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Jeschurun · 1885-03-05 · Heft 10 (5.3.1885) · p. 149

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 10 (5.3.1885)
Article
Der Antisemitismud des Philosophen
Date
1885-03-05
Page
149 (sequence 2)
Language
German
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welcher dieser Stammvater, der Juden sich von seiner gotteutfremdetcn Umgebung trennen sollte, um eine# Menschcnkreiscs Erzeuger zu werden, der ״den Weg Gottes hütet, Pflicht, Milde und Recht üben soll" und ״durch den alle Völker der Erde gesegnet werden sollen." Zum Segen der Menschheit zu werden, in die Kreise der Menschheit das Gottcsbewußtscin durch das Beispiel eines ausschließlich der Erfüllung des Gottesgcsctzes geweihten Lebens wieder zu pflanzen, daß sic nch beugen unter ihrer Pflicht, und Gerechtigkeit und Liebe das einigende Band der menschengesellschastlichcn Verhältnisse werden, diesen ״Weg Gottes zu hüten" für die Menschheit, daß sie ihn wieder zu finden vermöge, nachdem er ihr verloren gegangen, — das Bewußtscin dieser Aufgabe, das ist der Inhalt des jüdischen Stammesbewußtscins. Was Abraham geheißen, das wurde dem Isaak wiederholt: ״durch deinen Samen werden sich alle Völker der Erde segnen," und dem Jakob: ״durch dich werden alle Familien der Erde gesegnet werden und durch deinen Samen," es wurde den Hundcrttausendeu des ״Danses Jakobs" als Vorbereitung für den erhabensten Augcnbliek im Leben der Menschheit wiederholt, da Gott sich auf dem Sinai offenbaren und seinen Willen der Menschheit kundgeben wollte: ״Und nun — wenn ihr auf meine Stimme ernstlich hören und meinen Bund hüten wollet, so müßt ihr mehr als alle Völker mir ausschließlich an׳ gehören, denn mein ist die ganze Erde, — ihr aber sollt mir ein Reich von Priestern und ein heilig Volk sein!" GottcS ist die ganze Erde, alle Völker sind sein, alle Menschen sind seine Kinder; sie aber haben ihres Vaters und Herrn vergessen und sich selber Götter geschaffen; der jüdische Stamm soll sich Gott ansschließlich wieder hingcbcn, und dadurch deS Priesteramtcs für die Menschheit walten, damit dereinst ״am Ende der Tage" Gott von der Gesammtmenschheit als der einzige Herr und König anerkannt werde und alle Nationen ״wandeln in Seinen Pfaden" — daß dann mit dieser wahrhaftigen Gottcshuldignng der ewige Wcltfricde cinziehe, ״Gott entscheide zwischenden Nationen und lehre die mächtigen Völker, daß sie ihre Schwerter zu Sensen zerstückelt und ihre Sperre zu Winzcrgcräth, und kein Volk ferner gegen das andere das Schwert trage und sie nicht mehr Kricgsführung üben." Träger dieser Mission zu sein, das ist das jüdische Stammcsbcwußtsein. Mag die Hartmaun'sche Philosophie solches belächeln und als schwärmerischen Traum, als Wahnwitz erklären — sie kann cs aber nicht negircn, sie kann nicht an dessen Stelle ein anderes setzen. Dieses Bewußtsein ist nun einmal das jüdische Stammcsbcwußtsein, wie es in voller Lebendigkeit sich bethätigt hat im Laufe der Jahrhunderte. Die jüdischen Mütter wecken es in den lallenden Kindern, die jüdischen Schüler lernen cs in der Schule, die jüdischen Gcmeinden bekennen cs in bm Tempeln. Wie klein, wie erbärmlich erscheint gegen dieses wahrhaftige Stammesgefüh! der Juden die Fratze, welche Hartmann von ihm entwirft. Zu einer bodenlosen Lüge sinkt vor dem Lichte der Wahrheil alles das zusammen, was das Harlmaun'schc Werk über das ״jüdische Stammesgefühl", die jüdische ״Selbstüberhebung", den jüdischen ״Weltherrschaflstraum", die Schätzung aller ״Gojim" als ״Menschen zweiter Klasse" u. s. w., sagt und ebenso auch die Konsequenz, die es aus dieser Entstellung der Wirklichkeit folgert. Wir fragen: Kann dieses jüdische Stammcsgcsühl neben dem deutschen oder irgend einem andern Nationalgefüh! nicht sehr wohl bestehen'?-Wo sind die Kollisionen zu finden? Das jüdische Slammesgesühl spornt jeden einzelnen Juden an. zum Segen seiner Mitbürger zn werden, Gerechtigkeit und Liebe zn üben, alles Gute zu fördern, sich allem Edlen anzuschließen; und daß der Jude dieses gethan, daß ihn dieses Stammesbcwußtscin zu solchem Schaffen und Streben getrieben, dafür legt die Vergangenheit und (Gegenwart der Inden beredtes Zeugniß ab. Wahrlich, es ist keine Selbstüberhebung, solches einmal anszusprechen, wo man unser Heiligstes in den Pfuhl niedrigster Selbstsucht und banalsten Eigendünkels hinabzudrückeu sich unterfängt, wo man in unendlichem Sclbstdüukel sich über uns erhaben wähnt unb in unsäglicher Verachtung auf die ״ungebetenen Gäste", auf die nnebenbürtigen ״Adoptivsöhne" herabblickt. Wir stellen uns getrost neben die Antisemiten und wagen das gerechte Urtheil heransznfordcrn, wer denn der bessere deutsche Patriot, ist, wir, die wir trotz des ungerechten Vornrtheils, trotz der auf uns gehäuften Schmach, trotz der Bedrückung, trotz des Jammers, die uns durch die Jahrhunderte begleiten, nur Liebe im Herzen getragen und nur Liebe empfinden zu unseren Mitbürgern, die wir des Vaterlandes Wohl zu fördern stets gesucht und suchen, die wir stets bereit waren und bereit sind, intreuer Hingebung an jeglichem Nationalwcrkc mitzuarbciteu, wenn man uns nur nicht schnöde zurückstößt, — oder diese, die uns gleichberechtigten Bürgern diese Gleichberechtigung streitig machen möchten und uns und unser Hciligthum verunglimpfen, uns mit Hohn und Spott überschütten, uns Fehler undichten, die wir nicht besitzen, uns für Vergehen zur Rechenschaft ziehen, die wir niinmer begangen und unsere menschlichen Schwächen, die keineswegs größer und verächtlicher sind als ihre eigenen, zu todeSschuldigen Sünden anrcchncn, die unS ausstoßen wollen auS der Gemeinschaft, die unS recht- und hcimathloS zn erklären Willens sind??- (Fortsetzung folgt.)

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