohlocke Germania. — Traure Hungaria! Wie ich soeben aus sicherer Quelle vernehme, soll Herr Rittncr, gewesener Mitarbeiter dcS antisemitischen ״Westung. Grenzboten" mit Zurücklassung von Schulden, welche er als selige Erinnerung an dessen geehrte Persönlichkeit hinterließ, nach seinem HcimathSlande dem geliebten Deutschland abgercist sein. Auch wird genannter Herr dortselbst eine Broschüre unter dem Titel: ״Der verjudete Antisemitismus in Ungarn" heransgeben,׳ welche gegen die Herren Antisemiten Symonyi und Vcrhovay gerichtet sein wird. Herrn Rittner gefällt auch der Antisemitismus in Ungarn nicht mehr, dieser ist ihm bereits zu - viel verjudct. — Obwohl genannte Herren bei Allem was ihnen heilig ist betheuern können, daß sie cS christlich und ganz aufrichtig damit meinen. Dies nützt aber nichts, — Herr Rittner behauptet, daß er verjudct ist, und es bleibt dabei! Nikolöbrrrg^ im März. Am 7. Adar, dem Sterbetage unseres göttlichen Lehrers Moses, fand hier die Trauerfeierlichkeit für den unlängst verstörbcncn mährischen Landesrabbiuer, Herrn Abr. Placzek ז״ל. statt, und hielt unser verehrter Rabbiner Dr. Feuchtwang die Gedächtnißrede. Mit warmen, zu Herzen dringenden Worten, rühmte der hochbegabte Redner des Verewigten klaren Geist, Hellen Scharfsinn und auSgebreiteteS Wissen auf dem Gebiete des Talmud und der Halacha, wodurch er schon in seiner Jugend derart hcrvorragte, daß er, obgleich noch jung an Jahren, von ansehnlichen Gemeinden zum Rabbiner gewühlt, später nach Boskowitz, einer der ältesten und größten Gemeinden Mährens, berufen und sodann zum mährischen Landesrabbiuer ernannt wurde, und wie er, seiner hohen Aufgabe sich bewußt, nach dem Worte unserer Weisen: קשוט עצמך ואה׳׳כ קשוט אחרים durch seinen makellosen Karakter, sein strengreligiöses Leben, seine Selbstlosigkeit und Uncigcnuützigkeit allen, die ihn kannten, ein edles Beispiel und leuchtendes Borbild war. An ihm bewährte sich der Spruch des Rabbi Meir: כל העוסק בתורה לשמה נקרא רע אהוב מלבשתו ענוה ויראה ומבשרתו להיות צדיק הסיד ישר ונאמן ונהנין ממנו עצה ותושי׳. Nachdem dann das von dem Gefertigten zu dieser Feier verfaßte אל מלא רהמים vorgetragen worden war, sprach der Herr Rabbiner noch zum Schlüsse einige Trostworte. Bei Gelegenheit dieser meiner Berichterstattung kann ich nicht umhin, auf einen großen Ucbelstand aufmerksam zu machen, der, wie ich auf meinen Reisen zur Vornahme der BeschneidungS - Operation beobachtete, unter den in Mähren und Niederösterrcich zerstreut und vereinzelt wohnenden Juden allgemein ist. Diese sind dem Judenthum fast entfremdet; die Sabbath- und Festtags- Feier wird von ihnen .nicht beachtet, öffentlicher Gottesdienst nicht abgehalten, sie hören nie ein belehrendes Wort über Religion, sind deshalb jedes Sinnes für dieselbe bar. Die Kinder genießen keinen Religionsunterricht und wissen vom Judcnthum nichts als die Schmähung und Lästerung, welche die Judenfeinde über dasselbe verbreiten. Kein Wunder, wenn sie alsdann, erwachsen, ihres angestammten Glaubens sich schämend, denselben verleugnen. Selbst die wenigen rituellen Anstalten, bie noch von einigen alteren Familien erhalten werden, ermangeln jeder religiösen Aufsicht und können darum dem Zweck nicht entsprechen. So ist z. B. die שחיטה ein freies Gewerbe und wer nur ein Messer führen kann, handhabt sie, wodurch die Führung eines jüdischen Hauswesens fast zur Un- Möglichkeit wird. Es tritt daher an sämmkliche Rabbiner Mährens. die heilige Pflicht heran, diese Angelegenheit in Betracht zu ziehen und auf Mittel zu sinnen, durch welche dem in Mähren und besonders in Niederösterrcich drohenden gänzlichen Verfall des JudenthumS Einhalt gethan werden könnte. Es wäre meiner, unmaßgebeudcn Ansicht nach angezeigt, daß diesbezügliche Vorschläge im ״Jeschnrnn" veröffentlicht werden, welches Blatt hoffentlich der Besprechung dieses hochwichtigen Gegenstandes gerne seme Spalten offen halten wird. M. L. Eohn, Rabb.-Assessvr. (Wir erklären uns hierzu gern bereit. D. Redaktion.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.