Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-02-05 · Heft 6 (5.2.1885) · p. 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 6 (5.2.1885)
Article
Rumänien : Bukarest [Nachricht]
Date
1885-02-05
Page
95 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933108--17889-2959877
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

95 an einem Freitage auf dem Marsche in Dorohoi an. Das Kommando verlangte für die Bagage die erforderlichcn Gespanne bis nach Siwcni, wohin keine Landstraße führt. Wozu sind die Inden nütze, wenn nicht zur Tragung aller und jeder Lasten? Das weiß ja jeder rumänische Bauernbnbe, geschweige denn ein hoch׳ weiser und gerechter Präfekt und Kommissar. Es war deshalb nach hicrländischen Begriffen nnd Gepflogenheitcn ganz in der Ordnung, daß der Befehl an alle jüdischen Fuhrwerksbesitzcr erging, .unverzüglich ihre Wagen und Pferde und sich selbst zur Berfügnng zu stellen. Weil aber die Juden ein dummer, böser und widerspenstiger Menschenschlag sind, und die glücklichen Eigenthümcr von Gefährten meinen könnten, daß auch die nichtjüdischcn Kollegen zu dieser Leistung heranznziehcn wären, so wurde dem Befehl vorsorglich die Warnung hinzugefügt, daß jeder Widerspenstige auf die Gasse hinansgcschleppt lind dort eine ungezählte Tracht Hiebe erhalten würde, und zwar von solchem Kaliber, daß er in der That nicht fähig fein möchte, seinen Wagen selbst zu führen, weshalb die Sbirrcn alSdann an seiner Stelle in diesem Falle Fuhrmannsdienst mit seinem Gespann verrichten sollten. '— Die trotzdem erfolgten Protestationen fanden taube Ohren; vergebens wiesen die Juden daraus hin, daß sic wegen des früh ciutrctendcn SabbathS lieber den Fährlohn bezahlen wollten. Sie mußten selbst fahren und die ganze dem Orte zugcfallcne Last tragen. Das nennt man doch Gerechtigkeit und gleiches Recht für Alle. Amerika. R. Ncwyork, Januar. Der zehnte Jahresbericht des hiesigen ״Board of Relief os the United Hebrcw Charitics" ist kürzlich ausgegebcn worden und legt ein erfreuliches Zengniß ab von dem Gottlob nicht erstorbcnen, sondern in lebendigster Frische bestehenden Geist jüdischer Wohlthätigkcit nnd Milde, den! Erbthcil unseres Stammvaters, der herrlichsten Zierde des viel verfolgten und noch immer angefcindetcn jüdischen BolkskreiseS. Wahrlich, ein Kreis, wo solche Tugend nicht als Ausnahme gilt, wo er die Regel bildet, die keinen Widerspruch findet, ob inan den abendländischen oder morgenländischen Juden in's Auge faßt, den Europäer oder Amerikaner, der trägt die Bürgschaft der Unsterblichkeit in sich, der darf sich kühn neben die edelsten Zweige des Menschengeschlechts stellen, der ist geadelt und verscherzt seinen Adel nimmer. Diese Bereinigung hiesiger mildthätiger Gesellschaften umfaßt keineswegs alle hier bestehenden Vereine für ähnliche Zwecke, sondern nur einen Thcil, welcher durch eine gewisse Konzentrirung seiner Arbeiten eine gedeihlichere Wirksamkeit zu entfalten anstrebt. Es sind dieses die fünf Gesellschaften:-Hebrcw Benevolent and Orphan Asylum Society, Hebrew Benevolent Fuel Association, Hebrcw Relief Society, Ladies' Hebrcw Lying in Relief Society, Eongrcgation Darech Amuno Free Burial Society. Außerdem aber zählt die hiesige große jüdische Bevölkerung noch eine ansehnliche Anzahl von Ehewroth. — Von den erwähnten fünf verbnndenen Gesellschaften wurden im Zeitraum von Oktober 1863 bis Ende September 1864 9248 Personen unterstützt mit fit* 497.8«» Dollars (282 (515 Mark <>5Pfennig). — Ein summarisches Bild der Wirksamkeit gewährt die folgende Zusammenstellung. Es wurden l 200 Halbtons Kohlen, 1040 Paar Schuhe, 1103 Paar Strumpfe, 470 Röcke. 484 Beinkleider, 22l Westen, 52 Uebcrzichcr, 030 Anzüge, 1 l 29 Wäschestücke, 2242 Unterklcidung nnd 559 sonstige Artikel vcrtheilt. von welchen l 770 Stücke in der Industrieschule des Vereins angefertigt und 971 von der Gesellschaft Doung LadieS' Eharitadle Sewing Society gespendet worden sind. — 700 Personen wurden mit einem Aufwand von 4408 Dollars und zwar: 112 nach Hamburg, 74 nach Bremen, 90 nach Amsterdam, 10 nach Liverpool, 13 nach London, 15 nach sonstigen europäischen Häsen nnd 440 nach dem Innern befördert. — 308 Wöchnerinnen erhielten die nöthige Unterstützung. — Für 525 Leichen wurden die Beerdigungskosten getragen. — 319 Kranke wurden verpflegt. — Die Industrieschule zählt 155 Schüler, die Handwerksschule 40. — Ein Asyl für permanent Leidende unter dem Namen ״Home for Ehronic JnoalidS" sott zu Ehren Montefiore'S in's Eingesandt. Die Sorge für die Zukunft der Seinigen nach dem Tode des Ernährers ist eine auch im Kreise der jüdischen Kulturbcamten nur allzu häufig umgehendes unheimliches Gespenst. Die Lebensversicherung, d. h. die Sicherung eines Kapitals, welches den Hinterbliebencn von einer zuverlässigen Anstalt ansgezahlt wird, gewährt die sichere Beruhigung für diese peinigendc Sorge. Unter den LcbenSvcrsichcrnngsanstalten Deutschlands nimmt die ״Victoria" zu Berlin einen unbestritten hohen Rang ein und kann deshalb allen Kollegen bestens empfohlen werden. Bekanntlich hat der Vorstand des Deutsch-Israelitischen Gcmeindebundes für die von ihm ins Leben gerufene Pensionskasse, die die Versicherung jüdischer Kultusbeamten erleichtert, einen Vertrag abgeschlossen, welcher denjenigen Versicherten, welche einer sogenannten Bundesgemeinde angehören, gewisse Bevorzugungen gewährt. Es wäre im Interesse des Kultnsbeamtcnstandes wie der ״Victoria" .selbst gewiß zu wünschen, wenn die Letztere sich geneigt finden ließe, diese. Vortheile auch Denjenigen zu Theil werden zu lassen, die mit dem Gemeindebunde in gar keiner Beziehung stehen. -w-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.