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Jeschurun · 1885-01-22 · Heft 4 (22.1.1885) · p. 53

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 4 (22.1.1885)
Article
Die Lehrerversammlung zu Berlin
Date
1885-01-22
Page
53 (sequence 2)
Language
German
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53 Ich bedauere, daß D1\ Kirschslcin hier eine Ansicht vorträgt, welche durchaus mit der?ehre des JudenthnmS in Widerspruch steht. Es geziemt sich am wenigsten für eine Versammlung jüdischer RcligiouSlehrcr, eine derartige Leugnung dcS Bekenntnisses, welches zu lehren ihre Lebensaufgabe ist, mit anzuhören, und ich kann nicht dulden, daß eine solche das Judcnthum verleugnende Sprache hier geführt wird. Und die Herren Kollegen hätten in einer einhclligcn Resolution eS aussprcchen müssen: Wir legen feierlichst Verwahrung ein gegen diese das Judcnthum verleugnende Rede des Dr. Kirschslcin. Derselbe hat dainit unserer heiligsten Ueberzeugung geradezu Hohn gesprochen, und wir erklären deshalb, daß wir nicht ferner mit ihm zusammen bcralhen können. Wir fordern ihn auf, diese Versammlung;u verlassen, welche gerade dasjenige, was er schmäht und verleugnet, als heilig und wahr anerkennt. Statt dessen aber nimmt die Versammlung nach den! Tumult ruhig eine laucErklärung an, welche säst׳- und inhaltlos gar nichts besagt. Ans Dr. Bärwald'S Antrag wird in Folge dessen der wahrhaft große Entschloß gcfgßt, die wunderbare Weisheit auSznsprcchcn: Es ist alljährlich beim Pentatcnchnnterricht eine der für diesen Unterricht verfügbaren Zeit entsprechende Anzahl Verse dnrchzunehmen und sollen solche Stellen dafür auSgewählt werden, welche für die NeligionSlehre wichtig sind; die Abschnitte, welche an Fast- und Festtagen znr Verlesung in der Synagoge gelangen, werden berücksichtigt. Herr Dr. Kirsch stein verbleibt ruhig in der Versammlung und beräth kollegialisch weiter. Er ist es auch, der bem Vorsitzenden zum Schluß für die unparteiische und ׳geschickte Leitung Namens der Ver sammln nd den Dank ausspricht. — Ist dieses nicht deutlich genug?!Fortsetzung folgt.. K»rdiml Iji1ijn11ü> iilift den AM- Das Wort der Wahrheit und Gerechtigkeit findet zu jeder Zeit freudigen Widerhall in dem Herzen aller Edlen; es wirkt aber in erhöhtem Maße erfrischend und belebend in der Gegenwart, welche leider nur allzusehr erfüllt ist von dem wüsten Treiben der Leidenschaft. In wahrer Befriedigung nehmen wir deshalb Kenntniß von dem Inhalte des Hirtenbriefes eines hohen Kirchcnfürsten. des Kardinals und Erzbischofs Haynald, der, zunächst an die Geistlichkeit seiner Diözese Kalocsa in Ungarn gerichtet, cS in der That verdient, von allen Geistlichen und Laien beherzigt zu werden. 'Wahrlieh, das sind Worte der Weisheit und des Friedens, wie sie eines Priesters würdig sind. Angesichts der betrübenden antiscnlitischen Strömung spricht Kardinal Haynald zu seinem Diözcsan-KlcruS zum Beginn des Jahres die folgenden Worte: . ״Der AntisemitiSmnS, wie derselbe an vielen Orten grassirt und sich in einer bis zur Gewaltthätigkeit gesteigerten Feindseligkeit gegen das jüdische Volk äußert, wird von jedem wahrhaften und gewissen haften Priester des ungarischet! Vaterlandes verurtheilt, wissend, daß wir Alle im Dienste jener Neligion stehen, welche das Symbol der Liebe ans ihrer Fahne trügt, und daß!vir selbst dann und dort, wo cs gelte, gewisse Auswüchse zu entfernen und zu bcstrafen, nicht berufen sind, die strafende Geißel GotteS zu handhaben, sondern vielmehr den Geist der bessernden göttlichen Barmherzigkeit zu vertreten haben. Ja, wohl jeder vernünftige Priester dieses Landes ist in der Tiefe seiner Seele überzeugt, daß derartige gewaltthätige Angriffe gegen Einzelne des jüdischen Volkes sorglich vermieden werden müssen; noch mehr, er ist auch davon überzeugt, daß er dasselbe von jenen mannigfachen, nicht in der rohen Form der Gewaltthätigkcit erscheinenden antisemitischen Bestrebungen zu halten habe, zumal man von diesen im voraus nur weiß, woher sie ansgehen und welcher Art ihr Anfang ist, doch wo dieselben stillstehen und bis zu welchem Grade sic entarten!verden, wenn das angcfachtc Feuer der unbezähmbaren menschlichen Leidenschaften sich zu ihnen gesellt, daS vermag sicherlich Niemand vorauSzusagcn." Mit inniger Befriedigung konstatirt sodann der Kardinal, daß er diese Worte eigentlich überslüssigerweise an die Priester seiner Diözese richte, denn diese seien nicht angegriffen worden, und wenn auch gegen einzelne der Verdacht auftauchtc, so genügte eine Untersuchung, nm sofort die Haltlosigkeit der Anklage ktarzulegen. Der gute Ruf der Geistlichkeit seiner Diözese stehe rein und makellos da, keinem einzigen Mitgliede konnte das Schandmal der antiscmitischcn Agitation aufgedrückt werden. Wenn Einzelne eine ernstere Rüge verdienten, so zweifelt der Kardinal nicht, daß dieselben jenen Auswüchsen glcichzuachten sind, die in jeden! weiteren Kreise vorzukommen pflegen; insbesondere habe die Untersuchung ergeben, daß nur solche Juden angcgrisscn worden seien, die über die katholische Religion^schmähende Aeußcrnngen gcthan haben. Der Hirtenbrief erörtert hierauf die gegen den Klerus erhobenen Anklagen wegen der Betheiligung an den politischen Agitationen. Zunächst konstatirt der Kardinal, daß^er die politische Freiheit, welche durch die Verfassung und die Gesetze allen Staatsbürgern, daher auch den geistlichen, gewährleistet

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