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Jeschurun · 1885-01-01 · Heft 1 (1.1.1885) · p. 15

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 1 (1.1.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-01-01
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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״Freilich, freilich, und ich werde mich bemühen, 1 den Eltern dieses klar zu machen, aber Du hast cs j doch gehört, sie wünscht, ich möchte bamit warten, bis ich sie nochmals gesprochen —." Indessen eilte Irene den Korridor entlang, dem rechten Flügel des Hotels zu, in den: die Zimmer der . Familie Reitzenstcin lagen. Ungefähr in der Halste j deS WegcS kam ihr der Diener ihres -HanseS entgegen.! Einem plötzlichen Einfälle nachgebcnd griff sic in die! Tasche, winkte dem Alten und drückte ihm ein Gold-! stück in die -Hand. j ״Jean," flüsterte sic, indem sic sich zu ihm neigte, j ״ist Herr Dr. Lilienthal dagewcsen?"! Der Diener neigte bejahend das Haupt.! ״Was hast Du ihm gesagt?"! ״WaS der gnädige Herr befohlen haben, daß die! Herrschaften nicht zu Hanse seien." I ״Und was hat Herr Doktor Lilienthal gesagt?" j Jean rieb sich hinter den Ohren. ״Der Herr Doktor haben gesagt, sie würden vor dem Diner wieder anfragen." ״Und was wirst Du ihm dann sagen?" Der Alte zuckte die Ach-clii. ״Ich muß abermals sagen, daß die Herrschaften nicht zu sprechen sind." Irene preßte die rosigen Lippen scst ans einander. ״Du hast mich lieb, Jean, ich weiß es, und darum weiß ich auch, daß es Dir weh Lhnt, meinen Geliebten so abweisen zu müssen." Jean neigte das Haupt und legte bethenernd die Hand ans das Herz. ״Ich weiß, ich weiß," fuhr Irene hastig, doch noch immer im?Flüstertöne fort, ״Du bist mein guter treuer Jean, aber natürlich mußt Du sagen, was Papa besohlen, aber — aber — Du wirst auch thnn, um was Dciue kleine Irene Dich bittet —", und schmeichelnd legte sie ihre kleine weiße Hand ans seine Schulter und sah ihm bittend in das breite blattcrnnarbige Gesicht. ״Wenn Alfons wieder konunt, wirst Du ihm natürlich wieder sagen, wie es Papa befohlen hat, daß wir nicht zu Hanse sind, jedoch dann wirst Du ihm ein kleines Brieschen in die Hand stecken, aber natürlich vorsichtig, daß cs Keiner sicht — kann ich mich darauf verlassen?" Der Alte legte abermals bethenernd die Hand auf seine Brust. ״Ich werde sagen, was zu sagen der gnädige Herr mir befohlen — und werde thun, was Fräulein Jrcnchen wünschen." ״Du bist mein lieber, guter, alter, treuer Jean," und liebkosend glitt ihre Hand über seine Wangen, ״in einer halben Stunde komm' in mein Zimmer, da werde ich Dir das Briefchen geben." Er neigte znstimmcnd das weiße Haupt, und das schöne Mädchen eilte in ihr Zimmer, dessen Thür sie sorgfältig verriegelte, dann griss sich nach ihrer Briefmappc, nahm ein rosensarbcncS Blatt heraus und schrieb: ״Theurer Alfons, Geliebter meines Herzens! Schwarze Wolken hängen drohend an dem Himmel unserer Liebe. Herz vom Herzen will man reißen, doch Deine Irene bleibt Dir treu. — Wenn diese Zeilen in Deine Hände gelangen, bist Du bereits zum zweiten Male abgewiescn worden — urthcile, welch' ein Schmerz mein Herz erfüllt — zerreißt! — Doch ich verliere den Mnth nicht, unsere gerechte Sache nmß und wird siegen. Ich habe einen Plan, der Himmel selbst hat ihn mir cingcgcbcn — doch ich wage es nicht, ihn dem Papiere anzuvcrtraucn. Ich muß Dich sehen, muß Dich sprechen. Geliebter! Frau von G. feiert heute Abend die Verlobung ihrer Tochter, meine Eltern haben zugesagt, hinznkommcn, ich gleichfalls. Ich werde auch zur bestimmten Zeit Toilette machen, doch so wie Mama im Wagen sitzt, erfaßt mich solch' heftiger Kopfschmerz, daß ich mich uicderlegcn muß. Sobald es jedoch vollständig dunkel ist, sind meine Kopfschinerzcn vorüber; cS ist im Hause zu schwül, ich muß in die Lust, weil aber die Eltern nicht zu Hause sind, kann ich mich nur in den Garten begeben. — In der lebten Laube, die zugleich die dichteste ist, erwarte Dich Deine Dir bis in den Tod getreue Irene." Kaum hatte sie diese Epistel beendet, als cs leise an ihre Thür klopfte. Sie blickte auf die Uhr. ״Ah," flüsterte sie, ״er ist pünktlich, mein treuer Jean." Dann schob sie ihren Brief in ein zartduftendes Konvert, öffnete die Thür und drückte das Papier in die Hand des eintrctendcn Dieners, dem sie abermals Verschwiegenheit zur heiligsten Pflicht machte. Mit einer stumm bcthcnerndcn Gcberdc zog sich der Alte zurück; er war dem schönen Mädchen in Wirklichkeit mit ganzem Herzen ergeben. * 4- 4- Irene führte ihren Plan mit wahrer Meisterschaft zu Ende. Sic hatte am Morgen den Vater fußfällig angefleht, ihr den Geliebten nicht zu entreißen, der harte Mann war unerbittlich, und auch die Mutter hatte sie nicht bewegen können, ihre Sache zu befür- Worten. (Fortsetzung folgt.)

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