Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1885)
- Article
- Holland : Amsterdam [Nachricht]
- Date
- 1885-02-05
- Page
- 93 (sequence 2)
- Language
- German
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93 berechtigt, daß er auch einen genügenden Hintergrund für eine so schwerwiegende Behauptung habe, selbst'wenn diese Persönlichkeit der Führer einer konservativ tirch. lichen Partei ist. Ich bezähmte meine Ungeduld, bis die heiß ersehnte Stunde schlug, aber — [railunuut. monies liiisccüu‘ )•idiailiis 1nu<, und;war sehr vidiculus. Unsere politischen liberalen erstreben uäniiid) eine Bereinigung der verschiedenen Gruppen ihrer Partei, und au der Spitze einer dieser Gruppen, oder richtiger eines politischen Vereins, fleht zufällig cm im Indenthumc Geborener, und darum wird den bösen Inden die ganze Geschichte in die Schuhe geschoben, und weil diese ganze politische Bewegung gegen eine andere politische Partei gerichtet ist, fühlt sich ein Führer dieser letzteren berechtigt, von einer ״antichristlichen durch Semiten und Andere erzeugten Bewegung" zu sprechet!. Armer Keuchcnius, nicht einmal originell bist Du: gehetzt hast Du, ia, aber Stöcker ist Dir doch über! N ußland. *'Mr haben in Nr. 3 aus den Schilderungen des Herrn M. Kisch über jüdische Zustände in Rußland einige Notizen gebracht. Wir fügen hier einige fernere über die jüdischen Handwerker 1111b Arbeiter in Rußland nach der ,.Sozialpolitischen Revue" hinzu. Herr Kisch schreibt: ״Gelernt wird in Rußland in jeder Art und Gestalt. Zunächst studirt der reichere und weniger beschäftigte Jude für sich zu Hause. Der Arbeiter und der tagsüber beschäftigte Handelsmann nimmt au den ״Schiurim", welche zu bestimmten Tages׳- Zeilen oder am Abend, oft bis um Mitternacht, in den zahlreichen Synagogen, Schulen, Klausen abgchalten werden, Thcil. An jedem dieser Orte ist ein ״Maggid" (Vortragender), ein ״Lamdon" oder ״Perusch" (Lerncnder, Gelehrter), der Bortrüge ans dem Talmud oder der Mischna hält. Diese Klausen, Synagogen, Schulen. Beth -- Hamidrasch und Ieschiwoth werden meist von ״Chewroth" (Vereinen) erhalten. Eine Eigenthümlich feit aller russischen Städte sind die Ehcwra-Klausen, welche meist von Handwerkern erhalten werden. Die ״Chcwroth-poalim" (Handwcrkcrvcreinc) sind durchaus nicht nach Art und Weise der deutschen Handwerkervereine, die meist aus Bergnügnngs- und Bildnngs vereinen bestehen, gebildet. Zn Vergnügungen hat der russisch-jüdische Handwerker keine Zeit, hat dafür auch keinen Sinn. Bälle, dramatisch-musikalische Soireen, gemeinsamc Spaziergänge,Sommcrvcrgnügnngsscsre schicken sich nicht für ihn. Auch für öffentliche, popnlär-wisscnschastliche Borträge mit den obiigatcn Debatten und Fragelüsten hat er kein Verständnis:. Aber er ist sehr religiös, und hat bei ihm der Ausspruch ״Talmud lhora kcncged knlam" (das Thora-stndrnm übcrtrisst an Verdienstlichkeit alles Andere) noch Geltung und Bedenlung, und ist er deshalb auch in biblisch-tat mu dis.her Literatur kein Laie. Um ihr Wissen zu erweitern und die Frömmigkeit zu bcrhätigen, verbinden sich mehrere Zünfte (alles Handwerk m Rußland ist zünftig), diese gründen eine Ehewra und errichten eine Klaus, wo sich jeder Einzelne alltäglich, im Sommer oft schon um zwei Uhr Morgens, zum Gottesdienst, und allabendlich;um Gejetzesstndium cinfinbft. Manche Gewerke, wie die Fleischer, die Kürschner, die Schneider, die Schuhmacher, selbst die Schornsteinfeger haben oft zwei bis drei solcher Klausen und unterhalten mit ihrer Klans eine Icschiwa (hohe Schute der talmndischcn Wissenschuft) mit oft über 8<> Bachurim (Talmudjüngcr). Ost ist es ein Handwerker, der talmndijche Borträge hält. — Wie man sieht, werden Thora und Aboda vom Indcnthnm Rußlands eifrig genug im Stande gehalten, gehegt und gepflegt. Wie steht es nun aber mit der dritten Grnndsäule, der thätigcn Menschenliebe? Diese wollen wir nun etwas genauer beschreiben. Die crwähnenswcrtheste Institution in allen jüdischen Gemeinden Rußlands ist das ״Hekdcsch" (Spital), wo Kranke und Sieche ein Unterkommen und möglichenfalls Heilung finden, außerdem ist diese Anstalt eine Art Poliklinik. In den meisten Städten ist dies ein geräumiges Gebäude mit mehreren gut ventilirten Sälen, in welchen sich die Kranken nach Alter, Geschlecht, sowie nach der Natur der Krankheiten geschieden, befinden. In Wilna beispielsweise wird dieses Krankenhaus von einem Inspektor verwaltet, und sind daselbst vier Aerztc, darunter ein Oberarzt, thatig. Jede dieser Anstalten besitzt eine eigene Apotheke, und werden daselbst Frcirezcpte für arme Arbeiter angefertigt und verabfolgt. Selbstverständlich sind alle Aerztc und Apotheker, außer dem Provisor, der Christ sein muß — Juden. — Als zweite große Institution findet sich überall die ״Bogodjelnia" (Altcrsversorgungsanstatt), in welcher alte, verarmte und arbcitsunsähige jüdische Stadtcingcscssene Unterkunft finden. In allen diesen Anstalten sind die schönen, musterhaft reinlichen Räume wahrhaft bewunderungswürdig, die Wände sind Hel! und freundlich, die Fußböden glanzend lackirt, die Fenster hoch und luftig. Kleidung. Bett und Leinenzeug von nntadclhafter Frische und Reinlichkeit. Die meisten dieser Anstalten nmsasscn einen Garten mit einem ganzen Komplex von Häusern, zu welchen je nach Bedürfniß immer neue hinzngcbaut werden Männer und Frauen bewohnen nicht verschiedene Säle, sondern verschiedene Häuser. Hier leben und verträumen einige hundert alte und schwache Personen, Ruinen einstiger Menschenkraft und Herrtt'chkctt, traurige Ucbcrreste lebendiger, oft leuchtender Geisteskapazität, den Rest der ihnen bis zur gänzlichen Ansivsnng noch beschiedenen Tage. Personen zwischen HO und 100 Jahren sind gar nicht selten. Weiter' findet man die ״Talmud-