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Jeschurun · 1884-09-25 · Heft 39 (25.9.1884) · p. 618

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 39 (25.9.1884)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1884-09-25
Page
618 (sequence 2)
Language
German
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618 vor einigen Wochen Jakob Rcbensaft wegen Ueberlrclnng gegen die körperliche Sicherheit zu zwei Tagen Arrest vcrnrthcilt worden, weil er bei Vornahme der ritucltcii Operation an einem nengcborncn israelitischen Knaben demselben eine Verletzung zugefügt hatte, zu deren Heilung vierzehn Tage erforderlich waren. Die Vernrthcilung gründete sich auch daraus, - daß der Operateur keinen Arzt zu dem Akte;!!gezogen hatte. Der Appcllsenat, unter Vorsitz des vandcsgcrichtsrathcs Sicking er, sprach heute den Angeklagten in Folge der Berufung seines Vcnhcidigcrs Du. Kaschenreut her mit der Begründung srci, daß Rebensaft schon seit achtzehn Jahren dieselben Funktionen ohne nachtheiligc Folgen ansführc, und daß die diesmal eingetrctencu uachtheiligcn Folgen einem Zufalle znzuschrciben seien. K. Pest, 25!. September.- Gestern Mittag zur Zeit des Gottesdienstes wurde an einer Thür des SynagogenhoseS in der Tabakgasse ein um sangreiches Packet hängend gesunden. Ein Konstabler nahm dasselbe herab und entdeckte darin eine Bombe, welche mit einer Zündschnur versehen war. Die Bombe hat einen Durchmesser von zehn Zentimeter; an der Zündschnür sind zwei Drähte angebracht, die durch Glasröhren utit der Bombe in Verbindung gesetzt sind. Die Polizei- und Militärbehörden sind mit der Untersuchung cifrigst beschäftigt. Die Aufregung ist eine allgemeine. War cs ans die Synagoge abgesehen, oder sollte mit diesem Projektil ein anderes Attentat ausgeübt werden? Diese ׳Frage wird eifrigst ventilirt. W. Prag, (51111. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger, der Sonne Glut läßt nach, kühler fächelt der Wind — die Fremden, welche in den böhmischen Kurorten Heilung gesucht, eilen ihrer Hcimath zu. Ihr Weg führt sie vielfach über Prag. ES sind jetzt säst fünfzig Jahre her, da besuchte mich um diese Jahreszeit ein Freund mit seinem Sohne, der auf der Heimreise von Karlsbad begriffen war. Ich sührte ihn in die Altnen-, KlauS-, Pinkas-, Meisel-, Zigeuner-, Alt-, Großehof-,'Hoch- und Neusynagogc. Die Fremden waren Lies ergriffen von dem Gottesdienste. Diese großen und die zwanzig kleineren Synagogen waren überfüllt. Ohne Choral, Orgel, Predigt, aber innig aus der Tiefe des Herzens kommend, wurde das Morgmgcbct verrichtet. Der Elul mit seinem machtigcn Schofarhall, dem Vorboten der ernsten Tage des Gerichts und der Sühne war cS, der die Seele der Beter zu Gott erhob. Der Elnl bildete den Abschluß eines Jahres, welches in der Ausübung der göttlichen Gebote, in der Beschäftigung mit der Thora leinen Inhalt gefunden hatte. — Meine Freunde vcrließen die böhmische Hauptstadt nur dem gewonnenen Eindrücke eines acht jüdischen Lebens, das in solch itnponirender Größe ihnen noch nicht entgegengetreten war. — Heuer suchte mich der Sohn meines langst entschlafenen Freundes auf. Er kain ebenfalls von Karlsbad. Ich gedenke noch des Bildes, welches Prag im Elul vor fünfzig Jahren gewährt hat; führen Sie mich wiederum in die ehrwürdigen Gotteshäuser, daß sich meine Seele erhebe an dem Anblick der großen frommen Belcrschaar, sprach er zu mir. — Das alte Prag, welches in Ihrer Erinnerung lebt, ruht auf dem Friedhof, antwortete ich ihm in düsterer Stimmung. Es ist nur noch ein schwaches, kleines Häuflein davon vorhanden.-Wann wird die alte jüdische Innigkeit wieder in unser Herz einzichen? Gott verleihe allen Bestrebungen seinen Segen, die solches Ziel sich gesetzt. — Der Schofar hallt noch heute in Prags Gassen — möge er verstanden und beherzigt werden, dieser Gottesrnf! — N. W. Prag, IG. September. DaS ״Prager Tageblatt" erzählt unter dem Schtagworte ״Von den Manövern auf dem Marchfcldc" folgende pikante Episode: Ein Oberst wendete sich an den ihm persönlich bekannten Arzt Dr. Nenwirth in Angern (Oesterreich) mit der Bitte, ihm für die Dauer der Manöver, ,zu welchen er kommandirt sei, in Angern ein Onartier anszumittcln. Nur wäre eS ihm sehr erwünscht — so schrieb der Oberst — wenn die Qnartiergeber leine Juden seien. Darauf erhielt der Oberst von Di*. Ncuwirth folgendes Schreiben: ״Sehr geehrter Herr Oberst! Der Eventualität, bei Juden cingnartiert zu sein, sind Sie durch die Umstände bereits enthoben. Es befinden sich nämlich in Angern nur zwei jüdische Familien. Die eine beherbergt den Erzherzog Albrecht, die andere den Erzherzog Wilhelm. Diese andere Familie ist diejenige Ihres ganz ergebenen Di*. Nenwirth." Schweiz. E. Zürich, 17. September. Gestern wurde die hiesige neu erbaute Synagoge durch Di׳. Engelbert in St. Gallen eingeweiht. Details folgen. ...r. Vasck, 19. September. Der hiesige Erzichungsrath hat an sämmtliche Lehrer, der hiesigen Schulen ein sogenanntes Toleranzcdikt erlassen, worin den Lehrern empfohlen wird, sich ja nicht herbeizulassen, die konfessionellen Unterschiede bei der Jugend in irgend einer Weise derart zu berühren, daß dies Anstoß erregen konnte. Besonders bei Auswahl der Lieder sollte auf Israeliten Rücksicht genommen werden. b Langenthal, 19. September. Die verurtheilten MctzM und Schächter haben nun doch gegen die verhängte Strafe die Appellation eingcrcicht. Ueber den ferneren Verlauf werde ich Sie seiner Zeit unterrichten.

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