Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-01-08 · Heft 2 (8.1.1885) · p. 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 2 (8.1.1885)
Article
Heimweh [Nachricht] / Rosenhain, S. B.
Date
1885-01-08
Page
25 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933104--17616-2959525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M 2 Jcschurnn. 25 Keimweh. Von S. B. N osenhain. Wenn Frühling mit den goldncn Pfeilen Des Winters ranhe Herrschaft bricht, Und die Natur umS Haupt des Siegers Dankbar die Vlüthcnkränze flicht, Dann schwingen durch die blauen Lüfte Die Bögclein sich übers Meer, Ein mächtig süßes Sehnen zwingt sie Zur Wiederkehr, zur Wiederkehr! Und in der Pracht der Auferstehung Erwartet sie das Heimathland: O kommt, o kommt, ihr thenrcn Kinder Und schlingt mir neu der Liebe Band; Das Laubdach meines Haines war ja Die Wiegt, die euch schaukelnd trug, Von seinen grünen Wipfeln wagtet Ihr einst den ersten, zagen Flug. In meinen Furchen schlief die Lerche Und träumte von dem Morgcnroth, Das über meine Berge leuchtend Ten ersten Flammengrnß ihr bot. Im Dickicht meiner Nosenbüschc Klang Philomclcns Flötensang, Der sich, von Noscnduft dnrchschlnngen, Zur lichten Himmclshöhe schwang. Da kamen Plötzlich jene Stürme, Die euch von meiner Brust verjagt, ^kacht ward's um mich, und meinen Gauen Hat cS seit damals nicht getagt. Ich klagte einsam und verlassen Der finstern Nacht!nein großes Weh — Nur immer hoffend, immer betend, Daß ich euch einstens wicderseh'! — Nun sind vorbei die düstern Tage, Die Düfte weh'n, der Hügel grünt, In Azurlichtern strahlt'S am Himmel: Die alten Schulden sind gesühnt! — Der Anger blüht, im Hain wird's schattig, Es weht ein linder, weicher Wind, — Doch ach, waS taugt mir Lenzeswonne, Wenn meine Kinder ferne sind! — So zittert durch das Maigelände Wehmüthig ein Beschwörungslied, Wie's über'm Bach des Angers murmelt, Wie'S säuselnd durch die Blätter zieht. Und durch die Lüste rauscht zur Antwort Ein tauscndfält'ger Schwingenschlag, Und lausend Jubelhymnen preisen Des Wiedersehens Wonnetag. Du armes Land im fernen Süden, DaS lange schon die Trauer füllt, Wann kommt die Zeit, wo dir die Sehnsucht Nach deinen Kindern wird gestillt'? Nach deinen Kindern, welche ferne Gen Ost und Süd, gen Nord und West, Den fremden Staub mit Thräncn tränken, Die ungezählt der Drang erpreßt. Die Mitternacht ist schon vorüber, Und immer noch kein Morgen graut, Wo säumt der Stern, des Licht die Wächter Schon vor Jahrtausenden erschaut'? — Wann hebt feie Nacht die schwarzen Schwingen Vom Morgcnroth der gold'ncn Zeit, Die einen ew'gen Lenz wird bringen In nie vcrblüh'nder Herrlichkeit! —. Im nächt'gen Hain der Trauerweiden Weil' ich am stillen, trüben Bach, In den gesenkten Nnthcnzweigen Wird leis ein schweres Seufzen wach. Und als ein dumpfes Echo rauschet Ein melancholisch traurig Lied, Schwermnthbedrückt und schnsuchtbange Durch meine Harfe, mein Gemüth So wie jenseits vom großen Meere Die licderreichc Nachtigall Harrt jenes Du st Hauchs, der zurücke Sie ruft ins hcimathliche Thal, So harrt sehnsuchtsvoll meine Seele DeS hehren Tags, der einst erscheint, Und die Berstoß'nen unb Verlornen Im Land der Väter wieder eint. Allmächtiger über den Sternen, Jst'S noch der Thräncn nicht genug? — Nicht schmerzte mehr als unser Drangsal Die Wunde, die Egypten schlug! Wend' bald zu uns Dich gnädig wieder, Erbarm' Dich endlich unsrer Noth, Laß strahlen über ZionS Thürmen Des Heiles leuchtend Morgcnroth. Dann spann' ich eine neue Saite Auf meine Harfe, die bislang Nur thränenreichi: Elegien Nur sehnsuchtsvolle Weisen sang. Stolz, wie die Zedern meiner Hcimath, Wie ihrer Adler Flug so kühn, Soll dann dem Borne der Vcgcist'rung Entflammend meine Hymne sprühn!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.