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Jeschurun · 1884-11-06 · Heft 45 (6.11.1884) · p. 712

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 45 (6.11.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-11-06
Page
712 (sequence 2)
Language
German
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712 brave Mädchen gewohnt hatte. Die Thüren waren erbrochen nnd ba* Mädchen war verschwunden. Die hungrigen kleinen Hallen heule früh vergebens gewartet und gehofft, das; ihnen ihre Schwester das Morgenbrod reichen werde, Katinka imu nirgends zu sehen, und als der Magen zu ungeberdig zn knurren ansing, liefen sic zn den Nachbarslenten, nnd die guten Mule gaben ihnen vor Allem etwas;u essen und vertrösteten sie dann, das; die Schwester schon heiinkommcn werde. Als es aber Mittag wurde, ohne daß vom Mädchen eine Spur zu crbliiicii war, brachten die Nachbarn das ganze Dorf in Aufruhr, und Jung wie Alt strömte vor dein Häuschen;usammcn. Sogleich hatte sich der Verdacht des Volles ans die Zigeuner gelenkt, welche gestern durch das Dorf zogen, und tüiim war der Verdacht ausgesprochen, als auch schon einige muthige Männer sich bereit erklärten, die Mädchenräuber zn verfolgen. Bald halte sich zu diesem Zwecke ein Banderinm von etwa zwanzig berittenen Bauern gebildet, welches von dem Volke mit lebhaften Beifallsrnscn begrüßt wurde. Du erschien der Pfarrer plötzlich in der Mitte des Volkes. ״Was giebt's?" ries er mit seiner sonorent Slimnle. ״was bcöcutct das Gejohle, wozu soll das berittene nnd bewaffnete Bändel inm? Wollt ihr Nebellion machen gegen den Lehens und Landesherren?" Der schlaue Pfaffe wußte nlcistcrhast seine Worte zu wühlen. - das Wort ״Rebellion" wirkte wie eine Zauberformel ans die erhitzten Gemüthcr, alles wurde kleinlaut und die stolz zn Rosse sitzenden Bauern krochen sämmtlich Zli Kreuz. Der Führer des Bauderinms ritt zum Pfarrer hin und bcthcuerte nlit entblößtcin Haupte, daß es sich Gott bewahre nicht wie Sc. Hochwürden zn meinen beliebe, um — lttii —, das ׳Wort ״Rebellion" ucnmcb er ängstlich — handele, sondern — und dann berichletc er den mähren Sach׳ verhalt. Da erglühte der Pfarrer in heiligem Cifer: ״Seid ihr Heiden, seid ihr eine Heerde gottloser Böse׳ wichter, daß ihr so handeln wollt? Auf einen bloßen Verdacht hin wollt ihr rennen nnd stürmen, brennen und spießen, ja der Verdacht selbst ist eine Gottlosigkcit, wie man sie größer nicht denken kann. Brennt Cnch Euer Gewissen nicht, daß ihr Menschen, die gleich Euch Christen sind, des großen Verbrechens des Menschenraubes zeihen wollt? Schämt Euch — nnd Ihr wollt Euch fürder noch Christen heißen? 'Wenn Ihr Euch nicht die Gnade des Himmels verscherzen nnd den Zorn Cures. Lehensherrn zuzichcn wollt, so gehet heim, ein Jeder zu seiner Arbeit, und laßt für die Heimbringnng der Vermißten die gütige Vorsehung sorgen. . Ihr werdet sehe!,, daß sie zwischen heute und morgen von selbst znrückkehrt." Was hätten die Dauern ansangcn sollen? Pom Banderinm ritt jeder nach Hause zurück nnd auch die Andern zerstreuten sich; der Pfarrer aber machte sich eine halbe Stunde später in Gesellschaft des Küsters aus den Weg zn einer Wanderung ins Gebirg hinein. Purpurne Reflexe zitterten durch die nackten Zweige des Waldes, die Sonne glitt rasch und lautlos vom abschüssigen Himmelsbogen herab, eine traurige, trübe Lanllosigkclt herrschte in der Natur, eine Ruhe, wie sie das entkräftete Gceisenalter zeigt, dessen glanzloser Blick apathisch auf der letzten Ruhestätte brütet. So wie leim rettungslos Dahinsiechendcn die schwachen noch vorhandenen Lebenszeichen, das Bewußtsein des Unterganges und somit die Traurigkeit nur noch steigern, so stimmt auch das Purpurlicht der Sonne, welches an SpÜthcrbstnachmittagcn von den kahlen Aesten der Bäume abzngleiten pflegt, gar trübe das Gcmnth des Naturfreundes. Dadurch dämmert im Gemnthe eine glückliche Vorstellung an den lichten, sonnigen und wonnigen Mai ans, man vcrniinmt das Lied der Nachtigall, das lauschige Rieseln der Waldguelle, fühlt sich vom würzigen, das üppige Laub sanft bewegenden Zephir umschmeichelt — da schlägt das dumpfe eintönige Rauschen an unser Ohr, welches der, die fnßdicke Glättcrschicht aufwühlende Tritt verursacht — der Blick erhebt sich und schweift grausam enttäuscht durch das durchsichtige Gewirr nackter Zweige, und doppelt herb empfinden wir die bevorstehende lange Cntbchrnng der geträumten Seligkeit. Ob wohl ähnliche Reflexionen Lcah beschäftigten, die schweigend an der Seite der alten Mara auf dein von rothcn und gelben Blättern übcrsätcn Waldpfadc dahinschritt? Kaum. Dazu waren ihre Lippen zu fest aufeinandergeprcßt und eine düstere Wolke lagerte auf ihrer hohen alabasternen Stirne nnd zwischen den seclenvollcn Augen. Jetzt unterbrach sie das Schweigen, das Antlitz erhebend, auf welchem sich eine ängstliche Unruhe abspicgclte. Sie blickte znm wolkenlosen Himmel empor und sagte dann Vorwurfsvoll: ״Ich habe Dich ausgesucht, um von Dir auch für meine arme, schwerkranke Mutter solche heilkräftige Kräuter zu erbitten, durch welche Du mich gerettet hast, und Du läßt mich die kostbare Zeit mit nutzlosen Streifereien im Walde vergeuden. Bald wird uns die stacht überfallen haben nnd daheim liegt mir die Mutter von der rödtlichcn Krankheit bedroht — laß mich zurück, damit ich die Kräuter znbercite." - Fortsetzung folgt.)

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