Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1884)
- Article
- Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
- Date
- 1884-10-30
- Page
- 701 (sequence 2)
- Language
- German
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701 nicht schönen Reden Anderer zu verhindern, ob er die Mittet hierzu not!1011־ wird. Denn, meine Herren, cd darf nicht geschehen, das; für daan einen! sicheren Orte geschlenderte Wort Andere leiden sollen, während die Betreffenden, welche im Wege der Presse und auf eine andere Art und Weise ihre lehren verbreiten, nie und in leinen! Verhältnisse erreicht werden können. Mit blutet das Herz, so oft ein ttnschntdigcr und Irrcgeführtcr leidet, und wo cd doch die Gercchtigkcit erfordert, daß nicht er, sondern derjenige, der ihn irregefnhrt, büßen soll. Der Herr Borredner hat auch finanzielle Motive dafür angeführt, daß der Antiscmitismus der Negierung vielleicht nicht unangenehm sei. Er verglich die Regierung mit jenem Arzte, der den reichen Kranken lannf1*•״ knrirt, damit derselbe länger zahlen müsse. Ich denke, der Herr Abgeordnete hat da kein anderes Geld verstanden, als jenes, welches zu öffentlichen, wenn es so beliebt, zu politischen Zwecken bestimmt ist. Wenn der Herr Abgeordnete dies so verstanden, so weiß ich nicht, wie er das als Fehler anrcchnen kann, wenn irgend wer, der sich als Mitglied einer Partei fühlt, zn politischen und erlaubten Wahlzwecken, und nicht als Bestechung, nach Maßgabe seiner Kräfte in größerem oder kleinerem Maße beisteuert. Das hat man bisher noch nirgends für einen Fehler gehalten, und ich weiß, daß cs keine Partei hier ini Hause giebt, die hierin je Fehler gesehen hätte, da ja dies nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht jeder Partei ist, und ich glaube auch nicht, daß die Israeliten, die er erwähnte, überall die Negierung unterstützt hätten. Ich habe mehrfach Kenntniß vom Gegcntheile, ja ich weiß sogar Falle — cs erscheint seltsam, ist aber Thatsache — daß ein Theil der Israeliten, natürlich in Folge Einschüchterung, für ihr Hab und Gut fürchtend, für den antisemitischen Kaudidaten stimmte. (Bei dieser Stelle der Rede des Minister-Präsidenten rief man von allen Seiten den Namen des antisemitischen Abgeordneten Komlosy, in dessen Wahlkreis dies thatfächlich geschehen sein soll.)?. Ans Ungarn, 24. Oktober. Ans den Verhandlungen des ungarischen Ncichsraths über die Adreßdebattc dürfte das Folgende für uns zn verzeichnen sein. Die Reihen der Redner erösfnctc der Referent des Kommissionscntwiirfcs Herr Albert Berzcviczy, der mit kräftigen, sehr beifällig anfgenommenen Worten oic beiden Adreßentwürfe der Antisemiten, zu welchen sich noch während der Debatte ein dritter gesellte, ab׳ fertigte. Rach seinem politischen Standpunkte, sagte Redner, darf man die Staatsbürger nicht nach Religionen klassifizircn; er kann die Ouctlc unserer Schäden nicht in den Dogmen einer Religion suchen imd auch kein Heilmittel unter der Signatur einer andern — wenn auch noch so hehren — Religion aunehmen. Sodann sprachen Daniel Iranhi, Führer der Linken, und Gras Albert Apponhi, Führer der gemäßigten Opposition, welche sich bezüglich der Antisemiten mit dem Vorredner nbercinstimmcud erklärten. Vor leeren Bänken sprachen sodann einige Antisemiten, die Alleinseligmachung des Antiscmitismns proklamircnd. — Bemerkeuswerth ist ferner die Rede Anton Zichy's, der den Antisemitismus vom volkswirthschaftlichen Stand punkte ans bctenchtcte. Inr Verlaufe seine Rede sagte er, daß für seine Kollegen der Gentry diejenigen Zeiten die schlechtesten wären, in welchen die Inden die Thürschwellen seiner Standesgcnossen selten überschritten; er erklärte, ans eigener Ucbcrzengnng und Erfahrung eS anssprechen zu können, daß der christliche Wucher viel schlimmer als der jüdische sei. Die hochmüthige Gentry möge ihre Reignng;11111 leichtsinnigen Verschwenden und Schlemmerei oblegen und möge sich in dieser Bezichnug ein Beispiel nehmen an dem verhaßten Juden, der immer nüchtern und fleißig sei. tkcbcrhaiipt sei der Jude dem Lande sowohl als Produzent, wie auch als Konsument uothivcudig. Peter Büsbach erklärte das Vorgehen der Antisemiten als unpolitisch und 1111־ moralisch. Ihr Hauptziel sei, friedliche Bürger zu veruichten. — Zoltün Türök sagte in seiner Jungfernrede, er fürchtete mehr von der Arznei, dem Autisemitismus, als v.m der Krankheit, dem Indenthume. Ihre Rathschläge, rief er den Antisemiten zu, sichern ihnen einen Sitz im Abgeordneten Hanse, aber denen, die sic befolgen, einen Sitz im Gefängnisse. . Fenyvessy ver־ glich den Antiscmitismns mit einem grifflosen Schwerte, das, je mächtiger es geschwungen wird, destomchr den Handhaber verwundet. Auf den pciisionirten Professor, den Antisemiten Bendtroch anspiclend. sagte er, daß er ihn anstatt auf dem Katheder die Lehren der Wahrheit verkündend, bei einer verlotterten politischen Drehorgel das ״Zikzcne Zackzene" leiernd findet. - Sodann erhob sich der Ministerpräsident, um gegenüber der Beschult)!- gilng des Vorredners, daß er cs bei jeder Indcndcbatte mit einer schönen Rede bewenden lasse, energisch zu erklären, daß er Sorge dafür tragen werde, das; das Volk nicht vergiftet werde und die nicht schönen Reden nicht ins Land hinansgetragen werden. Er werde mit diesbezüglichen Gesetzen vor den Landtag treten. — Batthazar Horvath verdammte das Treiben der Antisemiten im Namen des Liberalismus. Auch einige karakteristischc Episoden und Antisemitcnstücklein spielten sich in der Adreßdebattc ab. Szalay zieh die Regicrnng der Korruption, die bis znm Präsidenten des Oberhauses reiche, und darüber zur Rede gestellt, erklärte er, den zukünftigen gemeint zu haben. Der Antiscmit Komlossy crdreistcte sich, die Worte des Monarchen, die ״Arader Strafpredigt", wie er sie nannte, zu kritisiren, was ihm eine Rüge von Leiten des Präsi-