Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1884)
- Article
- Rußland [Nachricht]
- Date
- 1884-09-25
- Page
- 620 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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020 Monatsbericht der Alliance Israclite Universelle entnimmt diesem Bericht das Folgende: Als Graf Ignaticff — ׳Nachfolger von Vorie־ Meli ko ff — die Leitung der Staatsgcschästc übernahm, beeilte er sich, zahlreiche Kommissare zu ernennen, um in den verschiedensten Zweigen der Verwaltung Reformpläne auezuarbcitcn. Die Unruhen, welche in! Süden stattgcfnnden, und die Anfechtungen, wclchc die Israeliten in anderen Theilen des Kaiserreichei erduldet, mahnten die Negierung daran, sich mit der jüdischen Frage zu beschäftigen, und cs wurde eine Kommission ernannt, die einen dicsbezüglichen Rapport vvrberciten sollte. Diese Frage interessirtc lebhaft sowolst daS Publikum. wie die Presse, und eine freie Diskussion über die Lage der Inden hätte jedenfalls das Werk der Kommission erleichtert, indem sic ihr einige nutzbringende Maßnahmen an die Hand gegeben hatte. Aber die die Kritik fürchtende Negierung. stets von der Angst geplagt, die öffentliche AK e i 1111 n g aufgerciz 1 z 1t sche 11, und dadurch allerhand Unglück heraus zn beschwören, veröffentlichte am 31. Mai 1 ÖS 1 ein Zirkular, welches ״die Verössentlichung von Artikeln tintersagtc, welche geeignet wären, Unzufriedenheit mit den Maßregeln der Negicrung hcrvorznrnfen, Artikel die nicht geduldet werden dürften, besonders zu einer Zeit, die solche Schwierigleiten bietet, wie die jetzige." Mit andern Worten, man hatte nur die Alternative, zu schweigen oder durchgehend alle Maßnahmen der Regierung zu loben. — Am l 0. September hielt es die höchste Behörde für angezeigt, die Veröffentlichung jeder Nachricht zu inhibircn, welche sich auf den Rapport der Spezial- Kommission bezüglich des Verhältnisses zwischen der russischen und jüdischen Bevölkerung bezog. Am 20.April wurde wiederum ein Zirkular verbreitet, durch welches eS verboten wurde, dem Publikum Mittheilnng zn geben, über die im Ministerrath gepflogenen Verhandlungcn in Bezug aus die Juden, und im Allgemeinen die israelitische Frage zn behandeln. — Der ״Tele - grapste", eine Zeitung, welche gegründet wurde, um die Interessen der Juden zu vcrthcidigcu und eine Fusion der beiden Nassen herbcizufüstren, erhielt das Verbot, die jüdische Frage zu berühren. Kreta. d>. Der Freiherr Hermann von Maltzau veröffcntlicht in Nr. 22 der ״Rundschau" seine Reise- Erinnerungen-von ftrcta und berichtet über die Inden von Kauen, der gegenwärtigen Hauptstadt der Insel, daß dieselben hier nur eine sehr bescheidene Nolle spielen. Sic sind namentlich Blechschmicde, und der Ressende hatte wiederholt Gelegenheit, ihre Rechtlichkeit zu erproben. Amerika. * New-Nvrk, 5. September. Wie von dieser Stadt aus mitgctheilt wird, sind 28 mittellose Ein- Wanderer, die vor mehreren Wochen mit dem Dampfer ״Westphalia" in Ncw-Iork ankamcu, aber von den AuswauderungS - Kommissären zurückgcsandt wrüden, aufs Reue nach den Vereinigten Staaten abgereist, und;war werden sie wahrscheinlich in Philadelphia landen. Die Reisekosten sind von einer jüdischen Wohlthü 1 igkei tS-Gesellschaft bestritten worden. Sie fuhren von Hamburg per Dampfer nach Wcst-Hartlepool in England. Die Herren Peter Wright and Sons sind ersucht worden, alle in ihrer Macht stehenden Mittel anzuwcndcn, um die Einschiffung dieser mittellosen Passagiere in Liverpool zu verhindern. * New-Aork, 20. September. Wie ein Telegramm ans Rew-Aork meldet, so berichtet die ״N.. Pr. Z." sind die 200 rumänischen Juden, welche auf der Auswanderung nach Amerika am 22. August d. I.. durch Berlin gekommen, jetzt auf amerikanischem Boden gelandet, ohne daß ihnen, die dortigen Behörden Schwierigkeiten bereitet hätten. Es soll nunmehr dort auch ein ״ArbeitS-Nachweise-Büreau für auswärtige Israeliten" errichtet werden, wie ähnliche Bürcanx bereits in New-Aork für andere Einwanderer bestehen. -is. New-Hork, 5. September. Während man sich allenthalben rüstet, den hundertsten Geburtstag unseres großen Montefiorc in würdiger Weise zu begehen, sollte mau doch wahrlich vor Allem darauf sehen, daß die Feier wirklich im Sinne deS Jubilars abgchaltcn wird. Eine hiesige Gemeinde hat aber den Entschluß gefaßt, den Montcsiorctag dadurch würdig zn begehen, daß sie denselben mit der dauernden Verlegung des SabbathS auf den Sonntag feierlich inaugnrirt! C. Aus Wcstamerika. Trotz des LärmenS, mit welchem die ausschweifendste Reform die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf sich zu lenken weiß und der Unverfrorenheit, in welcher sie die Leugnung der jüdischen Religion als daS wahre ״amerikanische Judenthum", dem allein die Zukunft gehören soll, proklamirt, kann sie sich doch nicht verhehlen, daß cS mit dieser vielgcrühnttcn Anziehungskraft im Grunde doch sehr schlecht bestellt ist. Von dem ganzen Judenthume ist ihnen nichts geblieben, als ein einmaliger Gottesdienst in jeder Woche, aber dieses ist auch noch za viel, denn die frommen, erleuchteten und gebildeten Gcmcindeinitglicdcr haben keine Zeit, sich in die prächtigen Tempel zu bcgeben und sich an Drgelklang und Gesang zu ergötzen und an den langweiligen oder interessanten Predigten zu erbauen. DaS Geschäft kann man doch unmöglich im Stich lassen! Da stehen nun die RcvcrcndS und wissen sich keinen Rath. Die Einen glauben, die Ver-