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Jeschurun · 1885-01-08 · Heft 2 (8.1.1885) · p. 29

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 2 (8.1.1885)
Article
Rußland : aus Kurland [Nachricht]
Date
1885-01-08
Page
29 (sequence 2)
Language
German
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29 Großfürstenthums gtunlnnb sich nngcficbclt haben, : will man zu Vcibc, auch in den ■Stabten möchte man sich bei* jüdischen Bevölkerung entledigen. Der Magistrat der Hauptstadt Helsin gsors hat seinen Inden die Gewcrbepatentc für das Jahr 1885 nicht erneuern;vollen, d. h. er will sie durch dieses sehr einfache Mittel entweder znm Hnngenodc oder zur Auswanderung verurtheilen. Die Inden haben sich bcschwerdcnd an den. Gouverneur gewandt, und ich zweifle nicht daran, das; die kaiserliche Negierung gerechter und weiser sein wird, als der hochlöbliche Magistrat. Der Vertreter des Kaisers wird nicht dulden, daß man ruhige, friedliche Umcrthanen, welche theilweise dem Kaiser treu als Soldaten gedient, die Nahrung nimmt. Uebrigens findet dieses unerhörte Vorgehen des Magistrats auch in der Presse gerechten Tadel. Die nichts weniger als judenfreundliche Helsiugforscr Zeitung ״Morgenbladet" schreibt darüber: ״Wir gehören durchaus nicht zu den Freunden der Iudenemanzipation, wollen auch dem jüdischen Einfluß ans die Entwickelung unseres Voltes keine Stätte bereiten. Ebenso wenig gellen uns die liberalen Phrasen, daß unser Volk im Namen der Humanität verpflichtet sei, dem deftrnktiven Einfluß des modernen Judcuthums freien Spielraum zu gewähren. Mau kann sogar gewiß sagen, daß die jüdischen Kotouisationcn in unserem Lande, selbst wenn neuer Zufluß abgeschuitten wird, eine wenn auch entfernte Gefahr sind. Unser Voll kann wohl mit Gottes Hülfe dem jüdischen Einflnß widerstehen, ein Unrecht jedoch, daß ein Volk begeht, rächt sich unzweifelhaft, und ein solches ist das beabsichtigte Verfahren gegen die bei uns wohnenden Juden. Wir hoffen daher, daß, wenn auch die gesetzliche Auffassung, nach welcher die Ansiedelung der Juden bei uns gcschchcn ist, als unrichtig anerkannt werden sollte, doch ein Ausweg gefunden wird, welcher verhindert, daß gegen die bereits hier wohnenden Jude;! von unserem Volke ein bitteres Unrecht begangen wird." Rumänien. ...X. Bukarest, 31. Dezember. Der Minister des Innern soll kürzlich einer Deputation, welche ihm die unsäglich elende Lage der Inden vorstcllte, geantwortet haben : die Negierung habe gar nichts gegen die Juden, ihre Lage ginge ihr sogar sehr zu Herzen. Veranlassen Sie nur ihre Mandanten znm lieber tritt zum Christenthume, so soll ihnen gar kein Hindcrniß im Gewerbebetrieb bereitet werden; sic sollen alle Hansirscheine erhalten." Für die wörtliche Treue dieser ministeriellen Eröffnung will ich indessen keine Vcrantwortnng übernehmen. Palästina. * Die ״N. Ev. K.-Ztg." berichtet: Noch immer strömen Schaaren von Inden aus Rußland und Rumänicn nach Palästina.' Fas! jeder russische und öfterrcichische Danipser führt eine Anzahl derselben mit sich, welche Wohnung im Lande der Väter suchen wollen. Selbst manche, die nach Amerika gegangen waren, wenden sich jetzt dorthin. In Palästina selbst aber beginnen vielfach neue Verhältnisse Platz zu greifen. Die jüdische Bevölkerung des Landes drängt sich nicht mehr bloß, wie früher in Jerusalem, Hebron, Safet und TiberiaS zusammen, sondern überschreitet jetzt tnchrfach diesen Kreis. In und um Jaffa besuchen die Missionare eine Reihe jüdischer Kolonisten, welche sie freundlich ansnchmen; um Safet haben sich gleichfalls Inden angesiedett. Vor allem aber ist bemerkenswcrth, daß viele der Neuangekommenen sich hier von ihrer Hände Arbeit ernähren nnd nicht lediglich vom Bettel oder der Ehalnka (bei* allgemeinen jüdischen Spende für Palästina) leben wollen. Deshalb sind auch viele der Nencinwanderndcn nicht mehr gewillt, das Joch der Rabbinen zu tragen, die ihren Glaubensgenossen bis dahin nur unter der Bedingung des unbedingten Gchorsams gegen ihre Satzungen einen Antheil an der Spende des heiligen Landes gewährt hatten. Bon dem ängstlichen Sichabsperren von der Mission, wie cS bis dahin die Regel unter den Juden Palästinas war, ist unter den Neu Einwanderndcn nicht die Rede. Die Missionshäuser nnd Missionsinstitute (Artus mit eingeschlossen) sind überfüllt. Allein der schmerzliche Mangel an Milteln verbietet eine Erweiterung des Werkes. Natürlich bitten auch die Rabbinen alles auf, um der gefährlichen Bewegung Einhalt zu thun; sie lassen cS sich ansehnliche Stimmen kosten, 11111 Glaubensgenossen, deren Abfall sic befürchten, nach Europa zu schassen. Die von ihnen abhängigen Jerusalemer Juden werden mit doppelter Aengstlichkeit bewacht. -- Wenn diese Mitthcilung der Wirklichkeit entsprechen^ sollte, dann Lhätc es doppelt Noth, auf der Hut zu sein. Marokko. * Trotz des ausgesprochenen Willens des Kaisers, die Inden in Dcmnat vor der barbarischen ׳Willkür des Gonveruenrs zu schützen, dauern die Bcxationcri und grausamen Maßregeln fort und gestalten das Dasein der gedrückten Inden zu einem wahrhaft bcmitleidcnswürdigen. Der Gouverneur spricht es offen ans, daß er sich um die Weisungen von Oben nicht kümmere, er werde mit den Juden verfahren, rvie cs ihm bcliebe. Hoffentlich gelingt cS doch recht bald, diesen Wüthcrich unschädlich zu machen. Die europäischen Vertreter, sowohl wie der amerikanische Konsul, bieten ihren ganzen Einfluß zu diesem Zwecke auf.

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