Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 40-41 (2.10.1884)
- Article
- Ein glücklicher Wurf!
- Date
- 1884-10-02
- Page
- 640 (sequence 2)
- Language
- German
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640 .,Aha', jetzt beginnt die Konfiskation bei* (Hegen- '! stände, deren Benutzung verboten," dachten alle Drei: dann wird die Verkündigung der Strafe folgen," und alle Drei traten instinktiv einige Schritte zurück; aber wer vermag das Gefühl beseligender Entzückung zu schildern, das sie im nächsten Momente durchschaucrte, als sich der Rabbi die langen Acrmel des seidenen Kaftans cmporschlug. sich an die Kegelbahn stellte und, nachdem er eine kurze Zeit gezielt, die Kugel mit voller Kraft auf dem Anlegcbrette sornollen ließ. Einen Augenblick herrschte vor Ucberraschung, Aufregung, Spannung eine lautlose Stille, die bloß durch das Klappern der umfalleuden Kegel unterbrochen wurde. Rabbi Ezechiel Landau war nicht nur ein Geistcsriese, sondern auch im Besitze riesiger Körperkraft; alle seine Sinne waren höchst geschärft, er besaß einen sichern Blick, ein feines Gehör, einen wunderbaren Tastsinn, der sich namcntlich bei der Prüfung der Schlachtmesscr, die nicht die allerkleinste Scharte haben dürfen, bemerkbar machte. In Allem, was Rabbi Jecheskel Landau unternahm, zeigte er sich als Meister, und auch aus diesem ihm völlig neuen Felde, das er zum ersten Male betrat, blieb er Sieger, denn der Kegcllmb verkündete mit weithin schallender Stimme, was die erstaunten Bachurim ja mit eigenen Augen sahen: ״Alle nenn!" Ein frenetischer Jubel erfaßte die drei Bachurim, cs überkam sie ein Gefühl, als wären sie mit Märchen- Hafter Plötzlichkeit auö den schwarzen Tiefen eines schaurigen Abgrundes an das rosige Licht der goldenen Sonne emporgezogen worden. ״Alle neun!" schrieen sic im wilden Chore und vor Entzücken sprangen sie in die Höhe und klatschten in die Hände. ״Der Rabbi kann aber Alles!" jubelte Gcrschom und küßte in überströmcndcm Enthusiasmus dessen Rechte Da nun der schwarze Lob die Linke an seinen Mund führte, blieb David Manetin nichts übrig, als seine Lippen ehrfurchtsvoll ans den Saum des lang herabwatlenden Kaftans zu drücken, so daß selbst der scharfblicken Rabbi sich die grenzenlose Freude seiner Jünger, nicht vollständig M erklären vermochte. Aber cs schien, als wenn an diesem merkwürdigen Ehamisso-oszcr׳beow- Nachmittage die sonderbaren Ucberraschungcn gar kein Ende nehmen sollten. In den lauten Inbclrufen der jungen Leute hatten sich auch Ausruse des Erstaunens gemischt, denn wahrend der Prager Oberrabbiner am Kcgctptane stand und seine Jünger für nichts Anderes Aug' und Sinn halten, als für den illnstren Kegelschieber, hatten sich, ans dem weichen Gartenbodcn unhörbar, drei Männer genähert, der Rosch-beS-din von Prag Rabbi Maierfischl und die beiden Oberjuristen Nabbi Salmen Einrich und Rabbi Löb Kassewitz. Die drei Herren hatten den schönen Nachmittag zu einem Besuche bei dem Oberrabbiner benutzt, waren gemeinschastlich heransgefahren und hatten ihn, als sie ihn nicht in der Wohnung fanden, im Garten ausgesucht. Sic kamen eben glücklich in dem Momente an, wo der Prager Oberrabbincr Nabbi Jecheskel Landau, welchen man schon damals in der ganzen jüdischen Welt als Rabbon schc kol bne hagolo') bezeichnctc, ״alle neun" geworfen hatte, und in dem Jubelrnfe der jungen Leute klang der Ausruf: ״Schomajim woorez!"׳) des überaus frommen Rabbi Salinen Emrich und jener des Nabbi Löb Kassewitz: ״Sapprn bagojim!"'') zusammen. ״Was macht ihr denn da, Rabbi?!" schrie der völlig versteinerte Red Salmen Emrich, bevor noch Jener das gebräuchliche: Brnchim haboim^) entgegenrufen konnte. ״Ich werfe Kaulen," erwiderte der Nabbi ruhig, lieber des großen Denker Rabbi Maiersischcl's Gesicht huschte ein feines Lächeln, Rabbi Lob Kasfewitz stieß vor Erstaunen sein großes, mit einem Goldknopfe geziertes Bambusrohr in den weichen Gartenboden, aber Salmen Emrich, ein Süddeutscher, rief mit cklüglichcr Stimme: ״Nabbi, ihr meint, ihr werft Kaule?.... ei na! ihr thut Kegel spiele, was wir verböte habe.. Rabbi! Im boarosim noflo jchalhewes ma jasze asuwo de kir?!'') Einen Augenblick war der Oberrabbincr von dieser cigenthümlichcn und überraschenden Enthüllung betroffen. Er konnte nicht einen Augenblick daran zweifeln, daß der schwarze Löb sich ihm gegenüber geradezu eine absichtliche Täuschung hatte zu Schulden kommen lassen; einen Moment war er geneigt, aufznsahren, aber er versetzte sich in des schwarzen Löb Lage und mußte sich's gestehen, daß dieser eigentlich nur dem Drucke moralischer nnabweislicher Nothwendigkeit gefolgt war und eigentlich auch keine nachweisbare, gewissermaßen gar keine Lüge gesagt hatte. Er hatte seine Frage: ״Was macht ihr da?" mit ״Kanten werfen," beantwortet, und das war ja vollkommen wahr! l) Lehrer der gesammlen Jndcnhcit der Diaspora. ־) •vüntmcl und tfrbc! a) Erzählt eS den Völkern. 4) Gesegnet die da kommen. Wenn die hohe Eeder von der Flamme ergriffen wird, was soll der niedere Esop beginnen?! (Fortsetzung folgt.) _ Druckfchlcr-Bcrichtlgung. 622, Ap. 2, 20 statt Versenmeer l. Nicsenmeer: ״ 22 ״ ,2 ״ ,622 ״ geschult ״ geschickt: 62 ״:i, ״ 13 .. ,2 ״ beschränkten ״ beschämten