Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1885)
- Article
- Die "Tagin" der Schriftzeichen oder Moses und Rabbi Akiba
- Date
- 1885-02-12
- Page
- 100 (sequence 2)
- Language
- German
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100 der Zeitaller, die ich durchschritten, umwandelnd auch auf die Thora gewirkt, so daß die Gesetzgebung selbst ein unbekanntes Ereigniß geworden ist? Was soll Dein Wirken, Moses, wenn man Dich und Deine Lehre einst nicht kennen wird? Da tönt von den Lippen des Lehrers erlösend daß Wort: הלנה למשה ״ מסעיDas, was ich Euch jetzt lehre, ist eine dem Moses am Sinai mündlich überlieferte Halacha." ״ נתיישבה דעתוDa beruhigte sich Moses," er hatte gehört, daß dies die an ihn sich knüpfende Massora sei, die Uebcrlieferung, welche ihm nun zu Thcil werden sollte, deren Annahme von Seiten der spätesten Geschlechter ihn, wie Raschi erklärt, im Voraus freute. So wird trotz des Abstandes der Zeitalter das Band doch nicht zerrissen, welches Israel mit dem Sinai verbindet, schriftliche und mündliche Lehre bleiben durch die Jahrhunderte unwandelbar eins; ein Geschlecht in Israel reicht dein andern die Hand, um zu einem Ziele zu wirken, und von einem Ausgangspunkte aus. Nun hatte MoscS auch erkannt, daß das mündliche Gesetz wirklich überliefert werden muß, indem eS dem Menschen nicht möglich ist, die Massora unmittelbar auS dem Schriftvcrse zu folgern, daß sic ihm von diesem Standpunkte aus unverständlich bleiben würde; er hatte außerdem erfahren, daß jene ihm jetzt noch unbekannte Uebcrlieferung, soweit sie nicht הל"מ bleiben muß, etwas in dem Thorabuchstaben Liegendes ist und keineswegs einen Gegensatz zu dem geschriebenen Gottcsworke bildet. Wird uns die Bedeutung der Tagin und ihr Zusammenhang mit dem Wirken Rabbi Akiba's vielleicht jetzt klar werden? Es wird die Sendung dieses großen Mannes sein, die scheinbar in der Luft schwebenden Halachot der mündlichen Lehre auf das Schriftwort zurückzuführcn und nach den überlieferten Dcutnngsregeln den tiefen Sinn des Buchstaben zu suchen. Das בל קוץ ובוץ, aus welchen Akiba deuten soll, bezieht sicy nicht auf die Tagin, sondern, wie der Ausdruck קוצו של יו’׳ד beweist, auch auf diesen kleinsten Buchstaben der Schrift, der nach '7וארא רבה ריש בד fester steht als der salomonische Thron. Aus dem kleinsten Buchstaben wird Akiba die göttliche Uebcrliefcrnng zu erklären bestrebt sein, ihm soll das scheinbar Geringste nicht entgehen, was die תילי תילץ של. הלבות begreiflicher erscheinen lassen könnte. Liegt aber auf diesem Wege, wenn man bedenkt, daß Rabbi Akiba ein Bahnbrecher für die Bestrebungen Späterer sein soll, nicht eine große Gesahr? Wie, wenn der Deuter in seiner Kühnheit den Buchstaben erweitert, wenn er daraus gefährliche Folgerungen zieht und sich dann damit verantwortet, auch das sei Schrifterklärung, zumal hier von der Halacha die Rede ist? Da müssen die Tagin als Grenzwächter über dem Buchstaben stehen, den Forscher vor Selbsttäuschung warnen und ihm zurufcn: Bis zu dem Punkte, wo wir beginnen, ist Dein Gebiet! Wo das Thoraschriftzeichen aufhört, muß cs mit Deiner Deutung zu Ende sein, oder Du verlierst Dich selbst in Irrthümcrn! Wie überaus deutlich ist diese Warnung, indem hauptsächlich die Buchstaben שעטלז ג״ץ mit den schützenden Grenz- Zeichen versehen sind! Hüte Dich, der Du das Gewebe des Gesetzes kennen lernen willst, der Du darum geistig Einschlag und Kette von einander zu trennen hast, um sic wieder zusammcnzufügcn, daß Du Nichts von Deinen eigenen Fäden hincinwebst, daß schließlich kein unjüdisches Gewebe, kein שעטנז, hcrauskomme! Wenn Dein Geist sich mit dem des Schriftwortes begegnct, dem Worte, welches ״einem Hammer gleich Felsen zersprengend," מתחלק לבמה ניצוצות nach vielen Seiten Funken sprühen läßt, mit dem Schriftworte, welches blitzartig vielfache feurige Gedanken aus dem Meuschengeiste hervorruft — hüte Dich vor dem לץ שיצא מתחת הפטיש! Es könnte ein Funke verderblich emporfliegen und einen Feucrbrand entzünden zum Schaden derselben Thora, der er sein Dasein verdankt! In der Halacha wahret das zusammenhängende Gewebe vor שעטלז, in der Hagada möge sich der schnelldeutende Menscheugeist vor dem לץ hüten; nach dem Grundsätze אין משיבין על הדרוש könntet Ihr in schöntönenden Reden mit verderblichen Deutckünsten ebendas als Thoragedanken ausgcbeu, was unmöglich der Thora entsprungen sein kann, indem cS ihren DascinSbcdingungcn entspricht. (Schluß folgt.) Der Antlstmilismlls des p1)il0f0}1ljcit. (Fortsetzung.) Ein leeres Hirugespiunst ist dieses Streben nach einer ״jüdischen Weltherrschaft", von welcher der Antisemit Hartmann fabelt. Der Philosoph Hartmann sieht dieses auch sehr wohl ein, aber er hat sich nun einmal ganz und gar zum Sklaven des Antisemiten Hartmann gemacht, und er unternimmt deshalb in -seiner staunenswerthen Geschicklichkeit die Ausführung des noch niemals produzirten Kunststücks, aus dem Nichts Etwas zu konstruircn, und zwar jenes Etwas, welches von seinem antisemitischen Herrn und Meister geheischt wird. Er spricht: ״freilich ist nirgends eine solche politische Aufsassung der ZukunstSverhcißung vorhanden, weder bei den strenggläubigen noch den Reform-Juden, aber das hindert nicht, daß diese Perspektive ihnen wirklich vorschwebt, daß alle Arbeit des IudenthumS in seiner Selbstförderung thatsächlich geeignet ist, diesem Ziele