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Jeschurun · 1885-02-26 · Heft 9 (26.2.1885) · p. 139

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 9 (26.2.1885)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1885-02-26
Page
139 (sequence 2)
Language
German
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139 Jndenthum ist ein ehrwürdiger Begriff, der auch von Christen und Muselmännern Achtung fordern kann, und ist er der Begriff dcS Heiligsten, Reinsten, Erhabcnstcn. Wie würde es dem Herrn Stöcker gefallen, wenn man den ihm heiligsten Begriff des ChristenthumS mit der Bezeichnung des Gemeinen und Niedrigen nicht nur in Verbindung bringen, sondern sogar sich erfrechen wollte, das Christenthum als den Begriff dcS Schlechten und Verwerflichen zu mißbrauchen'? Würde er die Entschuldigung gelten lassen: wir verstehen unter Christenthum nicht die Religion, sondern die schlechten erbärmlichen Menschen und Bestrebungen, welche der christlichen Kirchengcmcinschast angehören? In. gerechter Entrüstung würde er über eine solche böswillige Niederträchtigkeit empört sein, und wir würden diese Empörung thcilen. Ist es darum den Herren ernst mit dieser Distinktion, so nennen sie sich fernerhin nicht mehr Antisemiten, so wagen sic es fernerhin nicht mehr, gegen Juden und Jndenthum zu Felde zu ziehen, so kämpfen sic gegen das Schlechte und Gemeine an, so predigen sie Aufopferung und Liebe und Gerechtigkcit und Sittlichkeit, und der größte Theil der Juden wird sich nlit allen edlen Christen um ihre Fahne schaarcu. — Mit der Bezeichnung Juden und Judenthum aber das Gemeine und Verwerfliche benennen zu wollen, ist ein Attentat auf die der Religion schuldige Ehrfurcht, auf Gerechtigkeit und Liebe. W. Vom Nheirr, 20. Februar. Ich kann Ihnen heute die angenehme Mittheilnug machen, daß daS edle Unternehmen, in Dinslaken ein Waisenhaus zu gründen, mit Gottes Hülfe bald glücklich am erstrebten Ziele augeiangt sein wird. Es ist nunmehr für den 8. März d. I. die Generalversammlung einberufen, welche die Wahl des Kuratoriums vornehmen und den Statutencntwurf in seinen Grundzügcn bcrathcn soll. Insbesondere soll der § l die Erziehung der Kinder auf dem Boden des traditionellen Judenthums ,gewährleisten. Das Lokalkomitee hat zugleich einen glücklichen Gedanken zur Ausführung gebracht. Etwa siebzig der größten jüdischen Hotels Deutschlands haben sich bereit erklärt, die elegant ausgcstattctcn Almosenkastcn fürs Waisenhaus aufzunehmcn; dieselben sind schon größtenthcils aufgestellt und seien hiermit besonders der Gunst des Publikums empfohlen. (Israelitische Hotels, welche solche noch wünschen, mögen sich gefälligst au das .Israelitische Waisenhauskomitce in Dinslaken wenden.) Es ist einleuchtend, daß das neue Institut noch sehr der Unterstützung der edlen Glaubensgenossen bedarf, und kann dies durch Spenden in jeglichem Betrage, besonders aber Lurch ^'^--Stiftungcn (300 0/5.) geschehen. Die Bereitwilligkeit der Herren Rabbiner Dr. Solvendi zu Dürkheim und D1\ Worms e r zu Gersseld, sowie verschiedener israelitischer Zeitschriften, Gaben für den schönen Zweck in Empfang zu nehmen, mag noch mit herzlichem Danke hervorgehoben werden. * Düsseldorf, 17. Februar. Gegenüber der Korrespondenz in Nr. 5 des ״Jcschnrun", in wecher bemängclt wird, daß das Nabbinat zu Düsseldorf gegen die dnrch die hiesige Königliche Negierung erfolgte Ernennung des Herrn Pfarrer Jüngst zum Lokal-Schulinspektor der jüdischen Privat-Elcutcntarschnle zu Viersen ״keine Schritte gcthan," sehe ich mich zu der Erklärung veranlaßt: I) daß von der Errichtung einer solchen Schule und der nothwendigen Bestallung eines Schul׳ iuspektors für dieselbe von keiner Seite mir Mitthcilung gemacht worden ist, ich den Sachverhalt vielmehr aus den! genannten Blatte erfahren habe; und daß 2) die Synagogengemeinde zu Viersen, wie dem Herrn Korrespondenten von dort hätte bekannt sein sollen, nicht zu dem hiesigen, sondern zu einen: andern Sprengel gehört, dessen Rabbiner, bei rechtzeitiger Mitthcilung, wie ich nicht zweifle, ebenso bereitwillig wie ich selbst im Sinne der Korrespondenz interocuirt haben würde. Düsseldorf, 17. Februar 1685. Der Rabbiner des Synagogen.Bezirks Düsseldorf. Di׳. Wedell. B. Würzbnrg, 20. Februar. Zu uns in Bayern hat sich der Antisemitismus glücklicherweise noch nicht verirrt, wie überhaupt im Süden eine mildere Luft weht, als in dem eisigen Norden. Ich sühre Ihnen hierfür das folgende Beispiel an, das die weiteste Verbrcitung verdient. In dem Badeort Brückenau, einem ansehnlichen Städtchen, herrscht zwischen der jüdischen und katholischen Bevölkerung volle Harmonie, Friede und Eintracht. Einen Beweis hierfür liefert die vorgestern vorgenommenc Distriktsrathswahl. Die im Jahre 1861 gewählte Stadtverwaltung hat nämlich als Bevollmächtigten für die Stadlgemeiude in den DistriktSrath den israelitischen Kaufmann Samuel Kann gewählt. ..m.. Ans der Provinz Sachsen. Wenn Sic cs auch anscheinend grundsätzlich vermeiden, in eine Polemik mit dem Organe der deutschen Reform- Partei einzutreten, so dürften Sie doch im Interesse der Sache den folgenden Zeilen, welche nur ein Prinzip, aber keine Person bekänipfen, die Ausnahme nicht ver- 1 sagen wollen. In der ״Israelitischen Wochenschrift" wird die Berliner Lchrcrkonfcren; einer eingehenden Besprechung unterzogen, in welcher n. A. die These aufgestellt wird, daß bei. dem Religionsunterricht alle die Punkte, welche uns trennen, nicht in Betracht kommen sollten. Es dürfte nichts gelehrt werden, was' sich zwischen die Eltern und ihre Kinder stellt; Talmud und Schulchan Aruch wären aber nicht Allen unantastbare Heiligthümer; nicht Jeder wäre Willens, sein ganzes Leben in diese vielfach veralteten Schranken ciuzuzwängen. Der Lehrer wäre nicht Lehrer einer religiösen Partei,

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