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Jeschurun · 1885-01-29 · Heft 5 (29.1.1885) · p. 72

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 5 (29.1.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-01-29
Page
72 (sequence 3)
Language
German
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72 Sie jcfyen,!die Geschichte hat sich Gottlob rasch aufgeklärt, wie Sie gehört haben werden." .,Gewiß habe ich das gehört, es hat ja übrigens auch lein Mensch daran gezwcifett, dag sich der Irrthum sofort aiiffLarcn mujj." ״ija na --- 1v»er Glück hat, hat Neider, und ' Iustiliian Levi hat Glück." ״Das ist bekannt." cntgcgncte Neitzcnslein lächelnd. ..Na, Salomon Reitzeustciu hat auch Glück," fügte Iustinian Lern hinzu. Ne i Heu stein fuhr sich mit der Hand über die Stirn, ihm selber unbewußt entglitt ein Seufzer seinen Lippen. ..Wegen was seufzen Sie?" fragte Inst!an Leos, dem langjährigen Freunde vertraulich auf die Schulter klopfend, ״haben Sie vielleicht nicht genug verdient?" ״Darüber kann ich mich.Gottlob nicht beklagen," erwiderte Neitzenstcin, indem er langsam׳ an der Seite feines Frcmidcs der Straße;uschritt, in der Beider Wohnungen, beide Prachtbauten, lagen. ״Aber meine Tochter macht mir Sorgen, ernste Sorgen." ״Wer, das Jrenchcn? Lieber guter Freund, nehmen Sie mir's nicht übel, daran sind Sie selber Schuld. Warum wollen Sie nicht zugeben, daß sie den Doktor Lilimthai heirathet? geben Sie's ja zu, so haben Sie keine Sorgen." Herr Neitzensicin rieb sich die Stirn, murmelte einiges über Verhältnisse, die der Fernstehende nicht so leicht zu benrthcilcn vermöge und dergleichen. Herr Iustinian Levi überhörte seine Antwort. ״Sie thun nicht recht," suhr er fort, ,.daß Sic sich dem Kinde so widersctzen. Will man Ruhe und Frieden haben, muß mau den Kindern ihren Willen thun, das ist mein Maxim. In der heutigen..Welt geht's nicht mehr so wie in früheren Zeiten. Denn warum? Die Kinder werden ganz anders erzogen, sie lernen so unbändig viel, daß die Eltern, die nicht so viel gelernt haben, ihnen ganz dumm Vorkommen. Darum ist's das Allerbeste, ::׳.an läßt ihnen in Allem ihren eigenen Willen. Einmal habe ich's nicht gewollt, aber —er zuckle die Achseln. ״Und dann," fuhr er fort, ״dürfen Sie doch nicht vergessen, daß etwas Wahres daran ist, wenn man sagt: Ehen werden im Himmel geschlossen. Ich hatte erst dieser Tage Gelegenheit, :nich davon zu überzeugen. Schon vor einigen Monaten, Sie werden vielleicht davon gehört haben, hat sich mein Adalbert in ein Mädchen verliebt, das bei Bach ä, Meier im Geschäft ist. Sic ist ein keusches, tugendhaftes Mädchen; natürlich hat er keine andere Absicht haben können, als sie zu heirathen. Er hat's auch gleich gewollt, aber ich — mir ist die Partie doch nicht recht gewesen. Denn warum? — daß sie keim Geld hat, das war'ö nicht, Iustinian Levi's Sohn braucht nicht auf Geld zu sehen, Gott sei Dank', aber verdrossen hat's mich, daß sie ein Ladenmädchen gcwescu toar, und überdies, daß sie Christin ist. Kurz und gut, ich habe gesagt, ich gcb's nicht zu. Das war vor vierzehn. Tagen. Drei Tage daraus kommt die dumme Geschichte, daß der Kerl mich verklagt, ich hätte ihn betrogen, daß ich in Unterl suchung gezogen und verhaftet werde. — Nun, Sic wissen, wie es gegangen ist, cs ist mir Gottlob sehr bald möglich gewesen, meine Unschuld nachzuwciscn, und schon nach zwei Tagen war ich wieder auf freiem Fuß. Unb was hat mein guter Adalbert inzwischen gcthan? Heute bin ich verhaftet worden, und morgen hat er seine Verlobung gefeiert und als ich übermorgen nach Hanse komme, kommt er mit seiner Braut am Arm und sagt: .Lieber Vater, hier ist Deine Tochter? Und was sage ich? — ,Liebe Kinder, ich sehe ein, daß cs wahr ist, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden. Und was der Himmel zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden? Und da sind sie alle beide auf :nich zu ttnd haben mich umarmt und geküßt und mir gedankt. — Das war eine Szene — ich sage Ihnen, im Burgtheatcr könnten Sie's nicht schöner sehen. — Und meine künftige Schwiegertochter — haben Sie sie vielleicht schon gesehen? — eilt Bild von einem Mädchen. Aber eine Bedingung habe ich doch gemacht. Liebe Kinder, habe ich gesagt. Eins müßt Ihr mir zu Liebe zu thun, unsere geliebte Rosamuude giebt sofort ihren Posten bei Bach L Meier auf, und bis zur Hochzeit wohnt sie bei mir, bei ihrem alten Vater. — Na, den 311 bei hätten Sic sehen müssen. Und seitdem, die Kinder — nicht nur Adalbert und Rosamundc, auch meine Lndowika, sie wissen rein nicht, was alles sie mir zn Liebe thun sollen, und alte Tage danke ich Gott, daß cr's mir ein!ן!: geben hat, daß ich thun soll, wie ich gelhau habe, und darum sage ich Ihnen, nichts ist so gcscheidt, als den Kindern ihren Willen lassen. Thut man s nicht, so thun sie doch, was sie wollen, und man hat nichts als Acrger und Verdruß. Läßt man ihnen aber ihren Willen, so hat man Dank und Freude. Darum rathe ich Ihnen nochmals, geben Sie Ihrem Irenchen ihren Doktor, und aller Ihrer Sorgen sind Sic ledig. — Wenn meine Lndowika sich morgen in nusern Ausläufer verliebt, meinethalben kann sie übermorgen heiralhcn. Was ich sedoch, nebenbei bemerkt, nicht zu befürchten habe, denn Lndowika hat einen exquisiten, geradezu aristokratischen Geschmack. — Na, wie ifts, lieber Neitzeastein, ich hoffe, es ist mir gelungen, Sie zu überzeugen, daß Sie nichts Besseres thun können, als was Ihr Jrenchcn wünscht." sForifetzmig folgt.)

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