Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 41-42 (16.10.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-10-16
- Page
- 656 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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65G Getöse aus den gedielten Boden nieder, während Hanna gleichzeitig einen schrillen Angstschreis ans stieß. Die vereinten Schallefsettc traten ihre Schuldigkeit, und der erwünschte Erfolg stellte sich augenblicklich ein. ״Daß Dich der Zorn des Verrn in den stinkenden Höllenpsuhl schlendern soll/׳ donnerte cd and dem Bett wie ein Echo zurück. ״Du Here, Du Furie, Du Plagegeist der Diener des Herrn." Hanna war aber auch nicht auf den grauen Kops gefallen, vor Allen! aber war sie nicht umsonst eine so stattliche Reihe von Jahren die Dienerin deS Diencrs des Herrn gewesen. Sie weiß, daß wenn der ehrwürdige Herr nicht augenblicklich ein wenig besänftigt wird, auch jene Eventualität nicht außerhalb des Ge-- bictes der Möglichkeit liegt, daß er aus dem Bette springt und sic ziemlich unsanft vor die Thür setzt. Sie sprang also, so flink es eben anging, zum Bette hin, den großen Brief mit den amtlichen Siegeln wie einen Talisman hoch cinporhaltend, und schrie wie eine SiegcSfanfarc: ״Ein amtlicher Brief auS der Burg ----- Eminenz, Hochwürden! Da ist er." Und sic warf den Brief ins Bett und war im nächsten Augenblicke anS den! Zimmer verschwunden. Die schlafsüchtigen Angen des Pfarrers rrweitertcn sich ganz ungewöhnlich, als er des Schreibens ausichtig wurde, und urplötzlich war jede Schlaflust verschwunden. Hastig riß er den Umschlag aus und überflog den Inhalt des- Schreibens, welches folgender-!näßen lautete: ״GotteSsürchtiger und ehrwürdiger Herr Pfarrer, muthiger und wackerer Diener des Herrn! Bon AmtSwcgeu können wir euch die erfreuliche Mitthcilung machen, daß eure weisen und srounuen Beemühungn endlich die Verstocktheit dcS Sünders gcbrachen zu haben scheinen, denn heute in aller Frühe, just als der Hahn sich zum dritten Mal ansgcschricn hatte, ließ derselbe mir, dem Fiskal unseres gestrengen Herrn Grasen, ans den! Kerker hcraufmcldcn, daß er ein umfassendes Geständnis; ablegen wolle. Ich begab mich ohne Verzug in die Kanzlei, wo mir der Gesangene richtig zu wissen that, daß er im Bunde mit seinen zwei Brüdern das teuflische Werk des Kirchen-- ranbcs in jener Nacht ansgeführt hat. Ich habe also stank*, })!ule einige Haidnkcn anSgeschickt zur Fahn düng und Einbringung der zwei Verbrecher und habe auch zur selben Zeit die hochwcisen Mitglieder des Gerichtes verständigt, daß sich selbe gleich einfindcn mögen zur Bcrathnug des hochwichtigen KasuS. Und weil wahrscheinlich, nachdem jetzt schon ein Geständnis; vorliegt, die hochwcisen GerichtSrüthe das Urtheil sprechen werden, ersuche ich auch euch, ehrwürdiger Herr, eilig hcrüberzukommcn." Kaum hatte der Pfarrer das Schreiben zu Ende gelesen, als er mit beiden Füßen zugleich auS dem Bett sprang und sich mit größter Hast anzukleiden ansing. ״Teufel und alle Heiligen," murmelte er erregt während deS Ankleidens, ״ich hält' mir'S selbst nicht besser wünschen können. Seine zwei Brüder! — Verdammt gut wenn ich nicht die ganze Geschichte so genau kennen würde, ich würde cS selber glauben, daß dieses saubere Trifolium den Diebstahl begangen hat. Aber was mögen sich diese Juden nur denken? — Meinen sie vielleicht, daß sie mit einem Sümmchen Geld davon kommen werden, dann sollen sie sich arg getäuscht haben! - Die Inden — gut, die dürfen weiter in ihren Dörfern bleiben, was liegt mir dran, aber loökanfen!Nüssen sic sich doch. Der Graf soll von zwei Seiten Geld bekommen — je mehr desto besser, er sott mit mir zufrieden sein!" Mittlerweile war der Pfarrer mit seiner Toilette fertig und, nachdem er sich noch durch einen kräftigen Schluck für die frühe Wanderung gestärkt hatte, machte er sich auf den Weg zur Burg/ Ebenso mächtig, lvie an jenem unglücklichen Sabbath, wurden auch heute die Gcmüthcr in S—z erregt, als das unglaubliche Gerücht von der Verhaftung der beiden andern Nohrbach sich im Städtchen zu verbreiten ansing. Der alte gntinüthigc Marko, an dem man seit undenklichen Zeilen keine Spur von Erregtheit wahrgenommen hatte, wurde, als er die Kunde davon zuerst im WirthShaus vernahm, derart erbittert, daß er ans den Schanktisch ansschlng mit einer Wucht, welche man seinen welken Händen kaum zugemuthct hätte. ״Jetzt islS bald Zeit, daß ich mich hinlege und sterbe," sagte er zu den Bauern, welche um ihn hcrninsiandcn, ״ihr aber, die ihr noch nicht auS Sterben denken könnt, werdet'S nicht so gut haben wie ich. Ihr werdet noch kuriose Sachen erleben." Die größte Erregung und Bestürzung aber herrschte unter der durch fremden Zuwachs sehr angewachsenen Iudenschast dcS Städtchens. 'Nach den! Geschehenen schwand den unglücklichen Menschen auch der letzte Hoffnungsstrahl, durch ein hohes?öscgcld fernere Dul- ,düng erwirken zu können. Den Versuch aber wollten sic dennoch wagen. Es wurde auS den wohlhabendsten Männern der Gegend eine Deputation znsannnengestellt, welche sich in die Burg begab, um zu den Füßen deS Grasen um Erhörnng und Gnade zu flehen und um ihren Antrag vorznbringcn. Die übrige männliche Bevölkerung verfügte sich in die Synagoge um zu Gott für den Erfolg der Mission zu flehen. Und Gott erhörte ihr Gebet und wendete das Unglück ub von ihnen -- um den Preis dreier unschuldig geopferten Männer! Wie geschah das, was ging in der Burg oben vor? (Fortsetzung folgt/