Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1885)
- Article
- Salomonische Spruchweisheit
- Date
- 1885-02-19
- Page
- 116 (sequence 2)
- Language
- German
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Verträglichkeit, das zanksüchtige Streiten, das nicht ver-׳! gebend zu schweigen weiß oder im Schweigen noch na.!,zitternd schinollt, das überhaupt im Rechthaben einen Stolz sucht, zum Widerspruch reizt und doch den Widerspruch nicht zu ertragen weiß. Diese Unverträg׳ lichkcit, meinen Misere -Sprüche, verscheucht manchen Mann aus seinem Hause, da alle Geselligkeit, die sonstige Hausfreunde und Genossen auch zu bieten vermöchten, vergebens ist, wenn im Gcmüth des Mannes und der Frau ein Mißton herrscht. (Fortsetzung folgt.) Der A1ltift«1itl!-!mlS des WlosoMil?) (Fortsetzung.) ״Wo die Bcrtheidiger einer Sache zu solchen dialektischen Mitteln der Diskussion greifen, ist daS immer ein Zeichen, daß etwas faul ist in der Sache, die verthcidigt werden soll". Dieser von Herrn Hartmann ausgestellte Erfahrungssatz fällt mit vernichtender Gewalt auf ihn zurück, der die Künste einer alles Maß übersteigenden sophistischen Dialektik nicht verschmäht, mn die Sache des Antisemitismus zu vertheidigcn. Als ob eS sich darum handelte, einem aus weiter Ferne soeben anlangcnden AnSwandererznge den Eintritt in den deutschen Staatsverband großmüthig zu gestatten, vcntilirt er in .breiter, bedächtiger Weise alle über diesen fremden unbekannten Stamm von einer Altweiber-Wcishcit auSgehcckten Fabeln, läßt sich vom Gevatter Schneider und Handschuhmacher, deren Urgroßvatcr vielleicht ans der Wanderschaft mit dieser mysteriösen Nation einmal in Berührung gekommen sein könnten, die abenteuerlichsten Märchen anfbinden und schaut sich ängstlich nach dem Pferdchnfe, den Hörnern und dem Schweife um, den diese Ankömmlinge nach solchen unbezwcifclt zuverlässigen Zeugnissen besitzen sollen. Und da diese absolut nicht zu finden sind, so konslruirt er sich solche aus eigener Kunst und weist dann triumphircnd dieselben vor: seht da ist der Huf, das Horn und der Schweis — daß wir solche Wesen unmöglich bei uns aufnehmeu können, daS ist doch klar — ״cS giebt kein absolutes Recht ans internationale Freizügigkeit, jeder Staat hat׳ das Recht, die Be- *) Dicker Aufsatz wird in einer ausländischen Zeitung nachgedruckt, wie wir fortwährend Nachdrucken aus unserer Zeitung, namentlich in amerikanischen, holländischen und österreichischen Blättern begegnen. Wir überlassen den geehrten Redaktionen sehr gern unsere Artikel und -Korrespondenzen, wir Abnahme solcher, bei welchen ausdrücklich der Nachdruck ausgeschlossen ist, richten aber an sie das Ersuchen, doch nicht wie in den vorliegenden und vielen ähnlichen Fäyen die Angabe der Duelle zu vergessen. dingungen festzusetzcn, unter welchen er Fremden die Ansiedelung auf seinem Gebiet gestatten will." Dem philosophischen Antisemiten existirt nur daS, was ihm sür seinen Zweck passend erscheint; sein schöpferischer Anssprnch schasst was er gerade gebraucht. Jahrhunderte verschwinden durch solche Zauberkunst spurlos ans der Erinnerung; neue Gebilde erscheinen und führen vor dem staunenden Publikum die entsctzlichstcn Höllcntäuze auf, daß eS Einem schier gruselt. Die nachweislich bis in die graue Vorzeit deutscher Geschichte reichende Seßhaftigkeit der Juden auf deutschem Boden wird ignorirt, ״die jüdische Weltherrschaft in ihrer weltumspannenden Großartigkeit" entsteigt dem Zauberkcsscl, ans dessen Deckel die Dämonen ״Gastvolk" und ״WirthSvolk" mit einander kämpfen, und jetzt fährt urplötzlich aus dem Schlote der Kobold, ״Kollision des jüdischen StammeSgesühlS mit dem Nationalgefnhl der WirthSvölkcr" hernieder. Man sicht cS dem Meister an, welches Behagen er an diesem neuesten Gebilde seiner schwarzen Kunst empsindct. Mit Hülse dieser ״Kollision" ist des AntisemitiSiilllS Berechtigung jeglichem Zweifel entrückt, im Bund mit diesen! Kobold schlägt er schließlich alle Semiten einfach todt — alle; und damit wäre dann daS Problem deS Philosophen, die Lösung der Judeikfrage, glänzend erreicht. Das wäre nun freilich ganz schön, aber dem ״Gast", dem so gastfreundlich von dem Herrn Wirthe ausgewartet wird, will diese doch so einfache und natürliche Regelung nicht recht konvcnircn. Er wagt cs das Gespenst anzureden: da zerrinnt es in Nichts, und der arntc Antisemitismus sieht sich wiederum auf sich allein angewiesen; die HülfStruppcn. welche ihm sein guter Freund, der Philosoph, versprochen hat, sind wesenlose Schemen. Wir leugnen die von Hartmann als Axiom ohne jeglichen Beweis behauptete Kollision ״des jüdischen StammeSgesühlS" mit dem ״Nationalgefühl der WirthS- Völker" und stellen dagegen den Satz auf, daß ein Widerstreit zwischen dem ״jüdischen Stammesgefühl" und dem Nationalgcfühl der heutigen Kulturvölker nothweudiger Weise ausgeschlossen ist. Was ist Nationalgefühl? Doch dieser Frage müßte die Erörterung über den Begriff Nation vorangchcn. Nation, ist die Summe der durch eine gemeinsame Muttersprache mit einander verbundenen Individuen. Wir rechnen die deutsch sprechenden Amerikaner' und Australier als Angehörige der deutschen Nation. Nationalgcfnhl ist das Bewußtsein dieser Zusanunengehörigkeit, und dasselbe ist ein so mächtiges, weil in der Sprache sich die verschiedene Eigenart der Menschen ausprägt. Hartmann saßt aber in dem vorliegenden Falle äugenschc'uüich. die Begriffe Nation, Volk und Staat zusammen und versteht unter Nütionalgefühl das Bewußt-