Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 40-41 (2.10.1884)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in Mecklenburg
- Date
- 1884-10-02
- Page
- 631 (sequence 2)
- Language
- German
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seinen Schwesterhansestädten folgend, die Juden, die es in schwacher Zahl und unter dem stärksten Drucke in seinen Mauern beherbergte, hinauswies (1350). Jüdisches Blut scheint bei dieser Ausweisung nicht geflössen zu sein; denn die unter den Juden zirkulirendc Sage, der zufolge die ״Blutstraße" (die noch jetzt in Rostock besteht) von einem Judengemetzcl ihren Namen erhalten haben soll, entbehrt jeder historischen Unterläge. Bei den blutigen Bürgerkriegen, die in Rostock wüthctcn, ist die Quelle dieses Namens bald gesunden. Es existirt allerdings in Rostock noch jetzt eine Straße: ״Bußebart" genannt. ES scheint jedoch, wenn diese Benennung mit einer historischen Bedeutung eines Judenmordes oder einer Judcnmartcr zusammcnhängt, diese mehr einem einzelnen Juden zu gelten und kann nicht in diese Periode gesetzt werden. Wie Wismar, hat auch Rostock seit 1350 über ein halbes Jahrtausend keine einzige jüdische Familie unter seiner Bevölkerung gezählt. Auch hier hat erst daS Freizügigkeitsgcsctz (1867) die Initiative ergreifen müssen und mit seinem kategorischen Imperativ die Duldung von Juden energisch vorgeschrieben. Jetzt wohnen zahlreiche Familien (60 oder 70) schon dort, und man geht mit dem Plane um, statt eines gemictheten BetlokalS sich eine Synagoge zu erbauen. Allein der religiöse JndisferentismuS ist zu groß unter den jetzigen dortigen Juden, als daß jene Absicht schon zur That geworden wäre. (Fortsetzung folgt.) Wachigcstirne. Historische Novelle aus der Feudalzeit Ungarns Von Samuel Berthold Nosuer. - . —- (Nachdruck verboten u. Ucbcr^ Icyungorccht vorbkhalten (Fortsetzung.) Die Märtyrer ziehen vorbei wie auf den Wellen der innnerfort tönenden Sphärenmusik und winken herüber mit ihren lichten Armen zu dem in der Finsterniß weilenden Rohrbach, ihn einladend, ihrem Zuge zu folgen. Er möchte ihnen gerne folgen, vermag es aber nicht. Da deuten sämmtliche Lichtgestalten mit ihren Fingern hinab, und er, der Richtung folgend, blickt ineinem unermeßlich tiefen Abgrund. Weit, weit unten fast am Boden deS Abgrundcs gewahrt er eine große Menge von Leichnamen. Er lächelt, er hat das Zeichen der Lichtgestalten verstanden. Er läßt auch seinen Körper zu den übrigen Leichnamen in den Abgrund fallen, seine Seele erhält Schwingen — in einem Momente hat sie die endlose Entfernung durcheilt und schließt sich dem lichten, strahlenden Zuge an. Dort oben aber ist's so seelig! — Es war zur Abendzeit, als die zwei Brüder NohrbachS über die Zugbrücke schritten. Sie verbargen sich hinter einem der an: Flußufcr zahlreich vorhandenen Gebüschen, in später Nacht fam dann der Gefängnißwärtcr und führte sic auf heimlichen Wegen in den Kerker ihres Bruders. Es war eine tief erschüttcrndc Szene, die das Wiedersehen der drei Brüder darbot. Sie hielten sich lange umschlungen und ihre Thränen flössen ineinander. Der Vater Gabriels unterbrach zuerst das lautlose Schweigen, welches nach der ersten Umarmung im Kerker entstanden war. ״Armer Bruder," sagte er, ״wie viel mußt Du gelitten haben!" ״DaS weiß Gott," versetzte jener dumpf, ״ich bin es schon seit Langem müde, über meine Leiden nachzudenken. Wie stehn die Dinge draußen bei Euch?" ״Schlecht, sehr schlecht," versetzte der Dritte der Brüder, ״der Januucr unserer armen Glaubensbrüder ist über alle Maßen groß. Alle Juden aus der ganzen Umgebung sind in unser Städtchen zusammengeströmt und in allen Gassen hört man nichts als Jammer ץ und Wehklagen. GotjcS Hand lastet schwer auf seinem Volke." ״Weißt Du," fragte Chajim Rohrbach zu Salomon gewendet, ״daß bis morgen Mittag alle Juden das ganze Gebiet der gräflichen Besitzungen verlassen müssen, ohne etwas Anderes mitnehmcn zu dürfen, als ein Stück Brot, um für die nächste Zeit das nackte Leben fristen zu können? Mit dem Bettelstab in der Hand müssen wir die lieben Stätten der Heiutath verlassen und in die Fremde hinausirren." ״Ich weiß alles," erwiderte Salamon Rohrbach, ״und das ist es auch, meine Brüder, warum ich Euch an diesen finstern Ort zu mir herbcscheiden ließ. Ich wollte Euch noch einmal sehen, bevor ich meinen Vorsatz ansführe, und Euch bitten, Euch meiner Wittwe und Waise liebreich anzunchmen, wenn ich nicht mehr sein werde." Ehajim versetzte mit halbersticktcr Stimme, die Hand seines Bruders erfassend: ״Verzweifeln wir noch nicht, mein Bruder, hoffen wir noch auf die Allgüte Desjenigen, der die Gefangenen befreit!" Salamon aber sprach mit trübem Ernst: ״Der Allurächtige ist gerecht, und in seiner Gerechtigkeit hat er meinen Untergang beschlossen. Ich kann nicht mehr hoffen, alle Lebensgeister sind in mir erstorben, mein Muth ist gebrochen." — Dann fuhr er fort, erst mit vor tiefer Bewegung zitternder Stinune, und dann vom Gefühl hingerissen, hell schluchzend: ״Ich habe sein gütiges und gerechtes Verhängniß inuner mit Ergebung entgcgengenommen — sollte sich aber doch in der Tiefe nieincs Herzens ein unlauterer Gedanke geregt, oder ein murrendes Wort meinen Lippen sich