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Jeschurun · 1884-11-20 · Heft 47 (20.11.1884) · p. 744

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 47 (20.11.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-11-20
Page
744 (sequence 2)
Language
German
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74 jauchzte sic wie berauscht, ,.Du wirst Deinen Vater! frei und glücklich Wiedersehen, und ich werde die schrecklicheu Qualen des bösen Gewissens wieder los werden, , die mich jefet Tag und Nacht peinigeil nr.b midi den; Tod schulichst herbciwün scheu lassen. Der >tvnig — der König, ja das hat der heilige Geist Gottes Dir in den Mund gelegt, Du weise Prophetin, der .König : allein kann und wird uns Helsen! — Du mußt vor den König, Lea, und ich weiß and) schon, wer der edle und lnäd)!igc Kavalier ist, mit dessen Hülfe sid) Dir die Pforten des Königlichen Palastes ansthnu werden. Komm, komm'/' Mit jugendlicher Kraft und Behcndigkeit zog Mara das Mädchen mit sid) fort, in deren Brnsl dir erwachende Hoffnung mit zaghafter j Unglänbigkeit um die Herrschaft stritten. Während sie : durch den Wald |d)rittcnr dessen glatte, rcifüberzogene j Aestc zauberhaft im Mondschein glitzerten, theiltc Mara > ihrer anfhorchcndeu Begleiterin mit, wie die Weissagung; der Aigcnncrin nach ihrer Ansicht zu verwirklichen wäre. - Als sic vor dem Städtchen angclangt waren, - trennten sie sich. Lea eilte nad) Hause, um aus den j mitgebrachtcn Kräutern für die Mutter einen Thee zu bereiten, und and) Mara sd)lng den Weg zu ihrem! Hänschen ein, um das erste Mal wieder seit einigen j Wochen die Nacht unter einem Dache znznbringen. Die Unruhe und Scheu, welche sie bisher von den Wohnstätten der Menschen fern hielt, war von ihr zum großen Theile gewichen: sei! das Zigenr.erorakel, an welches sie nnvcrbrüd)lich glaubte, ihr die günstigsten Hoffnungen crsd)los;, fühlte sic minder vernichtend * die schwere Käst des Schuldbewusstseins. Als sic einige , Schritte gegangen war. bemerkte sic einen Mann, der; mit stürmischer Eile ihr cntgegengerannt kam: bald erkannte sic in denselben ihren Sohn Johann. Als er an ihr vorbcieilen wollte, rief sie ihn beim Namen,! und er blieb znsammeusahrcnd stehen. ״Wer bist Du und was willst Dn von mir'?"! rief er rauh.! ״Kennst Du die Stimme Deiner Mutter nicht! mehr'?" fragte Mara besremdet. ״Wo eilst Du hin! zu so später Stunde'?"! Johann strick) sich mit der Hand über die heiße! Stirne. ״Ach, Dn bis cs? Id) weiß nicht, wie mir.', ist — mein Kopf glüht, das Herz droht mir zu;er- ' springen — am liebsten möchte ick) mir den kalten j Stahl meines Säbels ins Her; stoßen, das würde! meinen Qualen und meiner Bcrzwcilflnng bald ein; Ende machen." Er umklammerte krankhaft den Knauf seines Krummsübcls tind ans seiner Brust wand sich ein schmerzhaftes Stöhnen. ״Um Gottes Barntherzigkcit willen, wasist vorgefallen?" rief die geangstigte Mutter. ״Mein Sohn, was bringt Dick) in solche Verzweiflung?" 4 ״Man hat Katinka entführt," gab Johann dumpf zur Antwort, ״ja, man muß sie gewaltsam entführt haben, denn ׳Niemand hat die geringste Ahnung, wo sie hingekommcn sein mag. Gestern soll ein Trupp Zigeuner durch das Dorf gezogen sein, und das Volk vcrdüd)tigt allgemein diese Zigeuner, die arme Katinka geraubt zu haben; einige Bauern haben auch die Zigeuner verfolgen wollen, da ist aber der Pfarrer dazwischeugckommcn und hat sie davon abgehalten." l ״Der Pfarrer," murmelte Mara mit weit ansj gerissenen An gen. ״ Der Pfarrer, sagst Dn, habe die Bauern von der Verfolgung der Zigeuner abgchalten?" Sie dachte an ihre Begegnung mit dem Pfarrer im Zigeunerlager. ״Ja — aber was hast Du, Dn bist ja leichcnblaß!geworden und vermagst Dick) kaum aufrecht zu erhalten." ״Nichts, nichts," erwiderte Mara ausweichend, ״id) bin alt, mein Sohn, 1111b habe einen Schwindelanfall bekommen. Daö ist bei mir keine Seltenheit, cS vergeht mir auch schon." ״Du willst mich täuschen, Mutter," rief Johann, ihre Hand erfassend, ״ich ahne die Ursad)c Deiner Bewegnng, and) Dn vermuthesl, daß der Pfaffe bei diesem Verbrcä)en seine Hand im Spiele hat. Hah, wehe ihm," schrie er mit sürchterlid)er Stimme und zückte sein Sdfwcrt und führte damit, seiner nid)t mehr mächtig, wntheudc Hiebe durch die Luft ans, ״wehe, ja wehe ihm und seinen Helfershelfern, wenn ich meine Vcrmuthnng bestätigt finde. Bei allen Heiligen schwöre id), daß Keiner von ihnen den morgigen Tag erleben soll! Allmächtiger Gott," sagte er dann zu sich selbst kommend, ״ich verplaudere hier die Zeit und ich habe noch einen weiten, sehr weiten Weg." Er steckte mit fieberhafter Hast sein Schwert wieder ein, während dicker Angslsd)wciß auf seiner Stirne hervorperlte. ״Wohin willst Dn zu so später Stunde?" ״Wohin? Um mein Pferd heim und dann den Zigeunern nach. Sie können noch nicht sehr weit sein, da sie erst verflossene ׳Nacht den Raub ausgcführt haben.". Mara kannte ihren Sohn für einen Heldenmüthigen Soldaten, diesmal fürchtete sie aber trotzdem, daß ihm ein Veib widerfahren könne, er war ja nur ein einzelner Mann und der Zigeuner mochten cs wohl zwanzig sein. Sie beniühte sich also, ihn von seinem Vorhaben abzubringcn, aber Alles war fruchtlos. Er eilte, ohne sic;11 Ende zu hören, in die Burg, um sich auf sein Noß zu werfen. (Fortsetzung folgt.)

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