Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1885)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1885-01-08
- Page
- 26 (sequence 1)
- Language
- German
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KorrcsMdcilM und Nnchnchtcil. Deutschland. -!l.- Berlin, 2. Januar. Sie haben die letzte Woche nicht verstreichen lassen wollen, ohne dem scheidenden bürgerlichen Jahre das Siegel ihrer tugendhaften Gesinnung anznhaftcn, ohne zum prägnanten Ausdruck nochnta! zu bringen, was ihrer Seele heiligstes Streben zum Ziele sich gesetzt. — Die wackeren, Heldenmuthigen Antisemiten! Zwei Versammlungen an einem Abend, welch überschünmende Kraft antisemitischen Geistes! •VUMirici, Förster und Licbermann von Sonnenberg, ihnen gebührt der Lorber des durch sie beglückten deutschen Volkes. Die Spalten der Zeitung, für welche diese Zeilen bestimmt sind, öffnen sich nicht der Politik, und!nenn ich dennoch dieser ostensibel der Politik gewidmeten Versammlungen, namentlich aber der im großen Saale der Tivolibranerci abgehaltencn, erwähne, so geschieht cs, weil leider eben alles und jedes benutzt wird, um gegen die Inden zu Felde zu ziehen. Haben die Inden die zweite Direktorstelle im auswärtigen Amte abgclehnt? Bestand die Majorität des Reichstags aus Inden? Wahrlich, es gehört ein gutes Maß Selbstbeherrschung dazu, um nlhig zu bleiben, wo den thatsüchlichen Berl)a!1niffcii geradezu Hohn gesprochen und die Juden der össenrlichen Verachtung prcisgegcben werden. Die Juden sollen Anarchisten, Demagogen sein! Ist cs nicht eine Schrnach, daß der Hauptstadt des deutschen Neiäjs unaufhörlich so Geschmackloses und Widersinniges geboten wird? ״Alle Juden haben gegen die Bewilligung gestimmt," wird da laut hinansgeschrien; wieviel Juden sitzen aber im Reichstage und bilden diese denn eine besondere Partei?-Der Deutsche Antisemitenbund beabsichtigt als eigene politische Partei auf den Plan zu treten und bei den nächsten Wahlen sich einige Parlamentssitze zu erobern. Wir werden an der Spree also demnächst mit den Söhnen der Pußta rivalisiren. In dem betreffenden Aufrufe heißt cs: ״Die deutsche antisemitische Gruppe wird bei der nächsten Reichstagswähl mit eigenen Kandidaten hervorrrctcn. Sie will nicht bewahrte Volksvertreter ernannter Parteien verdrängen, sondern sich neue Kreise erobern. Deshalb ist sie schon jetzt an die Bildung eines AgitatlonSfonds gegangen."-Im Monat November kamen drei Mischehen zwischen jüdischen Männern und evangelischen Frauen hier vor. 0 Berlin, 3. Januar. -Die unter Aufbietung aller Ncklamcmittel als ein hoch bedeutsames Ereigniß von dem Deutsch-israelitischen Gemeindebnnd inszenirte Versammlung jüdischer Schulmänner hat am 29. und 39. v. Mts. in Berlin stattgefnnden. Es ist nicht der Zweck meiner heutigen Mittheilung, ein eingehendes Referat über die Verhandlungen zu geben; auch liegt es nicht in meiner Absicht, in dem Nahmen einer Korrcspondcnz die Frage zu erörtern, ob denn überhaupt der ostensible Zweck der Versammlung von einigen dreißig Schullehrern und Direktoren: die Feststellung eines Normalplans für den nothdürftigsten Neligionsnutcrricht, des Aufwandes von voransgcgangencn zwei Dutzend Gutachten, Verhandlungen ans Provinziallchrertagen rc. und der bedeutenden Versammlung in der Neichshanptstadt werth ist. Ich habe hierüber meine besonderen Gedanken und betrachte diese ganze von dem Gemeindelumbc angeregte Angelegenheit, welche schon seit fast zwei Jahren die Lchrcrwclt in Athen! hält, unter demselben Gesichtspunkte, unter welchem Sie, geehrter Herr Redakteur, seinerzeit den deutschen Nabbincrtag beleuchtet haben. — Auch für diese Verhandlungen war das bekannte schöne Vcrsteckspiel ״Nichtbetreten des religiösen Gebiets״, — wer sich doch dorthin bcgicbt, zahlt Strafe — bestimmt werden. Zwei der gelehrten Herren waren aber so unvorsichtig, diese Warnung gar nicht zu beachten; es waren dieses die Herren Dr. Kirschstei n von der Berliner Religionsschulc und Professor Di׳. Steinthal ans Berlin. Sie wurden gebührender Maßen zur Ordnung gerufen. Das geschah also: Di׳. Kirschstein erklärte, als von dem Opferdienstc gesprochen wurde: ״Was Sie aber als Neligionslehre bezeichnen, können wir nicht anerkennen. Wollen Sic die Religion stärken, so lassen Sie die Opsergesetze fallen. Wozu unsere Kinder mit Dingen belästigen, die für uns nicht den geringsten Werth besitzen. Was tobt und abgestorben ist, muß begraben werden.". (Großer Lärm. Stürmische ׳ Rufe: Zur Ordnung! Zur Ordnung! Glocke des Präsidenten). — Rabbiner Dr. Bambcrger-Königsberg als Präsident: Ich bedauere, daß der Redner Dinge vorgebracht hat, die nicht hierher gehören, und werde cS nicht dulden, daß ein Redner unserem Prinzipe entgcgenhandclt und bei der Lösung unserer Aufgabe ein religiöses Moment in die Debatte wirft. — D1־. Samnelsohn-Breslan ruft: ״Unerhört! Todt und abgestorben!".— Professor Steinthal - Berlin: Mein Freund Kirschstcin hat noch lange nicht das gesagt, was jener Prophet Jeremia gegen den Opfcrknltns geredet hat. (Große Erregung.) — Als Dr. Kirschstein wiederum das Wort ergriff und zur Frage des OpferdicnsteS zurückkchrt, erhebt sich neuer Lärm (Glocke des Präsidenten), und der Präsident entzieht demselben, ״da dessen Worte nicht dorthin gehören", das Wort. — Die Arbeit der Versammlung gipfelte endlich in folgender Resolution: ״ES ist wünschenSwerth, daß die Normalplanfrage im Anschluß an das auf der Versammlung gewonnene Material Gegenstand der Berathungen in den Lehrer-Konferenzen jüdischer Schulen werde und