Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1884)
- Article
- Kollektaneen talmudischer Sentenzen
- Date
- 1884-11-06
- Page
- 711 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933093-2959148--17099-2959194- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
71 Liebe das Gotteshaus — dann erwirbst du dir jeden Tag Lohn; liebe das LchrhanS — daun werden deine Söhne zu Weisen hcraublühen. Liebe die Armen — daun werden deine Kinder .nicht der Armuth verfallen; liebe die Dcuiuth — dann wirst du dein Lebensziel erreichen. Sei darauf bedacht, daß die Thür deines Hauses nicht verschlossen ist zur Zeit, wo du dich zum Essen niedcrsetzest — geschlosserte Thnrcn lassen die Armuth bei dir ein. Freue dich der Gabe, die du aus deinem Hanse spendest — sie schützt dich von dem Tode; hältst du dich aber von einem guten Werke zurück, so könnte der Tod dich ereilen. Eilt dein Fuß den Armen nnd der Pflichterfüllung nach, so bewahrheitet sich an dir der Segen: du wirst gesegnet sein bei deinem Kommen und gesegnet bei deinem Gehen. Wachtgchirne. Historische Novelle ans der Fendalzeit lbirgarns Äon Domnel Berthold Nooner. - (׳.'!achdru^ porboton 11. lU’l'i'r ן e in m!ן •m1111 ׳1 ־ u 0 r 1־.» ׳ I) a 1 u11־ - Fortsetzung.) DaS Häuschen, welches sie mit ihren unmündigen Geschwistern bewohnte, stand frei, beinahe aut Ende des Dorfes. Eine ganze Schaar Zigeunerknaben umlagerte daher bald die Küchenlhnr und de-׳ gann nach eigenthümlichcr widriger Zigcuttcrart um ein Almosen zu flehen. Eben als Katinka in die׳Knche trat, um den Bettelnden eine Gabe zu verabreichen, kam einer jener erschreckend großen Zigeuner hinzu und trieb die ganze Schaar mit einigen derben Flüchen in seiner Sprache von der Thür weg. ״Dank, dank/' sagte der gewaltige Mensch nulerthänig grinsend, nachdeut er vom Mädchen die Gabe entgegen genommen hatte, ״tausend Dank, fromme Jungfrau, der -Himmel wird Euch dafür einen Prinzen zum Freier beschceren, der in einer goldenen Kalesche mit vier Pferden kominen wird, Euch zur Hochzeit abzuhoten. Laßt mich Euch den Saum ElircS Kleides küssen, thenre, edelherzige, goldene Jungfrau!" Der Zigeuner hatte, während er sprach, seine Augen unablässig in dem bescheidenen Raume umherirren lassen, jeden Winkel der Küche durchforschte er mit den Flammenblicken seiner kohlschwarzen Angen. Katinka hatte daS mit Schrecken wahrgenonunen, und 1 _ als jetzt der Zigeuner, sich ihr nahend, in der Küche vortrat, wich sie mit einem Augstrnf zurück, der Stubenthüre zt!. .,Geht, geht," schrie sie snrchcrstarrt, ״entferm Euch, oder ich rufe die Nachbarn zu Hülfe!" Der Zigeuner schaute sich ein letztes Mal um in der Küche, welche er nun ganz überblicken konnte nnd entfernte sich dann, dem Mädchen ganz cigcnthmnlich zugrinsend. Der furchtbare Zigeuner und der eigenthnmliche Ausdruck seines Gesichtes, als er sich entfcrnte, wollte dem Mädchen den ganzen Tag nicht aus dem Sinn, eine dunkle, unheimliche Furcht ängstigte sie unaufhörlich. Wenn nur Johann gekommen wäre, daß er sie beruhigen und ihr die Furcht hätte ausreden können — dieser aber ließ sich zum Unglücke den ganzen Tag nicht blicken. Mit dem Nahen der Nacht steigerte sich ihre Furcht. Sobald cS dunkel geworden war, verrammelte sie fest Küchen- und Stubenthüre, sie gestand sich aber selbst, schauernd, daß ihr diese Maßregel in! Nothfalle wenig nützen konnte, denn einen Zigeuner mußte es mit Leichtigkeit gelingen, die schwachen Riegel cinzndrücken. Aber was sollten die Zigeuner bei ihr suchen, bei dem armen, verwaisten Mädchen, welches Nichts ihr eigen nennen konnte als die tägliche Sorge für ihre unmündigen Geschwister? — Und doch konnte sie sich der quälendsten Angst nicht erwehren, überall glaubte sie die Riesengestalt des Zigeuners zu erblicken mit den glühenden Augen und dem!nächtigen, schwarzen, struppigen Bart. Draußen sauste der Wind in spätherbstlichem Sturme. Katinka wälzte sich in bewußtlosen! Zustande auf ihrem Lager, ihre Schläfen hämmerten mächtig nnd des Schreckens Fieberglut floß durch ihre Adern. Ein endloser Neigen grausiger Bilder zog an ihr vorüber, das Schrecklichste von allem aber!var Folgendes. Ihr war, als ob rings um das Hans dröhnendes Pferdegetrappel ertönte, als ob die Thürcn krachend in Stücke gingen und wilde Zigcnnerriesen in das kleine Geinach treten würden. Dann wurde sie in einen Mantel eingewickelt, hinausgetragcn und ein Zigeuner nahm sie vor sich aus das Pferd. Auch die Andern schwangen sich auf die nngesattelten kleinen Klepper und daun ging's fort in wildem Galopp durch den sausenden Wind, wie ein Hexentan; in der Walpurgisnacht. Die Bärte und Haarwcllcn der Zigeuner, welche schwärzer waren als die Nacht, flatterten weit nach rückwärts und die kleinen, jagenden Gäule keuchten schwer unter der Last ihrer gewaltigen Reiter. So gings fort durch WindgebranS, über Berg und Thal, durch Wälder, über Felsen und Klüfte in mächtigen Sätzen und Sprüngen — ganz wie in der Walpurgisnacht zum Brocken! Am folgenden Tag umstand eine große, fluchende und lärmende Menschenmenge das kleine Häuschen, in welchen! Katinka, das im ganzen Dorfe wohlgelittene