Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-09-18
- Page
- 600 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933087-2958552--16682-2958604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
600 ich unschuldig leide, daß an der Anklage, als hatte ich die Kirche beraubt, kein wahres Wort ist!" ״Das Alles sollte ich wissen?" versetzte der Pfarrer höhnisch. ״Du bist im Jnthum, ich weiß von nichts mehr, als daß man die geraubten Kirchengerüthe in einem Tuche gesunden hat, aus welchem Dein Name steht, und welches Du ja selbst als Dir gehörend bc- .zeichnet hast. Auch wurde der Raub nahe bei Deinem Garten vergraben gefunden, ist es da nicht klar wie die Sonne, daß kein anderer, ms Du der Kirchenräuber sein kann? Bist Du also bereit, Dich vor dem Gerichte für schuldig zu bekennen?" ״Nie und nimmer," murmelte Rohrbach. ״Man wird Dich aus die Folter spannen!" ״Gott, mein Gott," seufzte der gebrochene Mann, ״Du bist gerecht, — womit habe ich Deinen schrecklichen Zorn gegen mich wach gerufen! Erbarme Dich meines WeibeS und meines unschuldigen Kindes," flehte er dann händeringend. ״Seines Kindes," murmelte der Geistliche kaum vernehmbar, und in seinem Antlitze zuckte iS leidenschaftlich auf, wie die erste Feuergarbe in finsterer Nacht, eine mächtig lodernde FenerSbrmist verkündigend. Alle Muskeln seines Gesichtes spannten sich, und die Augen schienen weil hervorzutreten, als er. sich vorbeugend, sagte: ״Ich will Dich ans dem Kerker befreien, ich will Dich und die ganze Iudengeincinde glücklich rnachcn, kein Mensch soll cS fürder wagen dürfen. Dir oder den andern Juden etwas anhaben zu wollen, ich will Eure Zukunft sichern — dafür mußt Du mir einen Preis gewähren, den ich mir auSbcdiuge." Rohrbach wendete den Blick weg von dem furchtbar erregten Gesichte des Geistlichen und strich sich mit der heftig zitternden Hand über die bleiche von Schweißtropfen bedeckte Stirne. ״Der Preis, der Preis," keuchte er kaum hörbar. ״Ist Leah," murmelte der Pfarrer. Ein duntpfes Stöhnen hallte von der finsteren Bogtnwölbung des Kerkers wieder, die Fesseln Rohrbach's kreischten laut wie eine Schaar anfgescheuchter Raben, und der Pfarrer stieß einen halbersteckten Hülferuf aus. Die Kerkerthüre fiog auf, und der hereinstürzende Folterknecht riß Rohrbach, dessen Nägel sich tief in den Hals des Pfarrers cingebohrt hatten, zurück und drückte ihn gewaltsam aus sein Strohlager nieder. Eine Viertelstunde später wurde er in die Folterkammer überführt. ״Gestrenger Herr," sagte der Pfarrer zum alten Grafen Ormai, schreckensbleich und schlotternden Ganges in dcficn Gemach tretend, ״alle Versuche, den Bösewicht zu einem reuigen Geständnisse zu bewegen, waren vergebens. Es scheint, daß er durch die GotteSlästerung, die er au den heiligen Gcräthen unserer Kirche begangen, ganz der Gewalt des Teufels verfallen ist. Als ich, um auS seinem verderbten Herzen den Teufel zu verjagen, laut den Namen des Allmächtigen rief, da wurde er wnthcnd wie ein Raubthier und wollte mich erdrosseln. Seht her, gestrenger Herr!" — er wies auf seinen Hals, wo die blutigen Nägelspuren sichtbar waren. ״Mit Nachsicht werden wir da nimmer an'S Ziel kommen." ״So gebrauche strenge Mittel," befahl der Graf, die Augenbrauen finster zusammenziehend; ״die verdämmten Juden sollen nicht ungestraft die Religion des Gekreuzigten zur Ehre ihres eigenen Wahnglaubens schänden und beschimpfen dürfen. Lasse den Kirchenräuber auf die Folter spannen!" Der Pfarrer verneigte sich dcmuthsvoll vor dem Grafen. ״Ich blicke zu Ew. Gnaden ehrfurchtsvoll aus, wie zu der glorreichen Gestalt des heiligen Königs Stefan, des Begründers dieses Reiches, oder des heiligen Ludwig auS Frankreich, die ihren mächtigen Arm jederzeit dem Dienste und Schutze der Kirche widmeten, und ich bin überzeugt, daß Euch, gestrenger Herr, dort, wo die Tugenden der Sterblichen belohnt werden, kein geringerer Preis zu Thcil werden wird, als jenen gekrönten Vorkämpfern des ChristcnthumS. Der heilige Geist spricht auS Eurem Mund, gestrenger Herr, und darum beuge ich mich gehorsam vor Eurem Ausspruch und werde über den Sünder die läuternden Qualen der Folter ergehen lassen. Ich entschließe mich nicht gerne zu diesem Schritt, denn ich möchte den Schuldigen lieber durch sanfte, zum Herzen dringende Worte liebevoller Ucberrcdung auf den Pfad des Heiles leiten — aber ich sehe selber ein, daß wir auch auf diesem Wege nicht zum Ziele gelangen werden. Man muß sic kennen, die Hartnäckigkeit der Juden, gegen die selbst ihr Lehrer Mosis nichts auSrichtcn konnte! Ich weiß, der Jude wird sich eher in Stücke reißen lassen, als daß er das Verbrechen cingestchen wird — ״Er muß gestehen," unterbrach ihn dcr Graf, mit dem bespornten Fuße heftig aufstampfend, ״er muß. und auch seine Mitschuldige muß er bezeichnen. Du sagtest doch, Pfarrer, daß er solche haben müsse, wie?" ״Allerdings," bethencrte dieser, sich abwcndend, um ein Lächeln des Triumphes, welches seine Mund- Winkel nmzucktc, zu verbergen, ״allerdings ist cS unmöglich, daß dcr schwache Jude Rahrbach allein den schwierigen Raub auSgeführt haben soll, er muß Mitschuldige haben. Also, was thun wir, wenn der Jude doch nicht auSsagen wollte?" Der Graf zuckle mit den Achseln. (Fortsetzung folgt.)