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Jeschurun · 1884-11-20 · Heft 47 (20.11.1884) · p. 751

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 47 (20.11.1884)
Article
Nihilismus und Judenthum [Nachricht]
Date
1884-11-20
Page
751 (sequence 2)
Language
German
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75 i reicht hatte, und die Strenge seines Antlitzes verlor sich. Mein Onkel gewahrte es und, sich ein Her; fassend, theilte er dem Gouverneur mit, was in der Schrift selbstverständlich nicht erwähnt war, die wiederholten Angriffe des Polizei Konunissärs und den Eiltführungsversuch desselben. ״Verstehe, verstehe," uturmellc der Gouverneur, indem seine Blicke abermals das crrvthendc Mädchen musterten, ״ich würde jedoch sehr empfehlen, über das, waS Sie mir da mündlich mitgethcilt baden, zu schweigen. Ich werde die Sache in die Hand nehmen und strengstens untersuchen. Sie können unbesorgt sein." Dann richtete er in gütig thciluehmendem Tone einige Fragen an meine Schl ve st er und entließ sic mit der Aufforderung, am folgenden Tage wieder zu kommen, da er bis dahin vielleicht in der Lage sein werde, ihr günstige Mittheilnilgen zu machen. Ucbcrglücklich eilte meine Schwester heim, der Mutter die freudige Hoffnung mitzutheilen, und die Armen »erlebten endlich wieder einmal einige freudige hoffnnngsvolle Stunden. Am folgenden Tage zur bestimmten Stunde begab sich meine Schwester abermals znm Gouverneur, selbstverständlich abermals in Begleitung des OheimS. Der Graf war heute noch gütiger, noch freundlicher als am vorhergehenden Tage, er habe sich in der Angelegenheit bereits genügend informirt und glaube mit Bestimmtheit, daß die Verhaftung meines Vaters durch einen allerdings sehr bcklagcnS'.verthen Irrthum erfolgt fei. Nur noch einige Formalitäten wären zu erledigen, in wenigen Stunden werde der Verhaftete seiner Familie zurückgegeben sein. Meine Schwester fließ einen Freudenschrei auS, warf sich dem Gouverneur zu Füßen und bedeckte seine Hände mit Küssen und Thränen, der Onkel suchte sic zu beschwichtigen; er besorgte, der heftige Ausbruch ihrer freudigen Aufregung könne den Grafen belästigen: doch dieser winkte lächelnd, er möge sic gewähren lassen. Die Zusage des Gouverneurs bewährte sich, noch ain selben Tage war mein Vater frei, war nach vierwöchentlicher Haft wieder vereint mit den Seinen. Die erste Freude des Wiedervereintseins wurde jedoch bald getrübt dltrch die Wahrnehmung, wie sehr die allerding) nie sehr feste Gesundheit meines Vaters durch den Aufenthalt in! Kerker und durch die rohe Behändlung dort gelitten hatte. Mein Later betrachtete cS als Pflicht, dem Gouverneur, dessen Intervention er seine Befreiung verdankte, persönlich seinen Dank abzustatten. Gras PaliowSki empfing ihn freundlich, er bot beni sichtlich Angegriffenen sofort einen Sessel und unterhielt sich eingehend mit ihm über die Ursache seiner Gefangenschuft. Auch der Graf war überzeugt, daß der angebliche Irrthum, den die Polizeibehörde zugestand, nichts anderes als ein Akt der Rache des betreffenden KommissärS. Doch empfahl er meinem Vater, was er bercitS meinem Onkel empfohlen hatte, über die Angriffe des Schurken;u schweigen. Zeugen wären nicht vor- Händen, Beweise könnten sie nicht bringen, sic wären daher nicht im Staude, den Schuldigen zu überfuhren. Eine gerichtliche Anzeige werde nur seinen Haß vcrdoppeln, ihn zu neuen Rachcthaten anspornm. Mein Vater mußte seufzend zugestehen, daß diese Befürchtung nur allzu begründet, und im Gefühl der eigenen Sch'.väche bat er den theilnehmcnden Grasen, ihm zu rathcu, in welcher Weise er sein .Kind vor den Nachstellungcn jenes Schurken sichern könne. Der Gonverncur überlegte einige Minuten, daun sagte er, er glaube, daß seine Frau eine Bonne suche, und schlug meinem Vater vor, Kakinka als solche in sein HanS zu nehmen, wo sie vor dcu Nachstellungen eines Jeden gesichert sein werde. Freudig ging mein Vater darauf ein, wo Hütte seine Tochter sicherer sein können, als im Hanse deS Gouverneurs? und dabei brauchte er sie nicht einmal in die Ferne y! senden, behielt sie in der Nähe, konnte sie scheu so oft er wollte. Der Gouverneur versprach, Mittags mit der Gräfin über die Angelegenheit zu sprechen; gegen Abend könne!nein Vater meine Schwester in sein Palais geleiten. Meine Mutter machte zwar Schwierigkeiten!vcgcn der unjüdischen Lebensweise, zu der meine Schwester im Hause deS Gouverneurs gezwungcn sein würde; doch mein Vater, der längst auf den alten Firlefanz nichts mehr hielt, that eine« Machtspruch, 1111b so kam Katinka in das HanS des Grafen PaliowSki — Herz!ow hielt abermals imie, er fuhr sich mit dem Tuche über die Stirn, als trockene er sich dm Schweiß. 'Nach kurzer Pause fuhr er fort: ״Die Gräfin Paliowöka!var eine gulmüthigc freundliche Dainc, die Gefallen au Katinka'S jugendlicher Schönheit, an ihrem Frohsinn fand und ihr den Dienst leicht und angenehm machte, und auch dir beiden Kinder, die ihrer Obhut anvertraut wurden, hingen bald mit herzlicher Liebe an ihrer anmuthigen Pflegerin. Graf PaliowSki war ein zärtlicher Reiter, tag׳ äglich, bevor er ins Bureau ging, sah er nach den "Kindern und hatte auch für deren Bonne stets ein freundliches Wort. Auch Abends pflegte er nach den Kindern zu sehen und lange an ihren Beiten zu verweilen, während sie schliefen und die Bonne mußte stets im KiuLerzimmer sein. Katinka war jedoch so rein, so unschuldig, daß sic monatelang nicht ahnte,; daß der Graf mehr um ihretals um der Kinder! willen in deren Zimmer so oft verweilte.!!Sortsetzung folgt.)

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