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Jeschurun · 1885-01-29 · Heft 5 (29.1.1885) · p. 69

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 5 (29.1.1885)
Article
Die Lehrerversammlung zu Berlin
Date
1885-01-29
Page
69 (sequence 2)
Language
German
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69 und ganze, das Iudeuthum uegirt, wie cs die Ortho-! doxie bekennt. Und schaffen sie mit diesem Verschweigen! und diesem ängstlichen Zurückhaltcu diesen. Gegensatz! aus der 'Seit? Wahrlich, nur gntmüthige Beschränktheit oder überlegene Schlauheit können der Parole, die! wir auch in dieser Versammlung als Prinzip wiederum verherrlicht sehen, znjnbeln. Dem gesunden Menschenverstände widerstreitet es absolut, Rabbiner und jüdische Ncligionslchrcr über einen Unterrichtsplan bcrathcn zu sehen, wobei aber um dcS Himmelswillcn von der 'Religion kein Sterbenswörtchen verlauten darf, wo ein jeglicher der gelahrten Herren über dasjenige, was seine jüdische Religion ist und was er der ihm anver-!rauten Jugend als solche zu lehren gedenkt, als tiefstes Geheinmiß in des Herzens entlegensten Winkel bannen muß, damit, Gott behüte, die Welt nicht erfahre, was denn eigentlich der vermeintlichen Elite der jüdischen RcligionSschnle in Deutschland jüdische Religion bedeutet. Da reden sic denn für den großen Hansen recht gelehrt, und Religion und Religion ist ihr Alpha und Omega, — die Leute draußen müssen meinen, Männer, die so viel von Religion sprechen und so ernstlich und mit Philosophcnmicne über Ncligionsunterricht debaltiren, die müßten doch unendlich fromm, religiös und in der jüdischen Religion bewandert sein. Aber eS ist Alles Blendwerk und eitel Phrase; die Männer wagen nicht, dem Volke zu offenbaren, was ihnen die Religion ist, weil sonst die Harmonie dieser ReligionSmünncr gestört, der Welt das erhebende Schauspie! einer babylonischen Gedankenverwirrnng geboten und cs offenbar werden könnte, daß die Herren NeligionSlehrer und Rabbiner ein jeglicher eine andere Religion hätte. Einer solchen unmännlichen und unwürdigen Erscheinung gegenüber hält cs schwer die Ruhe zu bewahren. In den letzten Tagen des vorigen Monats hat sich an dem gleichen Orte das widrige Schauspiel wiederholt, was im Laufe des vergangenen Sommers daselbst die Versammlung von deutschen Rabbinern der Wett geboten. ״Hebung des religiösen Geistes״ war damals der ostensible Zweck, ״Entwurf eines Normal- Plans für den jüdischen Religionsunterricht" hieß cs dieses Mal — beide Male ״mit Ausschluß der religiösen Frage". Das Nesiiltat der Lchrervcrsammlnng ist ein klägliches — das absolute Nichts. Und dennoch fand dieses Nichts seinen Glorifikator, und dennoch konnte diese Versammlung sich mit den großen Männern vcrgleichen lassen wollen, welche in Dene-Bcrak sich in der Peßachnacht zusammengefnndcn hatten und' die Bedeutnng dcS Festes in ihrem ganzen - Umfange zum Bewußtsein zu bringen sich bemühten — sie, deren Mitglieder erschraken, als unvorsichtiger Weise der Inhalt der Religion von einigen ihrer Thcilnehmer erörtert werden s)lltc. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund strebt danach, als Vertreter der ganzen deutschen Iudcnschaft angesehen zu werden. Er selbst repräscntirt in seiner Leitung die Reform; die Orthodoxie bildet aber immerhin einen nicht zu unterschätzenden Theil der Indenheit — diese darf nicht brnskirt werden; — darum das verkappte Spiel. Die Versammlung des 29. und 30. Dezember hat dieses zum Theil ansgcdeckt, aber nur für Diejenigen, welche Angen znm Sehen und Ohren zum Hören haben. Diejenigen, welche sich absichtlich blind und taub machen wollen, die werden allerdings nicht selbst gciäuicht: sie tragen aber zur Täuschung des Volkes bei. das in ihnen seine Führer erblickt. C'ill liberaler Richter im 14. Jahrhundert. Unter diesem Titel veröffentlicht der ״Univers Isr." nach der ״Gazzctta littcraria" in Turin eine höchst interrcssante Notiz, die gewiß auch den Lesern Ihres geschätzten Blattes willkommen sein dürfte. In dem Tnrincr Archiv befindet sich ein sehr merkwürdiges Dokument. Es handelt sich um die Anklage eines rituellen Mordes, eine Anklage, welche zu jener entfernten Epoche im 14. Jahrhundert überall als begründet und von einer Vcrnrthcilung begleitet worden wäre. Dieses Schriftstück macht darum um so mehr der Einsicht des savoyischen Richters Pietro Navnsti und seiner zwei Assessoren, welche das srcisprcchcnde Uriheil fällten, als auch der Wahrheit des Fürsten alle Ehre, welcher diesen Urthcilssprnch billigte und mit seiner Autorität unterstützte. Ein Jude Namcus Acelino und ein Christ, Iaqnet d'Aignebclle, waren angeklagt, mehrere Christenlinder in Genf, Numilly, Annecy u. s. w. getödtct zu haben, und alle Inden der Grafschaft Savoyen des Einverständnisses und der Mitschuld an diesen Verbrechen bezichtigt. Nach der öffentlichen Meinung, welche durch den Antrag des Staatsanwalts Bartolemeo Taberno aufrecht gehalten wurde. hätte Iaqnet die Kinder entführt und durch die Vermittelung des Acelino an die Inden verkauft. Nachdem diese die Kinder getobtet, verwandten sie deren Köpfe ltnb Eingeweide, 11m ein eollirium st* 11!>11111111, welche sie Aharace nannten und das ihnen als Osterspcise diente, herznstellen. In Fesseln gelegt, gestanden die zwei Angeklagten alles ein. dessen sie das öffentliche Gerücht anklagte und bekannten die vcrabscheunngöwürdigc Sitte der Inden. Der Richter aber, in Erwägung ziehend, daß diese Geständnisse ans Furcht vor den Torturen entrissen und kurz darauf .widerlegt worden waren,

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