Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-02-19 · Heft 8 (19.2.1885) · p. 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 8 (19.2.1885)
Article
Der Antisemitismus des Philosophen
Date
1885-02-19
Page
117 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933110-2959989--17971-2960044
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sein der durch einen gemeinsamen Organismus durch Gesetz, Ordnung und gemeinsame Interessen bewirkten Zusammengehörigkeit, sowie das Bewußtsein der Verpflichtung für diese gemeinsamen Interessen zu wirken und in der Förderung derselben eine innige Befriedigung zu finden. Es gipfelt nach ihm in dem ״Gefühl einer geistigen Solidarität in Bezug auf die idealen Güter der nationalen ftultur;" in dem liebevollen und cnthu- ,iastischeu Umfassen der ״nationalen Kulturidcale als höchste geistige Güter" und in dem Streben, ״durch Förderung des nationalen Kulturlebens an der Förderung der Mcnschheitskultur mitzuarbcitcn." Wir haben hiergegen nichts cinzuwcndcn. Was ist ihm aber das ״jüdische Stammcsgcfühl", welches im Gegensätze damit sich befinden soll? Wir erhalten keine andere Antwort, als das starke Bewußtsein des Zusammenhanges der Juden unter ein׳ ander und die Fabel von dem Streben nach einer jüdischen Weltherrschaft. Hartmann macht cs sich sehr bequem. Er stellt seine Behauptungen ohne Beweise auf: So lange Juden Juden sein wollen, können sic das deutsche, französische u. s. w. Nationalgcfühl nicht hegen, und behaupten sic dennoch, für das Wohl der Gcsammtheit lebhaft zu empfinden, so ist das eitel Heuchelei, ״Schaukelspicl einer talmudischen Dialektik", ״täuschendes Schaukelspiel" n. s. w. und glaubt schon ein Ucbriges und eigentlich UebcrflüssigeS zu thun, wenn er zu in Erweis der behaupteten Kollision ״das Experiment" proponirt: ״wenn der Betreffende (Jude) in die Alternative versetzt wird, von zwei glcichwürdigeu und bedürftigen Menschen nur einem helfen zu können, entweder einem frcmdstaatlichcn Juden oder einem nicht-- jüdischen Landsmann," wem er alsdann den Vorzug geben würde? Das ist der einzige Beweis, den er zu führen vermag; und da er nicht daran zweifelt, daß bei einer Probe der Jude dem fremden Juden helfen würde, so zieht er siegreich ״die unabweisliche Schlußfolgerung, daß von dem deutschen Juden die mit Annahme der Emanzipation übcrnonunene Schuld bis jetzt auch noch nicht zur Hälfte abgetragen ist." Die weitere Konscquenz aus dieser cigenthümlichen problematischen ״unabweislichcn Schlußfolgerung" crgicbt Herrn Hartmann natürlich die Versagung der Gleichstellung der Juden. Das nennt man doch eine streng logische, unparteiische, objektive Untersuchung, Beweisführung und Vermittelung, würdig eines Weltw'cisen! Das jüdische Stammesgefühl soll mit dem deutschen Nationalgcfühl fortwährend kollidiren, weil in einem künstlich konstruirten möglichen Falle Herr Hartman» nicht daran zweifelt, daß bei einem Widerstreit der Pflichten sich der Jude nicht in dem von Hartmann als gerecht gedachten Sinne entscheiden könnte! Wir wissen nicht, wie weit die Hartmann'sche Nächstenliebe geht und ob seine atheistisch-pessimistische Anschauung sich überhaupt von dem egoistischen Streben zu einer unter freier Aufopferung seines eigenen Bortheils bewußt bctheiligendeu Liebcsthat erheben kann; wir wissen auch nicht, welche Entscheidung ״der bei weitem größere ungebildete Thcil der deutschen Judenschaft" in dem aufgegebcucn Problem treffen wird, — das aber wissen wir, und das bezeugen die Jahr- Hunderte der Vergangenheit und die lebendigste Gegenwart, daß es kein humanes Streben, keine Menschenfreundliche Bestrebung giebt, welche nicht stets auf die aufopfcrungsfähigste, thatkräftigste Unterstützung der jüdischen Deutschen hat zählen können, daß kein HülfSbedürftiger, er sei Jude oder Nichtjudc, Deutscher oder Franzose, bei dem Juden vergeblich Hülse nachsucht, und daß die Anhänger der Harlinann'jchcn Philosophie und der Meister selbst sich glücklich preisen dürften, wenn sie eine solche Hingebung au der Nebenmenschen Wohlfahrt zu bethätigen fähig wären, wie ״der bei weitem größere ungebildete Theil der deutschen Jndenschaft." (Fortsetzung folgt.) . Die ..Tiigiil" der Zchrifhtilhen oder Moses und Nabbi Sffiba. Versuch über eine r ä t h s e l h a s t e A g a d a Bon Ludwig H. Nosenthal, Prediger zu Köthen. (Schluß.) Eben weil die Tagin von der Uebcrlieferung nothwendig gemacht werden, weil sic die Thora vor unbewußt sich cinschlcichendcn Jrrthümcru, wie auch vor absichtsvoller Fälschung zu wahren bestimmt sind, wendet sich nun MoscS an den Ewigen: יש לך אדם כזה ואתה נותן התורה על ידי Du hast einen Mann, wie diesen, dessen Wirksamkeit mir zeigt, daß cS dem Menschen möglich ist, dir Einheit von schriftlicher und mündlicher Lehre zu begreifen, und Du gicbst die Thora durch mich, dem Du dies Gesetz in zwei Strömungen zutheilst? Wäre cs nicht besser, die Tagin als Schirmer des Gesetzes von vornherein entbehrlich zu machen, die Thora in einer Gestalt zu verkünden, sie gleich so mederzuschrciben, wie sie im Geiste Nabbi Akiba'S lebt? Lasse die Thora durch einen Akiba verkünden, und der Streit zwischen Sadduzäern und Peruschim, zwischen Rabbanitcn und Karäer», zwischen Anhängern des Herkommens.und Neuerern ist von vornherein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.