Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-11-13
- Page
- 728 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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728 nicht gerne die Befreiung meines VaterS einer v>c£c Mara und Lea waren unterdeß von einer der zu verdanken haben." ' nnterthänig grüßenden Zigeunerinnen in ein Zelt ge- ״Sie ist keine Hexe," erwiederte Mara gläubig, führt worden, wo ein altes Weib vor einem -Heerde ״aber sie ift weise. In ihrer Heimath ist der Born stand, auf welchem ein frisches Feuer loderte. Rings der Weisheit noch nicht versiegt und die Menschen schöpfen daraus nach Herzenslntt. Komin, meine : Tochter, und Du wirst sehen, daß Du keine Ursache haben wirst es zu bereuen." Bei einen! der qualmenden Lagerfeuer im Thale unten war eine heiße Schlacht. Die Ursache des Streites war eine gebratene Kartoffel, auf welche nicht weniger als zwanzig Bewerber, Bursche und Mädchen, ihr Anspruchsrecht geltend machten. Jetzt hatte der Kampf den Höhepunkt erreicht — die Würfel schwankten zum Umfallen und alle zwanzig Bewerber lagen sich, zu einem dichten Knäuel zusannnengedrängt, in den Haaren. Doch, es ist eine historisch erhärtete Thalsache, daß der Ausgang der bedeutendsten Schlachten oft durch die Dazwischenknnst des blinden Zufalls bestimmt wird, ein solcher Zufall griff anch im vorliegenden Falle ein. Ein alter, großer Zigeuner kam hinzu und ließ über die Köpfe der Balgenden herzhaft eine mehrarmige lederne Peitsche miedersausen, worauf der Knäuel mit einem bestialischen Geheul anseinanderstob. Da bemerkte einer der braunen Flächtliuge die zwei den Thalabhang herabkommenden Francn und wie ein Pfeil flog er ihnen entgegen, ihm nach der ganze johlende Schwarm. Leah ergriff zitternd den Arm ihrer Begleiterin und schmiegte sich fest an ihre Seite, um den Angriff der zudringlich Bettelnden anszuweichen. Mara, welche an dieses Treiben gewöhnt zu sein schien, lachte dazu gntmüthig und zog wie absichtslos ihren Dolch hervor. Kaum daß die Zigeuner der Mordwaffe ansichtig wurden, liefen sie zurück, schreiend, als ob der Dolch das -Her; eines jeden von ihnen durchbohrt hätte, und die Ankömmlinge konnten ihren Weg unbehindert fortsetzen. Als sie in die Nähe der Zelte gekommen waren, blieb Mara, welcher nichts von dem verloren ging, was un! sie her geschah, von maßlosem Staunen ergriffen stehen. Sic hatte bemerkt, wie der Pfarrer eben im Begriffe war, ein von den übrigen abseits stehendes Zelt zu verlassen, sich aber rasch zurückzog, als er das bekannte Weib erblickte. Sie verharrte eine Weile auf derselben Stelle und blickte unverwandt zu jenem Zelte hinüber, in dessen Eingang der Pfarrer verschwunden war, allein sie wartete vergebens. Der Pfarrer zeigte sich nicht wieder, als bis er vermuthen durste, daß der Platz schon frei sei. Behutsam spähend trat er alsdann aus dem Zelte, und als er sah, daß sich Mara und ihre Begleiterin wirklich bereits entfernt hatten, entfernte auch er sich in Begleitung des Küsters eilenden Schrittes. um das Feuer standen verschiedene rußige £öp|c und Tiegel, deren Inhalt laut brodelte und gekräuselte Dampfwolken aufftetgen ließ. Die Alte summte leise eine sonderbare Melodie und warf von Zeit zu Zeit in einen der Tiegel und Töpfe irgend ein Kraut oder eine Wurzel tmd rührte dann das betreffende Gebräu mit einem hölzernen Rührlöffel um. Die Alte winkte den Ankömmlingen stumm, auf einer rohen .Holzbank Platz zu nehmen, sie selbst aber ließ sich in ihrer Beschäftigung nicht stören, sie summte fort, den Inhalt der Töpfe immer fleißiger hcrumrührend. Endlich waren die Töpfe lange genug am Feuer gestanden, die Flüssigkeiten, die sie enthielten, verdickten sich immer mehr und begannen Blasen zu werfen, die Zigeunerin nahm also die Gefäße vom Heerd, stellte sie der Reihe nach auf einem Schranke ans und wendete sich dann erst zu ihren Gästen. Die beiden Alten waren angenscheinlich Bekannte, ein gegenseitiger Blick, den sie wechselten, ersetzte alle Vegrüßnngsformeln, dann legte die Zigeunerin ihre Hand auf das Haupt Lea?s und strich ihr mit derselben über das sammetglatte Haar. ״Willst wohl wissen, mein goldiges Töchterlein, wie der Freier anssehen wird, ob er reich und schön sein wirdRasch hatte die Alte ein Packet Karten hervorgeholt, sie flink gemischt und bevor noch eine Einwen- Wendung gemacht werden konnte, warf sie dieselben vor Lea auf der Bank aus. ״Roth Bube da deutet auf frische Lebenskraft, Schönheit und Neichthum," begann die Zigeunerin ihre Weissagung, aber Mara schob heftig die Karten weg und unterbrach den Orakelspruch. ״Nicht das ist es, weshalb diese Jungfrau zu Dir gekontmen ist," sagte Mara, ״sie bedarf Deines weisen RatheS in einer andern gar ernsten und traurigen Angelegenheit." Dann theilte. Mara der Zigeunerin umständlich daS Mißgeschick der Familie Rohrbach mit und forderte sie schließlich auf, in dieser Angelegenheit den Rath des dunklen Geschickes zu beschwören. Die Stirne der Zigeunerin legte sich in tiefe Falten, theils ans Unmnth darüber, daß ihre Voreiligkeit auf ihr WcissagungSvermögen ein so zweidentiges Licht geworfen, theils auch, um einen zur Situation passenden Grad weihevoller Feierlichkeit auszudrücken. ^Fortsetzung folgt-)