Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 9. November [Nachricht]
- Date
- 1884-11-13
- Page
- 731 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Spende für dieses Ncttungswerk auf dein bei Herrn I Bankier Nösncr, Potsdamcrstraße 1 38, errichteten hei-! ligen Altar! — Sic müssen nämlich wissen, daß ich i mit meinem Flurnachbar und gutem Freunde, dem j -Herrn Sekretär, die ״Nene Preußische Kreiizzcitniig"! gcmcinschasttich halte, und als demnach wohlgesinnter Konservativer ebenfalls ein Zirkularschreibcu dcS eben erwähnten Inhalts zu empfangen die Ehre hatte. Ich bin darüber ganz glücklich. ״Hochzuvcrehrender Herr!" wie artig und fein von diesen ehrenwerthcn Herren einem Juden gegenüber! Wie Sie wissen, bin ich streng konservativ, ohne gerade als Politiker auszutretcn wie die Herren Stöcker und Ercmcr. konservativ durch und durch. Es kann Niemand sein Deutschland, Preußen und Berlin inniger lieben, als ich, Niemand kann stolzer ans die herrlichen Errungenschaften des deutschen und preußischen Volks Hinschauen, als ich, und Niemand kann sich mehr mit demselben verwachsen fühlen, als ich. Die Bildung, Ansklärung, Toleranz, Vaterlandsliebe und Königstreuc und die Verfassung und die Gesetze, welche Erzeugnisse der Urheber dieser sittlichen und geistigen Vorzüge sind, sie möchte ich um keinen Preis missen, für sie trete ich mit aller Energie ein. Sic sind der höchste unter Arbeit und Kämpfen er-- rnngene Schatz der Nation, und Hüter dieses Schatzes zu sein, dünkt mich die erste und voruehmlichste Bürger- Pflicht, ob man Arbeiter oder Pastor, Kaufmann oder Minister, Beamter oder Künstler, Ehrist oder Jude ist. Die Hetzereien un.d Wühlereien, welche jetzt an der Tagesordnung sind, halte ich für verwerflich, gleich Landcsvcrrath. Wer den äußern?Feind zur Vernichtung des Vaterlandes hcrbcirnst, verdient schimpflichen Tod. Wer den innern Frieden zu stören sucht, wer den Bürger gegen den Bürger hetzt, wer Zwist und Hader stiftet, wer friedliche Bürger verleumdet und beschimpft — sollte der weniger straffällig sein? Nun ist cs nach meinem Dafürhalten als schlichter, unpolitischer Mann immerhin und auf jeden Fall Unrecht, wenn Bürger sich gegenseitig herabsctzen und verunglimpfen. Ich meine, cs müsse möglich sein, daß selbst bei Wahlen ein Jeder nach seiner Ucbcrzcugung für des Vaterlandes Wohlfahrt handle, ohne daß der Bürger A. als konservativer Wähler und der nicht minder ehrsame Bürger B. als Deutschfreisinniger sich gegenseitig anschwärzen. A. kann nach seiner rechtschaffenen lieberzcugung der konservativen und B. ebenso redlich von seiner Meinung durchdrungen der freisinnigen Parole folgen. Jedenfalls aber bleibt A. im klebrigen ein ehrlicher Berliner, Preuße und Deutscher wie B., und es hat auch gar nichts mit deren bürgerlichen Hanthicrung und Politischen Haltung zu thun, ob der konservative A. in die Synagoge geht und der freisinnige B. in die Kirche, oder umgekehrt. Mein Freund und Nachbar, der Herr Sekretär, und ich sind unö hierüber schon ganz klar geworden, obgleich er trotz seiner Bcamtcngualitüt etwas mehr als ich mit der guten alten Tante Voß übercinstimmt. Weil wir beide nicht zu den obersten Zehntausend der Gesellschaft gehören, außerdem beide geplagte und belastete Familienväter sind, die bei den thcucrn Zeiten darauf angewiesen sind, jeden Nickel zweimal mnzudrehcn, bevor wir ihn ausgcvcn, so können wir uns den Lupus einer guten Zeitung nur schwer gestatten. Wir haben deshalb einen Pakt dahin geschlossen, daß wir eine größere Zeitung zusammen halten, und zwar bestellt er während des einen Quartals die Vossin, zu welcher ich die Hälfte beisteuere und sic des Mittags und Abends von ihm erhalte, und während des andern Quartals bestelle ich die ״Krcuzzcitnug" und liefere sic ihm für die Hälfte. So vertrugen sich der jüdische Konservative und der christliche Liberale ganz vortrefflich schon seit manchem Jahr und Tag. Doppelt weh thut cs mir darum, wenn ich die 1111־ verantwortliche Art und Weise wahrnehmc, wie jetzt seit einigen Jahren das ״Indcnthum" als Popanz ansgestellt unrd. Das Jiidciithnm sucht zu herrschen, das Iudcnthum ist international und darum undentsch, das Iudenthum benutzt die Freisinnigen nud jetzt gar die Sozialdemokraten, wie mänuiglich Laskcr, Bambergcr, Rothschild. Blcichröder, Singer, Löwe 11. s. w. erweisen. Das nenne ich geradezu unwahr und unrecht! Duldet mau denn auch, daß man daS Gleiche von dem Ehristenthum sagt, weil Bennigsen, Birchow, Noesncr, Herzog, Richter, Stöcker, Hödel, Nobiling u. s. w. Christen sind? Ist dem! das Ehristenthum nicht auch international'? Sind dcun die Engländer, Holländer, Franzosen, Italiener, Russen 11. s. w. nicht auch Ehristcu? Kann mau denn sagen, weil Jemand Christ ist, deshalb könne er nicht Deutscher sein? Das ist doch der baare Nonsens, so sprach vorhin zu mir mein guter Freund und lieber Nachbar, der Herr Sekretär, königlicher Bcamter und ehrsamer christlicher Bürger und Familien- Vater mit etwas liberal angehauchter politischer Gesinnung, zu mir, dem jüdischen Kullusbeamtcu, dcr ich um Politik mich freilich nicht künimcre, aber von Grund meines Herzens dem königlich preußischen KonseroatismuS anhanqc. — Ich glaube, dcr -Herr Sekretär hat Recht. -a- Berlin, 6. November. Es ist gewiß fälsch-!ich und sehr bedauerlich, daß wir Juden quafi als Sonder- Partei in dem Wahlkampf erschienen sein sollen. Daß sich dcr Haß unserer Feinde gegen diejenigen Kandidaten richtet, welche der jüdischen Religion angehören, wundert unS aber durchaus nicht. Uns wundert schließlich nichts mehr. Alles halten wir für selbstverständlich, wo es gegen uns geht, mag cS auch noch so gemein, noch so niedrig sein — allerdings Kennzeichen unseres erleuchtet