Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Article
- Der Antisemitismus des Philosophen
- Date
- 1885-01-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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5 tioit Hartmann wissenschaftlich begründeten AntiscmitismuS jede Berechtigung an der Hand der vorliegenden Schrift versagen zu müssen. Mit der Miene eines von jeglichem Vornrtheilc freien Richters tritt Hartmann als Philosoph in die Arena des von häßlichen Leidenschaften angcjchürten erbitterten Kampfes und will über Recht und Unrecht nach objektiver Abwägung sein Urlheil fällen. um alsdann zum Frieden zu mahnen und der Stimme der Mäßigung und allseitigen Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen. Es dürfte schwerlich ein ganz neuer und noch niemals angewandter Knnstgriff eines zwischen zwei sich Bekämpfenden tretenden unparteiischen Friedens- Vermittlers sein, beiden Streitenden znznrufen: ihr habt beide Unrecht, darum verständigt Euch ans Grund eines billigen Vergleichs. Ein solcher Vermittler aber verzichtet auf den Anspruch, dadurch ein objektives Urtheil über das Recht und Unrecht der Parteien geschöpft zu haben. Er steht den Streitenden als ein bei dein Streite persönlich Unbcthciligter gegenüber, und die Herstellung der Ruhe und des Friedens ist ausschließlich der Zweck seiner Intervention. Die beiden Kämpfenden geben auch seiner Mahnung zum Frieden Gehör, weil sie selbst ruhe- und fricdensbedürstig sind, und sein unparteiischer, die Rechtsfrage gänzlich außer Acht lassender Ruf nach Beilcgttng des Streits in beiderseitigem Interesse ergeht. Wenn demnach Hartmann seine objektive unparteiische Stellung zwischen den Streitenden dadurch dokumcntircn will, daß er den Antisemiten einige Vorwürfe nicht ganz erspart, den Inden aber, wie wir sehen werden, die volle Bürde der Schuld an dem Streite aufhalst, so gleicht er nicht jenen Friedensstiftern, deren persönliche Parteilosigkcit von den Streitenden nicht angczweiselt wird. Uns will übrigens bedünken, als wenn cs eines Philosophen par excellence, als welcher Herr von Hartmann mit nachdrücklichster Betonung das Wort ergreift, weit angemessener wäre, ein streng objektives Urtheil festznstehcn, als in der bequemen Nolle eines zu einer momentanen Streiteiustellung mahnenden Friedensapoftcls zu figuriren, namentlich in einer Angelegenheit, wo cS sich um die Vernichtung oder Unterdrückung eines ganzen Menschenstammes im letzten Endpunkte handelt. Aber auch nicht einmal eine solche Stellung nimmt das Hartmann'sche Buch ein. Sein Verfasser spricht nicht zu den Antisemiten und Juden: lasset den Streit fahren und vertragt Euch; Dich, Antisemit, trifft auch etwas Schuld, und Du, Jude, hast eigentlich die Schläge vollauf verdient — aber Ruhe und Frieden ist besser; darum wohnet friedlich und brüderlich beisammcn, und Keiner verlange etwas mehr als der Andere. Herr von Hartmann verlangt vielmehr, als Preis für die dem Juden zu gewährende Ruhe und nicht zu verkümmernde Gleichstellung und Gleichachtnng, schließlich das Ausgeben der eigenen jüdischen Existenz. Herr von Hartmann übersieht aber überdies die ganze Kleinigkeit, daß auch mit seiner Definition der ,.Indenfrage" von einem Kampfe zwischen Juden und Antiscmilen noch keineswegs absolut uothwcndig die Rede zu sein braucht, und falls die Existenz eines solchen Kampfes geleugnet werden sollte, es erst des Nachweises für das Vorhandensein dieses gegenseitigen Kampfes bedürfte. Hartmann stützt sein ganzes Gebäude vornehmlich auf folgende Punkte: a. die Existenz eines Kampfes zwischen Juden und Antisemiten, l). die Identität der Antisemiten mit dem dentscheu Volke, c. Streben der Inden nach einer Unterjochung aller anderen Völker, tl. die Kollision des jüdischen StammcsgcsühlS mit dem deutschen Nationalgcsühl. Wir werden bei einem Philosophen voranssctzen dürfen, daß er seine Thesen wohl zu begründen weiß und nichts behauptet, was nicht bewiesen ist. Bei einem näheren Eingehen auf das vorliegende Werk werden wir aber zu unserem großen Erstaunen gewahr, daß Herr von Hartmann mit den ganz gewöhnlichen und landläufigen antisemitischen Gesinnungen und Bestrcbuugen im Wesentlichen einverstanden ist und sich hierin, sowie in der Motivirung des Judenhasses, von den bekannten Führern der antisemitischen Bewcgung kaum unterscheidet. Wenn er nicht sein Buch mit der Verkündigung seiner Philosopheuqualität begonnen hätte, so würde man nicht zu der Annahme gelangen, daß dasselbe dem Geist eines Philosophen sein Entstehen verdankte. (Fortsetzung folgt.) Kollektiv-Berichte ans Ungar». xxxrx. Wir haben in unseren jüngsten Berichten (Nr. 52 vorigen Jahrgangs) die diplomatische Routine der Leitung der Durchsührungskommifsion anerkannt. Wir erblicken eine solche u. A. in der Kreirnng verschiedener Aemrcr und der Geschicklichkeit, die eigenen Maßnahmen mit dem Ansehen anerkannter Rabbiner zu decken, die mau an sich zu ziehen und zu Verkündern der eigenen Thesen zu machen wußte. Von der Pcßach-Mehl Kommission wollen wir sür'S Erste schweigen; vielleicht begegnen wir dieser Institution noch im Verlaufe unserer Rundschau. Dagegen können wir der eigentlichen DurchführungS-׳ kommijsion einige Aufmerksamkeit nicht ersparen, wenn