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Jeschurun · 1884-10-02 · Heft 40-41 (2.10.1884) · p. 642

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 40-41 (2.10.1884)
Article
Deutschland : Berlin, 24. September [Nachricht]
Date
1884-10-02
Page
642 (sequence 2)
Language
German
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642 hineinziehen möchte, so erinnert das doch an die sin-! sterstcn Zeiten des Alittelaltcrs, wo im Namen Gottes! Scheiterhaufen angesteckt wurden. Traurig ist cs, daß! man einen Mann des Gotteswortes erst an das Gebot j erinnern muß: ״Du sollst den Namen Deines Gottes! nicht uuuützlich sührcn!" — 'Ans die Plänkeleien zwischen ,Fortschrittlern und Konservativen weiter cinzugehcn, ist meine Sache nicht. — Meine Ausgabe für heute ist, glaube ich, erfüllt. Möchte ich noch über viele derartige Reden zu berichten haben. L-r. Berlin, 20. September. Die zu der diesmaligen SchwurgerichtSperiodc einbcrufenen Geschworeneu jüdischer Konfession beantragten beim Gerichtshöfe, daß sie am 29. d. AI. wegen des Lersöhmmgstagcs non der Theilnahme an der Sitzung befreit würden. Ihrem Anträge wurde entsprochen. -a- Berlin, 20. Scpt. ES ist wahrhaftig bisweilen rührend zu hören, was für Klugheiten der Mensch zu Tage befördern kann. Da bekommt man denn so recht einen Einblick in die Geisteskraft, welche den Menschen vom Thicrc unterscheidet. Mit einer solchen scharfen Verstand, großartige Dcnkkraft verrathcnden Klugheit, der wir zur Steigerung das vorgesetzte Wörtchen super nicht vorenthalten können, hat nufer lieber Freund — den Namen brauche ich wohl nicht noch zu nennen, da er ja allen Lesern genügend bekannt ist - - die Seit dieser Tage beglückt. Was sagen Sic zu der schlauen Bemerkung des Biederen: ״Wir sind eine deutsche Stadt und keine Judenstadt, wir sind des deutschen Reiches Hauptstadt." Nun, diese Behauptung, diese erschütternde Wahrheit hätten nur auch schon in dem kleinen Daniel, jenen! bekannten Geographie - Lehrbnchc, entdecken können. Doch wir wollen darüber nicht streiten, nehmen wir ruhig an, Herr Stöcker sei der erste, der nach vielen Klügeln und Grübeln gefunden habe, Berlin sei die deutsche Hauptstadt. Damit hat nian noch immer nicht das Pnlvcr erfunden, wenn!nan es sich auch manchmal cinbildct. Suum cuique! Jedem das Seine, lassen wir also dem Herrn Hospredigcr das für ihn Passende, ihn Karakterisircnde. Aber wir sind keine Judenstadt! Wieder ein geographisches oder sagen wir lieber, statifrisches Rüthsel! Berlin zählt an l 4/י Millionen Einwohner, davon sind etwa 55 OOO Juden. Diese Zahlen sind wohl Jedem bekannt. Jetzt kommt aber die Schlauheit Stöckers und zieht den seinen, gcistreichen Schluß, daß das Bcrhältniß der christlichen Einwohnerzahl zur jüdischen 25: 1 ergebe, daß. man merke wohl, Berlin keine Judeustadt sei. Bravo! Da. capo! — Doch nein, erlassen wir Herrn Stöcker das da. capo, er ist gewiß so angestrengt vom Nachdenken, daß wir ihn nicht noch mit einer Wiederholung belästigen wollen — wir Juden sollen ja schon so wie so zu aufdringlich und anmaßend sein: — also wollen wir ihm keinen Grund geben, solches wieder zu dehaupten. Doch — was sehe ich? Herr Stöcker ist noch frisch bei Kräften. Denn er hat eine neue Klugheit geboren — ungefähr wie Zeus die Athene —. Nun,' sie mag ihm auch eben solche Kopfschmerzen verursacht haben. Vor zehn Jahren, meint er, sei Berlin durch die Fortschrittsjudcn tcrrorisirt gewesen. Deshalb agitire er gegen die vatcrlaudslosen, nngläubigen Leute. Fragen wir einmal einen ehrbaren Berliner Bürger, ob er denn vor den Juden ein Grauen besitze. WaS er antworten wird, wissen wir. Na, Herr Stöcker, Sie tapireu die Berliner aber auch nicht recht hocl): Eine Million Menschen lassen sich von 50 000 anderen terrorisiren. Ihr armen Berliner. Wie die Hunnen, die Mongolen Deutschland, wie Melac die Pfalz terrorisirte, so stürmen die wilden Schaaren der Semiten jetzt erbarmungslos, die Brandfackeln in den blutigen Händen schwingend, auf Euch ein. mordend und sengend! Wehe Euch — ah, guten Tag, Herr Nachbar, was wünschen Sie? ״Ach, Sie kommen doch und trinken 'ne Weiße mit ein paar guten Frennden." — ״Natürlich." Und ich gehe und terrorisire meinen christlichen Nachbar beim Glase Bier. — Vaterlandölos, ungläubig sind die Juden. Nun, ich bin Jude, bin in Berlin geboren, zahle bem Staate und der Stadt Steuern und glaube an einen Gott. Na, vielleicht nimmt mich Herr Stöcker ans. 8. F. Nakel, 20. September. Der Kandidat für den Wahlkreis Wirsitz-Schubin, Herr NcgiernngS- Präsident v. Tiedemann (bekanntlich früherer Sekretär Bismark's) hat vor seinen Wählern in Nakel n. A. über seine Stellung zum Antisemitismus sich in einer Weise geäußert, welche ganz besondere Aufmerksamkeit verdient. Der Redner sagt, die Bewegung sei ihm stets nnsympatisch gewesen, da er das Aufwühlcn von wilden häßlichen Leidenschaften an und für sich für gesährlich halte, besonders wenn Männer sie leiteten, welche selbst nicht wüßten, was sie wollten. Die den Juden durch das Landrccht und die Verfassung garantirten Rechte müßten ihnen bleiben. So lange die antisemitische Bewegung in den bisherigen Bahnen bleibe, halte er sie in ihren Zielen für unklar und in ihren Mitteln für verwerflich. Eincni Anträge, der die Ausübungen der bürgerlichen Rechte abhängig mache von 'dem religiösen Dekenntniß, würde er niemals znstimmen. — Wie sollen wir über die Stellung des Herrn v. Tiedemann urtheilcn? In eine Reihe mit Stöcker, Wagner, Eremrr :c. können wir ihn nicht stellen, da er sich ja gegen diese deutlich erklärt hat. Dürfen wir ihn als Gegner des Antisemitismus betrachten, als den Juden wohlwollend gesinnt? Der oberflächliche Beurtheiler wird wahrscheinlich mit ״Ja"

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