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Jeschurun · 1884-10-30 · Heft 44 (30.10.1884) · p. 703

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 44 (30.10.1884)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1884-10-30
Page
703 (sequence 2)
Language
German
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703 den aus bcm '3aafc. Als sie ku Korridor erreicht hatten, blieb Lcwinski stehen. ״Was wollen 3ie, Hcrzkoiv. warum mißgönnen Sie mir den Hochgenuß, der die ganze kmte-v,>!«'׳(> hier vereint." Um des Andern Rippen zuckte es spöttisch. ״Weil ich es des denkenden Menschen nicht würdig finde, sich der Erstickungsgcsahr anszn setzen, um die Triller jenes Weibes —" ״St/' mahnte Lewinski, ״wer wird den Barbaren so herauslehren — doch wenn's denn sein muß .- sei es drum. Aber dann lassen Sie uns eilen, daß wir iirs Freie kommen." Er ergriff bei diesen Worten den Arm seines Gefährten und beide eilten raschen Schrittes dem Ausgange zu. ״Ach!" machte Lewinski. als er den Fuß iirs Freie setzte und die kühle Abeudluft erfrischend das erhitzte Antlitz ihm streifte, ״ich fange au, Ihnen zu verzeihen, denn an einem solch wunderschönen Abend in den schwülen Konzertsaa! sich pferchen, das ist in der That unverzeihlich." ״Unverzeihlich," spöttelte Herzkow. ״sagen wir lächerlich, das ist der Superlativ von unverzeihlich. — Aber auch hier ist die Luft noch nicht rein, die stupide Menge, die die elektriseben Sonnen angtotzt —" ״Warum nennen Sie die armen Leute stupid, die nnenlgeldlich des prächtigen Altblickes sich erfreuen?" ״Und warum nennen Sie die zweibeinigen Blutegel arm, die während der ganzen Saison die Badegäste anssangen? Fort Ihr! lasset uns durch!" und mit seinen Ellbogen machte er sich Bahn. Lewinski folgte ihm lachend. ״Na, hier ist endlich die reine frische Seeluft." ״Wenn ich Sie wäre, würde ich sagen Gott sei Dank!" ״Schweigen Sie, Herzkow, der Name Gottes in Ihrem Munde ist eine Blaspheinic, die ich selbst von Ihnen nicht dulde." ״Bitte tausendmal um Entschuldigung, Ignaz Abramoivilsch," ') spöttelte der Andere, ״aber sagen Sie mir nur, was Sic 11)1111 würden, wenn ich diese Blasphemie wiederholen würde?" Lewinski antwortete nicht sogleich und schweigend schritten Beide eine Strecke weit neben einander einher, und wir wollen indessen das Aenßcre der beiden jungen Leute in wenigen Strichen jkizziren. Paul Herzkow war ein hochgewachsener junger Mann zwischen vier- und fünsnndzwanzig Jahren. In dein bleichen schmalen Angesicht funkelten ein Paar Im Nussischcn bedient nnut sich in der Anrede bäilfig des Borna mens in Verbindung mit dem des Bakers, welcheiri ■Kamen eine der Endsilben ״owilsch". ..lisch" oder ״owua" angehängt wird-, die leidere bei Frauen. große dunkele Augen, deren saszinircndem Ausdruck jüngere Leute selten sich zu entziehen vermochten. Um seine seingespaltcnen Lippen zuckte es hausig,' bald wie im Schmerz, bald wie Hohn, und doch schienen seine äußeren Verhältnisse ihm weder zu dem Einen!!och zu dem Anderen Veranlassung zu geben. Er war Hof׳ meistcr im Hause der ver'.vittwelen (siräjin Orlosfska, Erzieher ihres einzigen Sohnes. Sein Zögling, ein harmloser, -gutgeartcter Knabe, hing mit einer Art schwärmerischer Liebe an seinem Lehrer, n!1d auch die Gräfin schätzte ihn hoch. Von keiner Seite ward ihm auch nur das geringste Hindcrniß in den Weg gelegt. Das ansehnliche Gehalt, das die Gräfin dem Hofmeister ihres Sohnes aufgesetzt, hätte hingcreicht, auch Verwöhntere zu bcsriedigeu. Paul Herzkow war ein nüchterner, sparsamer junger Mann, der den weitaus größten Theil seines EinkomincnS für die Pflege seiner blinden, kränkelnden Mutter verwendete. — Ignaz Lew ins ki war um fünf oder sechs Jahre jünger, auch um einige Zoll kleiner. Aus seinen . klaren blauen Augen, aus dem frischen, leicht geröthetcu Antlitz strahlte harmlose Lebensfreude. Wie hätte cs auch anders sein können. Der einzige Sohn eines reichen russischen Großhändlers, hatte er bisher das Leben nur von seiner leichtesten, schönsten Seite kennen gelernt, nie hatte das leiseste Ungemach ihn berührt. Er hatte Mutter und Schivcster nach N. begleitet und hier die Bekanntschaft des Erziehers des jungen Grasen Orfoff geknackst. Zwischen. Beiden hatte sich eine innige Freundschuft gebildet, die zwar erst nach Wochen datirte, die beide jedoch für's Leben geschlossen zu haben glaubten. Man traf sie stets beisammen-, in den Tagesstunden war allerdings auch der junge Graf in ihrer Gesellschaft und mau mußte es ancrlemicn, in Gegenwart seines Zöglings war das Augenmerk des Hofmeisters stets auf jenen gerichtet, mochte sonst zugegen sein, wer wollte, und! die Unterhaltung, mochte sie auch fcrnlicgende Gebiete! streifen, er wußte sie stets in einer Weise zu lenken, 1 daß auch der gräfliche Knabe sich dadurch gefesselt! fühlte. Graf Feodor war seinem Lehrer, -wir haben j es bereits erwähnt, mit aufrichtiger Liebe zugethan;! doch seltsam kvutrastirte das zutrauliche herzliche Wesen j des Knaben zu der allerdings nie imsrenndlichen, aber! doch überaus kühlen Höflichkeit Hcrzkows. Und Graf j Feodor empfand ihn so schmerzlich, diesen Mangel an j Zuneigung, an Herzlichkeit. Thräuenden Blickes klagte! er es oft der lÜ^utter, daß es ihm nimmer gelingen j wolle, die Liebe seines Lehrers zu erringen. ״Er liebt j Dich dennoch," tröstete die Gräsiu schmeichelnd den! Liebling und sie hielt cs in der That für undenkbar,! daß Jemand dem Liebreiz ihres Kindes widerstehen! könne, ״aber seine Art zu lieben ist eben anders als! unsere." (Fortsetzung folgt.)

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