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Jeschurun · 1884-10-16 · Heft 41-42 (16.10.1884) · p. 652

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 41-42 (16.10.1884)
Article
Gedanken eines Nichtpredigers über die Predigt
Date
1884-10-16
Page
652 (sequence 2)
Language
German
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652 Morgen bis der Abend feine Schatten ansbreitet. Wir! gedenken unserer Vielicn und beten für sie, wir gedenken j der dahingcschiedenen Thcueren und schweigen in weh׳ inüthiger Erinnerung au da-- innige Herzensbündniß, das j uns mit ihnen vereinigt, und das auch die rauhe Hand! des Todes nicht zu lösen vermag. Ja, es giebt ein Wiedersehen nach dem Tode, das empfinden wir heute mehr denn je, heute, wo nach dem sinnigen Ausspruche unserer alten Weisen, wir den (Zügeln gleichen, da wir ganz im seligen Gefühle ansgehen und gleichsam alles irdische von uns abgestrcift haben" u. s. w. n. s. w. So erging sich der Redner in schönen Worten während einer halben Stunde und leitete alsdann die ״Todlenfeier" ein. In vielen Augen glänzten Thränen. Der Redner hatte höchst ״erbauliche gesprochen. Ich will cs gewiß nicht tadeln, wenn der Redner auch an das Gefühl seiner Zuhörer appellirt, wenn er sie weich zu stimmen sitcht und rühren will. Aber diese weiche gerührte Stimmung sollte nach meiner Meinung nicht als Ziel, sondern nur als Vorbereitung jnr die Zwecke der Predigt gelten. Ich habe noch nie gepredigt und werde wohl auch niemals dazu getangen, denttoch aber kann ich mir wohl vorstellen, daß der Redner für die Lehre und Ermahnung unter Umständen erst einen empfänglichen Boden in dem ernst und gerührt zu stimmenden Gemüt he seiner Hörer zu schassen für ersprießlich erachtet. Aber — um im Bilde zu bleiben — wie der ein thörichtcr Ackersmann wäre, welcher ans eine Ernte hofft, nachdem er das Feld umgebrochen, umgegraben und geeggt und damit den Boden für die Saat allerdings vorbereitet, aber nur die Klcinigleit vergessen hat, das aufgewühlte Erdreich mit Saatkorn zu bestellen, ebenso lhöricht handelt meines Erachtens auch der Prediger, welcher mit der Erbauung seiner Gemeinde seines Predigtamts vollauf gewaltet zu haben glaubt. So wenig Andacht der Zweck des Gebets, sondern nur dessen Vorbereitung ist, so wenig kann in Erbauung die Ausgabe der Predigt gipfeln. Durch Andacht sollen wir uns vor dem Gebete zu sammeln und unseren Gedanken die Richtung zu Gott zu geben suchen, damit wir in Ernst und Gottesfurcht den Inhalt des Gebets zu uns sprechen lassen können. Ebenso mag der Prediger das Gemnth seiner Gemeinde sich sammeln lassen, damit sie ihren Sinn und Geist auf die Worte der Belehrung und Ermahnung lenke, die er ihr angedeihen zu lassen beabsichtigt. Ich weiß sehr wohl, daß ich einem ungläubigen Kopffchütteln oder einem mitleidigen Lächeln begegne, wenn ich den Herren Predigern anempsehlen möchte, sich unsere Piutim als Vorbild für ihre Ansprachen dienen zu lassen. Rach meinem Dafürhalten haben die Paitonim die Erweckung von Andacht und die Erregung des Gemüths mit umfassender Belehrung und ergreifender Ermahnung zn vereinigen verstanden und liefern ein treffliches Muster für den Prediger, welcher nach ihnen seine Predigten ansarbeiten möge. Daun wird er nicht nur erbauen, sondern auch belehren nud bessern. ׳.Forisetz'lng folgt/) iüf (Wtcfnigk m GMitll. Die im galizischcu Landtage schon srüher vcrhandelte Frage über die Existenzberechtigung der sogenannten Ehadorim war am September wieder einmal Gegenstand der Tagesordnung. Es war seinerzeit zur Vcntilirnng dieser Frage eine Kommission niedergesetzt worden, welche beantragte, daß 1) alle im Lande bestehenden Ehadorim, welche nicht den allgenteinen gesetzlichen Bedingungen betreffs privater Volksschulen entsprechen, anfznheben seien, 2) man die einzelnen israelitischen Gemeinden veranlassen solle, ans den wohlthätigen Stiftungen unter Leitung dazu qualisizirter Personen Kindergärten nach Fröbel'schem Muster zn errichten, 3) an den von jüdischen Schülern zahlreich besuchten öffentlichen Schulen für jüdischen Sprach- und Rcligionsanterricht Sorge zu tragen sei. Wir müssen befennen, daß diese Kommissionsanträge denn doch nicht so ganz gerechtfertigt sind, wie sie vielleicht aus den ersten Blick hin erscheinen möchten. Denn wenn wir auch davon überzeugt sind und es nicht warm genug allen denen ans Her; legen können, welche wahre Freunde der Sache des alten nnverfülschten Indenthnms sind, daß eine Reform der Ehadorim unumgänglich nöthig ist, daß wir, wenn wir unsere Jugend für die Erfüllung und Bcthätignng des ganzen, vollen Gesetzes in Gesinnung und Leben heranziehen wollen, nicht allein nach der formalen Seite sie im Gesetze unterrichten dürfen, sondern sie vielmehr besonders Angesichts der Strömung der Zeit sie darauf Hinweisen und davon zn überzeugeii suchen müssen, daß das jüdische Gesetz unabhängig ist von jeglicher Zeit, daß jede edle und gute Bestrebung, jede wahre Erkenn tu iß nicht nur nicht im Widerspruche mit dem Indenthnm fleht, sondern vielmehr von demselben mit Freuden begrüßt wird, so müssen wir andererseits uns mit Entschiedcnhcit gegen obige drei Anträge verwahren, da wir in densekbeu etwas ganz Anderes erblicken, als lediglich die Absicht, die galizischen Juden zur Annahme der allgemeinen Bildung zu zwingen. Letzteres zn erreichen, genügte die Bestimmung, daß Jedermann verpflichtet sei, sein Kind in eine Schule zu senden, welche minbestens den Karaktcr einer Volksschule besitzt. Dagegen liegt es nicht in der Hand des Staates, einen Vater

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