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Jeschurun · 1884-11-13 · Heft 46 (13.11.1884) · p. 735

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 46 (13.11.1884)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1884-11-13
Page
735 (sequence 2)
Language
German
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130 Kaufmann war. Sein Geschäft ernährte nn£ zwar ן nicht überreich, aber doch sehr anständig und ermöglichte! ihm, auch mich, seinen einzigen Sohn, stndiren zu , lassen. Außer mir hatten meine Ettern nur noch ein! Kind, eine Tochter, ein Mädchen von wunderbarer? Schönheit. Katinka war die Schönste, nicht nur der! Stadt, sondern auch der Uiiigcgeiid, und noch heute! erinnere ich nlich nicht, je ein schöneres Mädchen gesehen zu haben. — Sie zählte siebzehn Jahre, ich war; um drei Jahre älter. Ich hatte das Gymnasium ' absolvirt und befand mich auf der Universität; meine! Schwester war zu Hause bei den Eltern. Sie war ' des Vaters Augapfel und der Mutter Wonne, wer sie; ansah, fühlte sich zu ihr hingezogcn. Kein Wunder,; daß cs an Bewerbern ihr nicht fehlte. Aber Katinka! war ein stolzes Mädchen und Keiner konnte sich rühmen, von ihr ausgezeichnet worden zu sein. Es war Herbst. Die Tage wurden kurzer und kürzer. Katinka versah den Haushalt, denn meine Mutter kränkelte schon damals. Es dunkelte bereits, als mein Vater in das Wohnzimmer trat und nach meiner Schwester fragte. ״Katinka hat einige Einkäufe zu machen," erwiderte meine Mutter, ״sie wird vermuthlich gleich kommen." ״Sic sollte nicht so-spät ansgchen," cntgeguetc mein Vater, indem er zum Fenster trat und in die zunehmende Dunkelheit hinansblickre. ״Von welcher Seite wird sic kommen? ich möchte ihr entgegengehen." Meine Mutter wollte antworten, doch im selben Moment ward die Thür hastig ansgerissen und athemlos, alle Zeichen des Schreckens in dem bleichen Angesicht, stürzte meine Schwester in das Zimmer. Angstvoll eilten die Eltern ans sic zu und bestürmten sie mit Fragen; doch es währte geraume Zeit, bevor das furchtbar erregte Mädchen zu antworten im Staude war. Endlich erzählte sic, daß sic sich in einem Verkanssgewölbe verspätet habe, daß sie schon im Finstern den Heimweg angetrcten und in der Nähe unserer Wohnung von einem Alaune überfallen worden, der sie habe umarmen!vollen. Rur mit Aufbietung all ihrer Kraft habe sic sich losrcißcn und ins Hans eilen können. Meine Eltern hatten Mühe, das arme zitternde Mädchen zu beschwichtigen; mein Vater versprach, sic nie mehr allein ausgchen zu lassen, und in Wirklichkeit begleitete er sic von nun an ans allen ihren Wegen. Einige Tage darauf, Katinka hatte abermals ihre Einkaufe in dem bereits erwähnten Verkansslolalc zu bcsorgen, mein Vater hatte sie begleitet und wartete ans sic vor dem Eingänge, als er einen Polizeikommissär wiederholt vor den! Laden vornbergchen sah und zu bemerken glaubte, daß derselbe die Personen im Innern des VerkanfSgewötbes!nustertc. Eben hatte der Kommissär abermals seinen Blick durch den Laden streifen lassen, als meine Schwester ans dcinselben trat. Sie stieß einen halbnntcrdrückten Schrei ans und umflannnerte den Arm!!!eines Vaters. ״Der!var's!" murmelte sie, ״der war'S!" Mein Vater beruhigte sie, versicherte, daß sie in seiner Gegenwart nichts.zu befürchten habe, und eilends begaben sich beide nach Hanse. ״Du sollst in nächster Zeit überhaupt das Hans nicht verlasst׳!!, dann wird der Strolch Dich vergessen," aber mein Vater war doch sehr beunruhigt, daß cs ein Polizcikommissär war, der seiner Tochter nachstcllte, das machte die unangenehme Thatsache doppelt un-- angenehm. Von nun an setzte Katinka keinen Fuß mehr ans dem Hanse;!nein Vater selbst besorgte die erforderlichen Einkäufe. Im Laufe des Tages fehlte ihn! hierzu allerdings die Zeit, doch gegen Abend machte er sich frei. Eines Abends, der Vater war fortgegangen, die Mutter glaubte, er müsse schon nach Hause kommen, als in der Hausflur Schritte laut wurden. Katinka eilte mit einer Leuchte hinaus, den Vater zu empfangen; doch, sowie sie die Zimmerthür ins Schloß gedrückt hatte, ward ihr die brennende Kerze ans der Hand geschlagen. Starke Arme umfaßten sie, hatten ihr gewandt einen Knebel in den Mund geschoben, um ihr Schreien zu verhindern und waren eben im Begriff, die heftig sich Sträubende aus dem Hause zu tragen, als mein Vater in dasselbe trat. Es war stockfinster, er vermochte nichts zu sehen, aber er vernahm Schritte und unartiknlirle Laute der Geknebelten.׳ Nichts Gutes ahnend, entzündete er rasch ein Streichhölzchen und beim Scheine desselben gewahrte er sein Kind in den Armen zweier Strolche, die im Begriffe waren, dasselbe fort- .;!!schleppen. Einen wilden Schrei ansstoßcnd, hob er seinen Knotcnstock und hieb auf die Elenden, die ihre Beute auch alsbald loslicßen und entflohen. Mein Vater verraiumeltc die Hansthür, dann erst wandte er sich zu seiner Tochter, die ohnmächtig a!n Boden lag. Er nahm ihr den Knebel ans dem Munde, trug sie in das Zimmer ltnb bemühte sieb, int Verein mit meiner schreckensbleichen Mutter, das zu -Tode erschreckte Kind zum Bewußtsein zu erwecken. Endlich gelang es; Katinka ivar jedoch so erschüttert, daß meine (511er 11 ernstlich für ihre Gesundheit fürchteten; sie brachten sie ins Bett, gaben ihr einige beruhigende Medikamente und berathschlagtcn dann, in welcher Weise sie ihr Kind vor den ferneren Nachstellungen jencs Elenden schützen könnten. Wohl war ihr erster Gedanke, durch Anzeige bet der Behörde klagbar gegen den Buben auszutreten. (Fortsetzung folgt.)

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